Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Jörg-Peter Weigle: Dirigierend durch die Stadt

Jörg-Peter Weigle: Dirigierend durch die Stadt
Jörg-Peter Weigle liebt den Berliner Gendarmenmarkt: "Das ist einer der schönsten Plätze Europas!"
Mahlsdorf/Friedrichstadt - Der Dirigent und künstlerische Leiter des Philharmonischen Chores Berlin pendelt täglich zwischen seinem Wohnort und seiner Arbeitsstelle am Gendarmenmarkt. Uns hat er verraten, warum er beide Plätze nicht missen möchte und was es mit der Kunst des Dirigierens auf sich hat.

Wir treffen den Berufsmusiker Jörg-Peter Weigle im Café Quchnia in der Markgrafenstraße. Hier, ganz in der Nähe vom Konzerthaus und der Hochschule für Musik Hanns Eisler, an der er als Professor tätig ist, fühlt sich der 61-Jährige wohl. „Der Gendarmenmarkt ist einer der schönsten Plätze Europas! Die Offenheit, die Vielschichtigkeit, die Vielsprachigkeit der Leute, die Instrumentalisten, die herumstehen und spielen – es ist einfach bunt und im besten Sinne ein kulturvolles Leben“, erzählt der Dirigent begeistert.

Anfang der 70er Jahre kam Weigle für sein Studium an die Hanns Eisler nach Berlin. „Der Sog, hierherzukommen, war so groß, dass ich die Schnoddrigkeit und den laxen Umgang der Berliner als große Freiheit empfand“, erklärt er und fügt hinzu: „Hier kann man so sein, wie man will. Bekannte Persönlichkeiten können die Straße entlanglaufen, ohne behelligt zu werden. Das finde ich toll!“ Außerdem lernte er damals seine heutige Ehefrau kennen. Auch deshalb verbinde er viel Positives mit Berlin und habe eine emotionale Bindung zur Stadt.

Aus der Welt nach Berlin

Nach seinem Studium legte er unter anderem Stationen beim Staatlichen Sinfonieorchester Neubrandenburg, dem Rundfunkchor Leipzig, der Dresdner Philharmonie und bei den Stuttgarter Philharmonikern ein. Zwischendurch gastierte der künstlerische Leiter an großen Häusern wie der Komischen Oper und der Dresdner Semperoper, produzierte CDs für den Bayerischen Rundfunk und den NDR und dirigierte Konzerte in ganz Europa sowie Nord- und Südamerika. Dennoch war es für Weigle ein logischer Schritt, in die Hauptstadt zurückzukehren. „In Berlin hat sich einfach alles ideal ergeben – sowohl mit der Hochschulprofessur als auch mit dem Philharmonischen Chor„, sagt der Musiker, der sowohl von Herzen Lehrer als auch Dirigent ist.

Ein befreundeter Bauingenieur überzeugte Weigle und seine Frau, ein Eigenheim im grünen Mahlsdorf zu bauen. Diese Idylle möchte er heute nicht mehr missen: „Es ist eine so schöne, ruhige Gegend. Man hat den Eindruck, dass alles natürlich gewachsen ist und die Leute sind sehr nett“, so der 61-Jährige, der mindestens zehn Jahre jünger wirkt. Wenn es seine Zeit zulässt, besucht er hier das Theodor-Fliedner-Heim der Evangelischen Kirchengemeinde Mahlsdorf mit seiner neuen Orgel. Aber auch kulinarisch lässt es sich der Kulturmensch gern gutgehen. Die Weinhandlung und Restaurant Vino & Vita in der Seestraße und das Restaurant Al Dente zählen zu seinen Favoriten am östlichen Rand Berlins. Im Stadtinnern bevorzugt er Amici, wenn es in der Mittagspause schnell gehen muss oder das Lemon Leaf in der Grünberger Straße, wenn er mit seinen erwachsenen Kindern etwas länger verweilen möchte. Für große und kleine Anlässe des Lebens findet er bei seiner Blumenhändlerin Kerstin Wiegand in Waldesruh immer den passenden Strauß. „Und dann ist da natürlich noch die Tanzschule bebop, gleich gegenüber vom Ostbahnhof. Da haben meine Frau und ich schon ein paar wunderbare Stunden verbracht!“, lacht der einstige Thomaner-Junge.

Das Geheimnis eines wirklich guten Konzerts

Außerdem zieht es Weigle dreimal wöchentlich nach Kreuzberg in die Clara-Grunwald-Grundschule, wo er im „Konzertsaal Kreuzberg“, wie die Aula der Schule auch genannt wird, mit dem Philharmonischen Chor Berlin probt. „Das ist ein richtig guter Chor, mit dem man fast alles machen kann, was einem die Musikgeschichte so hinlegt“, schwärmt der Dirigent, der selbst eigentlich nur zu Hause singt. Streng genommen sei seine Stimme einfach nicht gut genug, um professionell zu singen. „Ein bisschen tut es mir leid, weil das Singen ja etwas sehr Schönes ist, aber das Dirigieren ist einfach schöner!“, sagt er verschmitzt. Zu verdenken ist es ihm nicht: Schon als Fünfjähriger dirigierte er zu den Klängen des heimischen Schallplattenspielers und spätestens als musikalischer Präfekt am Ende seiner Zeit beim Leipziger Thomanerchor hatte sich Weigles Berufswahl entschieden. Da war er gerade 18 Jahre alt.

„Beim Dirigieren muss ich mich schon konzentrieren – ähnlich wie beim Übersetzen eines Textes. Allerdings bin ich nicht Mittler zwischen Sprachen, sondern zwischen dem Chor, Orchester und der Musik“, beschreibt der Künstler seine Tätigkeit. Es gelte für ihn, das Angebot des Ensembles aufzunehmen und dabei etwas zurückzuspielen, das nach Möglichkeit nicht nur dem Probenstandard entspricht, sondern darüber hinaus reicht. „Das Besondere hat man als Dirigent allerdings nicht im Griff. Man kann es nicht erzwingen. Es entsteht einfach, wie es bei aller Kunst der Fall ist“, gibt der Musiker zu bedenken. Solche besonderen Momente seien jene, in denen sich die Richtung im Konzert plötzlich ohne vorherige Absprache verändere, der Richtungswechsel aber von allen gemeinsam getragen werde. „Meinen Beruf mache ich für solche Momente!“, erklärt Weigle abschließend.

Quchnia - Kaffee, Brot, Kultur, Markgrafenstraße 35, 10117 Berlin

Telefon 030 20609286

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