Buchkritik "Berliner Befindlichkeiten"

Berichte aus der Szene

Berichte aus der Szene
Kevin Junk ist freier Autor und Blogger in Berlin. Jetzt ist sein erstes Buch erschienen, eine Sammlung kleiner Essays und Geschichten, die vom Leben in Berlin erzählen.
Kevin Junk ist Wahl-Berliner. Diese wenigen Worte haben bei ihm so viel Inhalt, dass der Autor und Blogger eine ganze Sammlung aus Essays und Geschichten daraus erwachsen lässt: "Berliner Befindlichkeiten. Geschichten aus der Stadt".

Im Vorwort erklärt Kevin Junk selbst, was sein Buch eigentlich soll: er möchte ein Bild von Berlin zeichnen. Dafür schöpft er aus einer bunten Palette von Erlebnissen und lässt den Leser eintauchen in eine Welt, die zwar nicht ganz Berlin, aber einer der vielen Mikrokosmen dieser Stadt ist. Junk weiß, aus seinen Worten können wir nicht auf andere schließen. Aber er ist auch sicher, dass seine Erfahrungen von vielen jungen Menschen in Berlin gelebt werden. Der Autor lädt uns mit seinen „Berliner Befindlichkeiten“ dazu ein, in sein Leben zu spähen wie durch ein Schlüsselloch. Ob man das, was es dort zu sehen gibt, einordnen und nachempfinden kann, hängt davon ab, wie das eigene Leben in der Hauptstadt aussieht.

Es kommt darauf an, ob man sich wie Junk in der Panoramabar, der Kreuzberger Szenebar Möbel Olfe, im Berghain oder im Ficken3000 auskennt. Ob man zu denen gehört, für die harte und weiche Drogen dazugehören, die keine Scheu vor dem Darkroom und Gesprächen über Sex haben, die sich hinter der Bar und in Off-Galerien auskennen. Junk ist einer von ihnen, schaut nachts Arielle die Meerjungfrau, lässt sich am Sonntag Mittag bei einer Kartoffelsuppe mit Drogen versorgen oder knutscht schöne „Boys“ um den Preis dafür zu drücken, rennt am ersten Mai mit Glitzerschminke durch Kreuzberg und debattiert nach dem Club über Hannah Arendt und den Postkolonialismus. Vor allem aber hat Junk nicht nur eine tolle Beobachtungsgabe, er weiß seine Eindrücke auch so unterhaltsam wie kurzweilig zu verpacken.

Blogger-Sprech und essentielle Fragen

Er tut das in kurzen Sätzen, im Blogger-Sprech. Er sagt „witty“ statt geistreich, „butch“ anstelle von maskulin, schreibt ironisch und ehrlich, mit Tiefgang und Witz. Es scheint ihm genauso leicht zu fallen, über Alltägliches zu schreiben wie über soziokulturelle Sachverhalte und hochphilosophische Fragen: Sind homosexuelle Männer in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Was ist Liebe? Junk schreibt seiner Generation einen pathologischen Individulismus und Hang zur Selbstverwirklichung zu, kritisiert das Verhalten der Hipster-Mode-Blogger und das Abgrenzungsgehabe in der kreativen, feierwütigen und bärtigen Szene. Und blickt dabei immer wieder auf Berlin.

Auf Ur-Berliner, die den Hype um ihre Stadt überleben werden, auf Zugezogene, die zu wissen glauben, wie man sich in Berlin verhält und auf steigende Mieten. Er eröffnet dem Nichtsahnenden, dass Prenzlauer Berg als das neue Neukölln gehandelt wird und alte Mietverträge jetzt gegen Gebühr überschrieben werden. Zentral ist aber immer das Druffsein und Partytreiben. Junk eröffnet uns ohne Ratgeber-Allüren eine Logik des Feierns und die Systeme der Subkultur, erzählt von Drogen und schwulem Sex, erklärt den Rausch aber nicht. „Berliner Befindlichkeiten“ ist eben doch nur ein Blick durchs Schlüsselloch, keine Empfang mit offenen Armen.

Das macht das Lesen auch angenehm. Niemand wird sich fühlen wie ein Voyeur, eher wie jemand, der mit der Hand in der Chipstüte eine unterhaltsame Doku verfolgt. Denen, die Teil derselben Szene sind, hält Junk den Spiegel vor. Authentisch und ehrlich, teils ungeschönt, teils übertrieben. Wann welcher dieser Pole zutrifft, spielt für dieses schöne Abbild Berliner Gegenwart kaum eine Rolle.

„Berliner Befindlichkeiten“ von Kevin Junk ist erschienen im Verlag CulturBooks und für 4,99 Euro (nur in digitaler Form) zu haben.

Möbel Olfe, Reichenberger Straße 177, 10999 Berlin

Telefon 030 23274690

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