Durch den Kiez

Julia Dietze: "Ich bin eher der verrückte Meta-Physiker"

Julia Dietze:
Die talentierte Schauspielerin Julia Dietze lebt seit 10 Jahren in Kreuzberg. Zur Foto-Galerie

Die schöne Schauspielerin feierte ihren Durchbruch als fanatische Nazi-Lehrerin auf dem Mond im Film "Iron Sky". Bei "Let's Dance" schwingt sie derzeit als eine der Favoritinnen das Tanzbein. Wir waren im Oktober letzten Jahres mit ihr auf einem Kiezspaziergang durch Kreuzberg und sprachen über Vorbilder, Putin und Verschwörungstheorien.

Wir treffen Julia Dietze in einem ihrer Kreuzberger Lieblingslokale Schwarze Heidi. Die Besitzerin des Schweizer Restaurants Jennifer Mulinde-Schmid, eine Freundin von ihr und ebenfalls Schauspielerin, schließt uns extra noch vor der regulären Öffnungszeit auf. „Schwappas, Rösti und Spätzle – die sind hier sehr lecker“, schwärmt Julia. Trotz Regen ist die 37-Jährige mit dem Fahrrad gekommen, da sie nicht weit entfernt wohnt. Seit zehn Jahren lebt sie schon in Berlin und genauso lange in Kreuzberg – fast ungewöhnlich in einer Stadt, in der jeder im Schnitt schon dreimal umgezogen ist.

Was die Schauspielerin sonst an so regnerischen Berliner Tagen wie heute mache, wollen wir wissen. „Ich gehe gerne zum Yoga ins Soho House oder treffe mich Zuhause mit Freunden zum Kochen.“ Bei schönem Wetter ist sie dagegen gerne in der Natur, um zu entspannen: zum Beispiel auf dem Tempelhofer Feld, am Maybachufer oder auch weiter draußen in Brandenburg, am Bernsteinsee. Über ihre Heimat sagt Julia: „Kreuzberg erinnert mich irgendwie an Marseille, es ist voller Kontraste, gerade im Vergleich zu München.“ Also vermisst sie Bayerns Landeshauptstadt, wo sie aufgewachsen ist, gar nicht? „Ich vermisse meine Familie, die dort immer noch lebt und die Berge. Ich war nie auf dem Tracht-auf-dem-Oktoberfest-Trip und außerdem habe ich für den Kinofilm Oktoberfest so viele Drehtage auf der Wiesn verbracht, dass es mich mittlerweile ehrlich gesagt nicht mehr so reizt.“

Trotz strömenden Regens erkunden wir in bester Laune Julias Kiez in Kreuzberg. ©Ralph Penno

Einfach machen statt fragen

Kreuzberg ist voll Julias Ding. Hier fühlt sie sich wohl, das merkt man schnell. Als wir zusammengepfercht unter einem Schirm durch den strömenden Regen weiterziehen und über Pfützen springen, zeigt sie uns auf dem Weg ihre Lieblingsgraffitis und posiert ganz profimäßig im Gangsta-Style mit SO36-Kreuzberg-Zeichen. Ihr Credo: „Das ist Kreuzberg, da muss man einfach machen, statt vorher noch groß zu fragen.“ Tough ist Julia Dietze also auch im echten Leben und nicht nur im Kino, wo sie im Actionstreifen Plan B – Scheiß auf Plan A eine richtige Gangsterbraut spielt. Zwei Monate trainierte sie dafür mit Experten Kampfsport wie MMA, Kung Fu, Boxen und Schwertkampf.

Bei uns geht es aber erstmal entspannt weiter. Im arabischen Restaurant Baraka kuscheln wir uns wohlig in die weichen Kissen, schlürfen arabischen Tee und teilen eine vegetarische – Julia ist Vegetarierin – Vorspeisenplatte. In der gemütlichen Atmosphäre des Baraka trifft sich die zierliche Blondine auch gerne mit ihren Freunden: „Auf dem Teppichboden können die Kinder überall herumpurzeln, ohne sich weh zu tun.“ Sonst isst sie gerne asiatisch und italienisch im Il casolare oder im Mädchenitaliener. Auch ein Lieblingscafé hat sie natürlich: das Café Luzia in der Oranienstraße. Was würde Julia machen, wenn sie keine Schauspielerin wäre? „Bilderhauerin, Tänzerin oder irgendwas mit Motorrädern“, lacht sie. „Ich habe meinem Papa aber versprochen, niemals ein Motorrad zu kaufen – er weiß, wie ich Fahrrad fahre.“

Zum Abschluss will uns die Filmfanatikerin unbedingt noch ihr Lieblingskino zeigen. Weil wir uns schon verquatscht haben, springen wir in ein Taxi – wo sich Julia ganz berlinerisch mit dem Taxifahrer über den besten Weg streitet – und landen im Babylon-Kino hinter dem Kottbusser Tor. Am liebsten sieht sich die gebürtige Französin französische oder amerikanische Filme im Original an, ihre Lieblingsfilme sind derzeit The Zookeeper’s Wife und Un prophète. Wonach sucht sie denn ihre eigenen Rollen aus? „Die Story sollte eine Message haben, außerdem sind mir realistische und vielschichtige Charaktere wichtig, ein schönes Ensemble, ein gutes Drehbuch und natürlich ein spannender Regisseur oder Regisseurin. Gerade Frauen werden im Film leider wenig abwechslungsreich dargestellt“, so Julia. Und woran erkennt sie, ob ein Drehbuch ihr gefällt? „Daran, dass man es gar nicht mehr aus der Hand legt, sondern überallhin mitnimmt, weil man unbedingt wissen möchte, wie es weitergeht.“

Extreme Filmrollen sind kein Problem für Julia Dietze

Die Charaktere, die Julia spielt, sind auf jeden Fall vielseitig – mal als Lehrerin bei Fack ju Göhte 3, als knallharte Actionfrau in Plan B oder als Nazibraut in Iron Sky 2. „Für Fack ju Göhte 3 haben wir mehrere Textversionen in unterschiedlichen Emotionen gedreht“, so Julia. Auf ihre Rollen bereitet sie sich akribisch vor – für ihren Part in Iron Sky beobachtete sie monatelang Gestik und Mimik alter Frauen. Imaginary Center heiße diese Schauspieltechnik von Michael Chekhov, sagt die ehrgeizige Schauspielerin: „Wenn du einen Junkie spielst, stellst du dir beispielsweise vor, dass ein Eisenring um deine Rippen immer enger wird und die Haut von innen juckt – so kannst du ein körperliches Gefühl erzeugen, das einem Cold Turkey ähnelt. Für die Rolle einer alten Frau stellst du dir eine Eisenzange im Nacken, Nebelschwaden vor deinen Augen und Herbstlaub im Hals vor.“

Und wie hat sie sich auf Iron Sky 2 vorbereitet? „Als ich das Drehbuch dazu gelesen hab, habe ich den Regisseur Timo Vuorensola gefragt: ‚Wie verrückt seid ihr denn, wart ihr zu lange in der Sauna?‘. Er antwortete: ‚Nein, nein, Julia, das basiert auf der größten Verschwörungstheorie der Welt, recherchier das mal!‘.“ Also habe sie sich ein Jahr lang durch sämtliche Seiten mit Verschwörungstheorien, wie die der Illuminaten, geklickt. „Ich habe viel recherchiert und kenne mittlerweile die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien.“ Ein bisschen Vorsicht ist wohl angebracht als Darstellerin einer Nazi-Satire – nicht jeder versteht da Spaß: Vor der Einreise nach Israel wurde sie einmal vier Stunden lang befragt, weil man die Bilder vom Dreh des ersten Teils im Internet fand – und Julia natürlich in Nazi-Uniform.

Frisches Obst und Gemüse kauft Julia am liebsten im türkischen Supermarkt.

Ein Moment der Ruhe für die Kreativität

Als Philosophin wäre ihr sowas eher nicht passiert. „Als ich in der Pubertät war, hat meine Geschichtslehrerin mein philosophisches Weltbild sehr geprägt. Sie hat mir viele große Zusammenhänge und Synchronizitäten in der Geschichte, der Philosophie und der Mathematik aufgezeigt. Seitdem bin ich fasziniert von Albert Einstein und Sokrates.“ Vor allem Einsteins Zitat: The true sign of intelligence is not knowledge but imagination, findet sie toll: „Man kann mit seinen eigenen Gedanken einen gewissen Einfluss auf die Realität nehmen, aber nur wenn man sich den Moment der Stille nimmt. In diesem Moment kann man kreieren, ansonsten reagiert man ja immer nur“, sagt die 37-Jährige.

Ist sie selbst denn spirituell? „Das ist eher etwas Physisches, nichts Spirituelles: Wenn du einen stillen Moment nimmst, dann entsteht erst der kreative Moment des Erschaffens. Das ist genauso wie mit einer Figur im Film, die erschaffst du erst in der Stille und dann gehst du nach draußen ans Set.“ Würde sie sich selbst also gar nicht als spirituell bezeichnen? Schließlich war ihr Vater Künstler, ihre Mutter Reiki-Meisterin, ihr Vorbild ist Timothy Leary, der „Guru“ der Hippie-Bewegung und zu ihren Lieblingsbüchern zählt auch Carlos Castaneda, der sich vor allem mit spirituellen Rauschzuständen beschäftigte. „Eigentlich nicht. Vielleicht bin ich eher der verrückte Meta-Physiker als die spirituelle Bernsteinträgerin. Was mich fasziniert und komplett in den Bann zieht, sind indianische Weisheiten. Wenn wir denen folgen würden, wäre unsere Welt nicht so, wie sie jetzt ist“, so Julia. Vielleicht wäre ihr persönlicher Plan B ja doch noch Philosophin oder Politikerin – wir würden der smarten Schauspielerin auf jeden Fall unsere Stimme geben.

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Schwarze Heidi, Mariannenstraße 50, 10997 Berlin

Telefon 030 6115455

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