Kaffeehaus-Kultur in Berlin

Es hat sich ausgeschlürft

Es hat sich ausgeschlürft
Die Zukunft des Operncafés unter den Linden ist ungewiss.
Das waren noch Zeiten, als in Berlin die Kaffeehaus-Kultur florierte. Vor allem für die betagteren Herrschaften gibt es kaum noch Orte, an denen sie sich zu einem Kaffeekränzchen verabreden können. Der Dramatiker Rolf Hochhuth ist entrüstet und fordert die Politik zum Handeln auf.

Der trostlose Anblick bringt traurige Gedanken zutage und weckt gleichermaßen nostalgische Erinnerungen an Kaffeekränzchen und Tortenberge. Wer sich am Opernpalais Unter den Linden zwischen die Baustellen und Absperrungen zwängt, merkt deutlich, was hier seit Monaten fehlt: das Operncafé. Es wurde Ende 2011 geschlossen und soll einen neuen Anstrich bekommen. Wann die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein werden, steht nicht fest. Was bleibt, ist Kaffee-Entzug und ein kleiner Riss im Image der Stadt, die an ihrer einstigen Prachtstraße neben dem Café Lebensart nur noch das Café Einstein als Sammelpunkt für Prominenz, Touristen und Einheimische zu bieten hat.

Auch der Dramatiker Rolf Hochhuth, der einen Steinwurf vom Brandenburger Tor entfernt wohnt, bedauert den Verlust der Kaffeehaus-Kultur in Ost und West. In einem offenen Brief an den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit verlangt der Dichter, dafür zu sorgen, dass das Operncafé erhalten bleibt. Außerdem sollten „am Kurfürstendamm die dort unentbehrlich gewesenen – wie sich erst nach ihrer Schließung zeigt – Café Kranzler und Möhring“ wieder eröffnet werden.

Fehlende Kaffeehaus-Kultur kommt Niveauverlust gleich

Hochhuth lehnt sich gegen „den niedrigsten aller Beweg-,Gründe’“ für die Schließung der Cafés auf: die exponentiell gestiegenen Mieten. Und ihn stört, dass eines der Möhring-Cafés am Kurfürstendamm sowie das Kranzler zu Bekleidungsgeschäften umgebaut wurden. „Im Kranzler, wenn man einen klo-kleinen Lift besteigt, kann man unter dem Dach noch ein Stück Torte kaufen.“

Der Schriftsteller, der seinem Groll über Missstände gern freien Lauf lässt, betont, dass „das zivilisatorische Niveau einer bedeutenden Metropole ebenso von ihren Café-Häusern abhängt wie das kulturelle von ihren Theatern und Opern“. Aus diesem Grund würden in Wien und Warschau Cafés mit Tradition subventioniert. Wo aber, will Hochhuth wissen, sollen die Touristen im Zentrum Berlins zwischen Uhlandstraße und Zeughaus noch ihren Kaffee trinken? Und: „Wenn Berlin seine Kunststätten vorbildlicher subventioniert als jede andere Stadt der Welt, so wird ja auch eine bescheidene Mitfinanzierung der Cafés möglich sein. Denn Gaststätten verdienen nichts an dem, was man gemeinhin in einem Café trinkt: Tee, Kaffee, Kakao.“

Nur noch ein Schatten seiner selbst

Und wirklich: Berlins Kaffeehaus-Kultur hat nur noch auf alten Fotos und in der Erinnerung Platz. Das Besondere bei Kranzlers Unter den Linden war um 1914 eine schmale Terrasse entlang des Boulevards, auf der man im Freien sitzend den Großstadttrubel beäugen und dabei Torte essen konnte. Am 7. Mai 1944 fiel das Kranzler Ost einem Bombenhagel zum Opfer, 1934 war ein zweites Café am Kurfürstendamm eröffnet worden. Das Haus mit diesem Namen ist nur noch ein Schatten seiner selbst – in West-Berliner Zeiten, vor der Mauer und nach dem Mauerfall, war es einfach ein Begriff, weil sich hier Ost und West trafen und dabei das Gefühl hatten, auf dem Präsentierteller einer Großstadt zu sitzen. Ebenso beim Café Möhring. Dieses hat sich mittlerweile am Potsdamer Platz als Restaurant-Café durchgesetzt, nachdem ein Bayern-Lokal seinen Standort am Gendarmenmarkt eingenommen hat.

Legendär waren in Ost-Berlin das Lindencorso mit Mocca-Bar und Kaffeehausmusik, das Café im Linden-Hotel und das Kisch-Café am Boulevard – sie gibt es alle nicht mehr. Ersatz? Null. Dafür macht sich eine vollkommen neue Kaffeetrinkkultur neben dem To-go-Becher breit: Ketten haben die Annehmlichkeit rauchgeschwängerter, plüschiger Kaffeehäuser verdrängt, aber wo sitzen die Herrschaften reiferen Alters zur Teestunde und beim Kaffeeklatsch, wo rufen sie dem Kellner hinterher „…aber bitte mit Sahne!“? Kann sein, dass das wieder kommt, mit Kapital und Ausdauer.

Olaf Willuhn von der TLG-Immobilien, die Eigentümer des Opernpalais ist, sagt, es werde nachgeforscht, wie damit verfahren wird. Mit mehreren interessierten Käufern werde über Verkauf oder Nutzung verhandelt. Staatssekretär André Schmitz jedenfalls meint, dass den „Linden“ ein solcher Ort gepflegter Gemütlichkeit sehr gut tun würde. Sollte das Waldorf Astoria eines Tages seine Pforten öffnen, wird es auch wieder ein „Romanisches Café“ beherbergen. Wie dazumal. Nur, dass die Poeten ihren Laptop neben den Latte Macchiato stellen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Café Kranzler, Kurfürstendamm 18, 10719 Berlin

Telefon 030 887183925
Fax 030 887183922

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