Deutsch-französisches Jugendcamp

Tanz als Sprache

Tanz als Sprache
Etwa 30 Schülerinnen und Schüler aus Berlin und Frankreich nahmen am Jugendcamp des Deutsch-Französischen Jugendwerks und des Centre Français teil. Zur Foto-Galerie
Teenager aus Berlin und Paris wohnten eine Woche lang gemeinsam in Bungalows am Müggelsee. Bei einem Tanzworkshop freundeten sie sich schnell miteinander an.

Hip-Hop-Beats erklingen aus den Boxen. Patrick „P-Style“ Pralow, der Tanzlehrer, steht in dem ausgeräumten Speisesaal, lacht und fragt in die Gruppe: „Stress?!“ Übersteigert aufgeregt wackelt er dabei mit seinen Händen in der Luft. Als Antwort bekommt er ein zurückhaltendes Kichern, sechs Mädchen nicken verunsichert mit dem Kopf. Bis abends möchten sie eine Choreografie einüben, die sie auf einer Party zum Besten geben möchten.

Die Party an diesem Abend im Juli wird so etwas wie der nicht amtliche Höhepunkt des Freizeitcamps am Köpenicker Müggelsee. Sieben Tag lang haben 30 Jungen und Mädchen in den weißen Bungalows, die verstreut zwischen den Bäumen am See stehen, zusammengewohnt. Die Hälfte der Jugendlichen kommt aus Paris, genau genommen: aus dem 18. Arrondissement, der andere Teil stammt aus Altglienicke in Treptow.

2012 mehr deutsch-französische Schüleraustausche zu erwarten

Für den Großteil der Jungs und Mädchen ist es der einzige Urlaub des Jahres, für eine große Anzahl der Franzosen ist es der allererste Besuch in Deutschland überhaupt. Bezahlen könnte die Berlin-Reise kaum jemand von ihnen, denn sie stammen aus Lebensumständen, die seit einiger Zeit als „prekär“ betitelt werden. Das Arrondissement um den „Gare du Nord“ ist besonders gemischt zusammengesetzt: Beinahe ein Drittel der Anwohner sind Immigranten, oft aus China, Portugal oder Afrika. 18 Prozent der Bewohner des Bezirks leben in Sozialwohnungen. Aber auch den Altglienicker Teenagern sind soziale Spannungen nicht unbekannt, die Arbeitslosigkeit in dieser Gegend liegt bei annähernd zehn Prozent.

Die Organisation für das Treffen am Müggelsee hat das Berliner Centre Français übernommen. Das kulturelle Zentrum ruft zusammen mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk (DFJW) jedes Jahr fast 20 solcher Programme ins Leben. Dem Geschäftsführer Florian Fangmann zufolge haben 2011 etwa 500 Berliner Teenager an Austauschprogrammen mit Frankreich teilgenommen. 2012 werden es allerdings erheblich mehr sein. Denn es gibt eine Menge zu feiern: Berlin und Paris bejubeln dieses Jahr die silberne Hochzeit ihrer 25-jährigen Städtepartnerschaft, das DFJW kann zusätzlich seinen 50. Geburtstag feiern. Während am Müggelsee 30 Berliner und Pariser Teenager einander kennenlernen, gedenken François Hollande und Angela Merkel auf den Treppenstufen der Kathedrale von Reims der Versöhnung der beiden Staaten vor fünf Jahrzehnten.

Freundschaften und Sprachkenntnisse entwickeln sich schnell

Für die Bewohner des Jugendcamps, die zwischen zwölf und 18 Jahre alt sind, spielen die Jahrestage keine große Rolle. Für sie ist der 17. Geburtstag der französischen Schülerin Fati von Bedeutung. Gemeinsam mit den Berlinerinnen Celina und Vanessa tanzt sie in der Hip-Hop-Gruppe. „Zuerst hatte ich Angst, dass ich meine Freunde hier vermissen werde“, gibt das Mädchen aus Paris zu. Doch zu ihrem Geburtstag haben ihr die deutschen Mittänzerinnen einen selbst gebackenen Kuchen mitgebracht.

Jugendliche beim deutsch-französischen Schüleraustausch in Berlin
„Ist doch klar, dass wir das feiern“, so die 14-jährige Vanessa in einer Tanzpause. Bis vor einigen Tagen war Frankreich für sie lediglich das Land der zahlreichen Käsesorten und des langen Brotes, sie sprach kein Wort Französisch. Mittlerweile wirft sie stolz ihr Haar zurück, wenn sie „Je m’appelle Vanessa“ sagt. Mit einem abschätzenden Blick sieht sie zu Fati hinüber. Die nickt und schmunzelt über den Akzent der Deutschen. Fati hat in der kurzen Zeit gelernt, die deutschen Zahlen bis zehn aufzusagen.

Tanzen als Kommunikationsmittel

Ehe der Hip-Hop-Kurs weitergeht, führt Fati auf ihrem Handy einen Videoclip vor, auf dem sie mit ihren Freundinnen aus beiden Ländern im Bungalow ausgelassen zu Songs von Adele tanzt. „Durch das Tanzen kommen sich die Jugendlichen sehr schnell näher“, so Tanzlehrer Patrick „P-Style“ Pralow. Sie müssen sich nicht mit Worten verständigen, sondern können einander beispielsweise ohne Hilfe, nur durch Bewegungen, Tanzschritte zeigen.

Auf der Party am Abend bekommen Vanessa und Fati ihren großen Auftritt gut hin. Die Tanzschritte sitzen, Patrick Pralow ist zufrieden mit seinen Mädels. Eine andere Gruppe führt ein Tanzstück in barocker Verkleidung auf, später zeigen vier Jungs noch ihre Beatboxkünste. Bei ausgelassener Stimmung feiern die Teenager nach den Darbietungen noch bis tief in die Nacht. Die letzte Party wird es sicher nicht gewesen sein. Der Gegenbesuch der Jugendlichen aus Deutschland im kommenden Jahr ist schon geplant.

Foto Galerie


Quelle: Der Tagesspiegel

Tanz als Sprache, Am Müggelsee, 12559 Berlin

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