Durch den Kiez

Isabell Polak: "Am Senefelderplatz geht mir das Herz auf!"

Isabell Polak:
Anfang der 2000er kam die Schauspielerin Isabell Polak nach Berlin. Ihre erste Anlaufstelle: der Senefelderplatz. Zur Foto-Galerie
Ganz schön witzig und vielseitig! Mit der Schauspielerin Isabell Polak flanieren wir einmal quer durch den Kollwitzkiez und sprechen über erinnerungswürdige Kegelverein-Ausflüge, Frauen in der Comedy, Fanmomente am Set zur Serie Der Club der roten Bänder und ihre liebsten Adressen im Prenzlberg.

Die U2 braust ein, wir steigen aus und mit großen Buchstaben steht dort Senefelderplatz geschrieben. 1913 wurde der Bahnhof eröffnet und etwas mehr als hundert Jahre später haben wir hier unsere Verabredung mit der Schauspielerin Isabell Polak. An dem U-Bahnhof kam die gebürtige Fränkin 2002 an, als sie sich nach dem Abi entschieden hatte, für ihre Schauspiel-Ambitionen nach Berlin zu gehen.

„Immer wenn ich am Senefelderplatz bin, dann geht mir das Herz auf. Es war damals so ein elementarer Moment für mich, als ich hier ausstieg, mich umsah und dachte – hier kann ich leben“, sagt Isabell enthusiastisch. Für sie war Berlin eine Liebe auf dem zweiten Blick. Ihr Onkel zog zuvor in die Stadt und so hatte sie ihn schon mehrere Male in Wilmersdorf besucht. Isabell erinnert sich an Spreefahrten zum Regierungsviertel und an den Kudamm, wo man permanent angesprochen wurde.

Der Geruchssinn ist on point

Erst im Prenzlauer Berg sprang der Funke auf Isabell so richtig über, und ist geblieben:  „Ich schwöre dir, ich kann am Geruch im U-Bahnhof sagen, ob ich in Ost- oder Westberlin bin.“ Mit der Traumwohnung in der Saarbrücker Straße wurde es damals bei der Suche nach einer Bleibe leider nichts, aber die neue Heimat war trotzdem gefunden.

Zuletzt war Isabell als Schwimmlehrerin Iris in der erfolgreichen Vox-Serie Der Club der roten Bänder zu sehen, sie stand aber auch schon für den Dresdner Tatort oder Kinofilme wie Rubbeldiekatz oder Vaterfreuden vor der Kamera. Vielen ist sie aber auch aus Comedy-Formaten wie Böse Mädchen, Schillerstraße und Sketch History bekannt. In Letzterem ist sie in mehreren Rollen zu sehen, zum Beispiel als leidenschaftliche Cleopatra oder als Johanna von Orléans mit Jugendslang und rotzfrecher Attitüde. Mit dem Cast der ZDF-Sketchshow erhielt sie 2017 den Deutschen Comedypreis.

Witzige Anekdote: Beim Kuss zwischen Cleopatra und Cäsar wurde viel gespuckt.

Apropos Geschichte, wenn Isabell die Wahl hätte, dann würde sie in die 70er zurückreisen, wegen den coolen Disco-Klamotten, aber sonst gehe es uns jetzt doch schon ganz gut. Unser Weg führt uns bei etwas schmuddeligem Wetter am Wasserturm vorbei. Während unsere Schuhe im Matsch schmatzende Geräusche machen, erinnert sich die 36-Jährige an ihren Alltag mit Anfang 20. Der bestand aus Studium, Castings und Kneipenjobs. „Als ich meine erste Gage bekommen hatte, dachte ich auch: ‚Wahnsinn! Jetzt kaufe ich mir erstmal irgendeine teure Klamotte, erst später merkt man dann, es kann schon eine Weile mit dem nächsten Job dauern.“

Wir kommen in der Rykestraße an, oder wie Isabell samt Familie sagen: „Awesomestreet“. „Ich kriege hier immer gute Laune“, sagt sie, als wir am Eck zur Knaackstraße auch schon einen ihrer Favoriten entdecken: den Holzapfel. Das Fachgeschäft für Küchenutensilien ist für die leidenschaftliche Hobbyköchin ein Schlaraffenland. Wir machen einen klassischen Schaufensterbummel: Gusseisenpfannen, Hobelwerkzeug, Messer.

„Seit ich richtig gute Messer habe, ist mein Leben so viel besser“, schwärmt sie. Jeden Geburtstag nutzt die Schauspielerin, um sich ein neues Küchenwerkzeug zu wünschen, zum absoluten Vergnügen ihrer Freunde. Zu Weihnachten steht sie schon mal bis 2 Uhr nachts in der Küche und backt Schokoplätzchen nach dem Rezept von Tante Erika.

Mit Schauspieler-Gen geboren: Isabell unterhielt früh ihre Eltern und deren Freunde.

Stand-up beim Kegelverein

Isabell wuchs in der Nähe von Würzburg in einer, wie sie sagt, „sehr bürgerlichen Familie“ auf.  Es gab keine bewusste Entscheidung, Schauspielerin zu werden, vielmehr sei es immer Teil ihrer Persönlichkeit gewesen. Bei den Kegelverein-Ausflügen ihrer Eltern nutzte sie einmal die Fahrt im Bus als Stand-up-Show. „Das war meinen Eltern saupeinlich, weil ich da sämtliche Familiengeheimnisse und Gossip ausgepackt habe. Sie haben mich danach auch nie wieder mitgenommen.“ Das war aber nicht das erste Mal, dass ihre Eltern ihre frühen schauspielerischen Gehversuche miterlebt haben. Auch die volle Dosis US-Seifenoper California Clan ging nicht spurlos an ihr vorbei und so spielte sie mit zehn Jahren schon ihrer Mutter und Tante vor, an einer Tablettensucht zu leiden. „Natürlich hatte ich keine Ahnung, was eine Tablettensucht ist. Es war nur sehr viel spektakulärer meine Magnesium-Tabletten so panisch zu schlucken, wie die durchgeknallte Gina in der Serie.“

Wenn sie es sich aussuchen könnte, würde Isabell gerne mit den Regisseuren Fatih Akin und Marie Kreutzer zusammenarbeiten. Akins Film Kurz und schmerzlos (1998) beinhaltet laut Isabell ihren liebsten Filmmonolog aller Zeiten. Es wird darin besprochen, warum man eine Waffe im Kühlschrank aufbewahren muss und diesen Text kann Isabell sogar auswendig.

Wir machen eine kleine Verschnaufpause im No Fire No Glory, wo sich Isabell als bekennende Kaffeesüchtige sehr wohl fühlt. Bei einem Flat White, erzählt die Schauspielerin, wie sie als riesiger Fan an das Set der beliebten Serie Der Club der roten Bänder kam, und versuchte sich nicht selbst zu spoilern, indem sie nur die Geschichte ihrer Figur Iris im Drehbuch verfolgte. Das nennen wir Zuschauereinsatz! „Mir hat diese Rolle sofort gefallen, weil sie mit sich im Reinen ist. Sie ist kein perfektes Ei, also ihr sind in ihrem Leben schon schlimme Sachen passiert, aber sie ist trotzdem gesund. Du musst nicht komplett kaputt oder komplett heile sein, damit man dich liebenswert findet, du darfst ein Mensch sein. Ich finde, Frauen müssen generell menschlicher erzählt werden.“

Weniger Frauen mit verrückten Brillen, bitte!

Wir fragen Isabell, warum es ihrer Meinung nach nur wenige weibliche Comedians mit prägender Stimme in Deutschland gibt. Ihre Antwort: „Ich glaube, in Deutschland ist es immer noch so, dass alles was politisch ist, das ist Kabarett und das ist elitär. Und im Gegenzug ist Comedy unpolitisch. Doch gerade hier ist es wichtig politisch zu sein, weil es die beste Plattform ist.“ Schließlich spreche Comedy die breite Masse an. Auch gebe es immer noch eine zu strikte Trennung zwischen lustigen Frauen und Schauspielerinnen, das müsse mehr aufgebrochen werden. Es dürfe nicht nur die Frau mit der lustigen Brille geben, die ihre Stimme verstellt: „Wir brauchen mehr Frauen wie etwa Chelsea Handler in den USA, die sagen was sie denken und denen es egal ist, ob es dann den Leuten gefällt.“

Draußen hat das Wetter entschlossen grau zu bleiben. Das drückt bei uns aber kein bisschen auf die Stimmung. Vielmehr beschließen wir noch eine weitere Runde Richtung Oderberger Straße zu laufen, wo Isabell lange in einem Café gearbeitet hat, was allerdings nicht mehr existiert. Auf dem Weg dahin gibt sie uns noch ein paar wertvolle kulinarische Tipps an die Hand. Für ein ausgiebiges Frühstück ins Le Bon nach Kreuzberg (Isabell würde sich über einen Ableger im Prenzlberg freuen), zum Lunch ins Muse in der Immanuelkirchstraße, wo neben köstlichen Burgern auch ein sehr nettes Personal wartet und wer rohen Fisch genauso liebt wie Isabell, dann ab ins Gingi’s Izakaya.

Der Waschsalon in der Oderberger Straße liegt nahe an Isabells alter Arbeitsstätte.

Wir kommen an schwarzen LKWs und einigen Food-Trucks vorbei – Isabell sieht sofort, dass es sich um eine Filmcrew handeln muss. Auf einem der Trucks steht Naked Lunch: „Es gibt eine Band, die auch so heißt, die habe ich mal interviewt für die Brigitte Young Miss.“ Noch während der Schulzeit machte Isabell bei der Zeitschrift ein Praktikum, und zwar als Protest gegen die Pläne ihrer Großmutter. Die hatte hinter ihrem Rücken bereits eine mögliche Ausbildung in der Stadtsparkasse für Isabell gedeichselt. „Das klang für mich wie die Hölle“, so die passionierte Vinyl-Hörerin.

Eine Mitarbeiterin in einer Bank hat uns noch nie so zum Lachen gebracht, daher schätzen wir Isabells Einsatz, die Pläne ihrer Oma zu durchkreuzen. Nach einem Tee in unserem letzten Stopp im Café Krone verabschieden wir uns von Isabell, die uns das Versprechen gibt, dass sie in letzter Zeit mit immer mehr großartigen Frauen zusammengearbeitet hat. „Die kommen jetzt. Da können sich alle nochmal anschnallen!“

Isabell Polak kannst du dieses Frühjahr in der RTL-Anwaltsserie „Jenny“ sehen und wenn du sie als Iris im „Club der roten Bänder“ verpasst hast, die dritte Staffel ist als DVD erhältlich.

Foto Galerie

No Fire No Glory, Rykestraße 45, 10405 Berlin

Telefon 030 28839233

Webseite öffnen
E-Mail schreiben


Montag bis Freitag von 08:00 bis 18:00 Uhr | Samstag und Sonntag von 09:00 bis 18:00 Uhr

Weitere Artikel zum Thema Durch den Kiez, Wohnen + Leben