Kiezporträt

Ganz schön beschaulich: Friedenau

Ganz schön beschaulich: Friedenau
Denkmalgeschützte Miethäuser mit Vorgarteneinfriedung in Friedenau. Diese beiden Gebäude in der Albestraße wurden um 1892 erbaut.
An vielen Stellen strahlt der Berliner Ortsteil den Charme einer längst vergangenen Epoche aus: Wunderschöne Häuser aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, viele liebevoll bepflanzte Vorgärten und kleine, inhabergeführte Geschäfte prägen das Straßenbild. Immer mehr junge Familien wissen den idyllischen Kiez zwischen Bundesplatz und Walther-Schreiber-Platz zu schätzen -  und doch bleibt alles ganz unaufgeregt.

Auf einem herbstlichen Spaziergang rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz, dem als klassischer „Anger“ konzipierten geografischen Zentrums Friedenaus, fallen dem Besucher zunächst die an vielen Stellen liebevoll restaurierten Altbauten ins Auge, die noch immer den Geist der Jahrhundertwende heraufbeschwören. Über 100 Jahre alte Berliner Mietshäuser gibt es hier ebenso zu bewundern wie die klassischen Vorgarteneinfriedungen, die aus vielen anderen Stadtteilen nahezu vollständig verschwunden sind, oder herrschaftlich anmutende Landhäuser.

Zwischen den oftmals unter Denkmalschutz stehenden Gebäudeensembles prägen viel Grün, gepflegte Kinderspielplätze und städtebaulich reizvolle Plätze das Bild. Der Perelsplatz, der Renée-Sintenis-Platz und der Schillerplatz wurden 1871 rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz angeordnet. Heute ist die Straßenstruktur, die man auch rund um den Prager Platz am oberen Ende der Bundesallee findet, als sogenannte Carstenn-Figur bekannt.

In den 20er Jahren etablierte sich der noch junge Ortsteil Friedenau als Künstlerviertel. Schriftsteller wie Erich Kästner oder Kurt Tucholsky und der Maler Karl Schmidt-Rottluff fühlten sich hier ebenso wohl wie seinerzeit bekannte Musiker: In der Stubenrauchstraße gründeten sich zur Jahreswende 1927/1928 die Comedian Harmonists. In den 60er Jahren kehrten viele junge, politisch aktive Schriftsteller in den einst so bekannten Stadtteil zurück. So ging beispielsweise die berühmte „Kommune I“ durch die Besetzung der leerstehenden Wohnung von Hans Magnus Enzensberger und Uwe Johnson in der Niedstraße 14 hervor. Zu den Besetzern gehörten Fritz Teufel und Rainer Langhans.

Heute beherbergt Friedenau scheinbar noch immer ein großes kreatives Potenzial. An vielen Stellen im Kiez finden sich Galerien, Ateliers und Werkstätten. Auch kleine Buchhandlungen wie Der Zauberberg oder die Nicolaische Buchhandlung sprechen das Friedenauer Publikum mit einer ausgewählten, nicht von den großen Ketten diktierten Literaturauswahl an.

Aber natürlich hat auch ein beschaulicher Stadtteil wie Friedenau seine weniger attraktiven Seiten. Durchquert man den Ortsteil entlang der Bundesallee, vom Bundesplatz Richtung Rheinstraße, findet man es vor allem – laut. Viele Autofahrer nutzen die Straße als schnelle Verbindung zur Shoppingmeile Schlossstraße oder ins Zentrum der City West. Vor allem direkt auf dem Friedrich-Wilhelm-Platz, der heute leider nur noch eine stark umfahrene Verkehrsinsel ist, wirkt Friedenau etwas weniger schön: Beschmierte Wände, herumalbernde Jugendgruppen und Hundehaufen sind alles, was man hier zu sehen bekommt.

Doch sobald man eine der kleineren, von der Kirche Zum Guten Hirten in alle Himmelsrichtungen auseinanderstrebenden Straßen hinunterschlendert, ist der Verkehrslärm schnell vergessen und zwischen schwatzenden Senioren, Kinderspielplätzen und altmodischen Cafés hat man schnell einen gemütlichen neuen Lieblingskiez gefunden.

Wer sich über das künstlerische Leben in Friedenau informieren möchte, ist herzlich zum Galerierundgang „KulTour“ eingeladen, der am 19. Oktober von 15 bis 22 Uhr und am 20. Oktober von 13 bis 19 Uhr stattfindet und vom Verein Südwestpassage organisiert wird. Alle weiteren Infos finden Sie hier.

Ganz schön beschaulich: Friedenau, Friedrich-Wilhelm-Platz, 12161 Berlin

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