Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Gemma Ray: Klippenränder und Kreuzberger Balkonneid

Gemma Ray: Klippenränder und Kreuzberger Balkonneid
Gemma Ray im Lilienkulturgarten zwischen Flughafen Tempelhof und Südstern. Nicht im Bild: ihr bevorzugtes Fortbewegungsmittel, das Fahrrad.
Die englische Sängerin hat sich vor vier Jahren beinahe zufällig in Berlin-Kreuzberg niedergelassen. Inzwischen ist sie begeistert von der entspannten Stimmung und musikalischen Betriebsamkeit. Außer Balkon und eigenem Hund vermisst sie nichts – den Songs ihres aktuellen Albums meint man Gemma Rays kreative Stimmung anzuhören.

Mittwoch vor einer Woche im C-Club, dem ‚kleinen Bruder‘ der Columbiahalle: Gemma Ray steht auf der Bühne. Der Zuschauerraum ist zu etwa zwei Dritteln gefüllt mit Menschen zwischen 20 und 50 Jahren, die der dunkelhaarigen Britin aus der Grafschaft Essex lauschen. Es ist ein aufmerksames, wenn auch nicht überschäumend enthusiastisches Publikum. Aufmerksamkeit hat Gemma Rays Musik, der regelmäßig die Labels „Retro“, „Pop Noir“ oder „wie bei Tarantino“ verpasst werden, in jedem Fall verdient. Auch ihr aktuelles, achtes Album „Milk for your Motors“ glänzt mit hervorragendem Songwriting. Selbst wenn speziell der Klang ihrer Gitarre Assoziationen fast schon auslösen muss, ist es doch erneut etwas absolut Eigenständiges, was die Wahl-Kreuzbergerin geschaffen hat.

Rückblende: Drei Tage zuvor, fast an gleicher Stelle. Gemma Ray trifft sich mit QIEZ.de zu einem Spaziergang durch ihre neue Heimat, die sie auch für ihre Musik inspirierend findet. Besonders angetan haben es ihr die Gebäude des ehemaligen Flughafens Tempelhof; zur Arbeit an ihrem Album war sie in einem dort untergebrachten Tonstudio. Ein Bau mit Geschichte, den auch etwas Dunkles umgibt … die Faszination am Mysterium trägt Gemma schon lange mit sich. Zu ihren frühen Einflüssen zählt sie die Musik aus der britischen TV-Serie „Tales of the Unexpected“ nach den gleichnamigen Geschichten von Roald Dahl oder die Zeichentrick-Abenteuerserie „Mysterious Cities of Gold“.

Der Charme menschlicher Fehler

Gemma Ray möchte ihre Musik selber nicht kategorisieren, auch wenn sie Zuschreibungen anderer als unvermeidlich akzeptiert. „Ich habe nie zu einer bestimmten Musikszene gehört und wollte das auch gar nicht“, sagt die Sängerin. Alle ihre Alben seien Teil eines großen Gesamtbildes. Auf „Milk for your Motors“ kollaboriert Gemma unter anderem mit dem Filmorchester Babelsberg. Drei Songs wurden im Potsdamer Studio des Orchesters eingespielt. Weitere Gäste auf dem Album sind etwa Alan Vega von Suicide oder Howe Gelb von Giant Sand.

Die neue Platte ist mit viel Handarbeit entstanden. „In dieser Ära, in der sich die Technologie so schnell entwickelt, fühle ich mich zu den echten, menschlichen Dingen hingezogen“, sagt Gemma. Andere Produktionsweisen möchte sie aber gar nicht ausschließen – so lange die menschliche Leistung nicht vom Computer übernommen wird. Menschliche Fehler und Unzulänglichkeiten gehörten zur Live-Musik dazu. Sie als Musikerin benötige bei einem Konzert das Gefühl, am Rand einer Klippe zu stehen. Und auch als Zuschauerin findet Gemma es spannender, wenn stets etwas schief gehen, etwas Unerwartetes passieren kann.

Tourneen in Deutschland sind laut Gemma übrigens besonders angenehm. Die Konzerte seien in aller Regel gut organisiert und man dürfe länger spielen als etwa in London. Speziell Berlin kommt bei der Britin im Städtevergleich ohnehin gut weg: „Gegenüber London fühlt es sich wie ein erholsames Feriendorf an“, findet Gemma. Es ist nicht das einzige Mal während unseres Gesprächs, dass ihr Wortwitz aufblitzt. Die Aussage an sich ist vielleicht noch besser zu verstehen, wenn man weiß, dass die Musikerin von ihren vier Jahren in Berlin nur die letzten zwei regelmäßig hier war. Es war fast ein Zufall, dass sie in der deutschen Hauptstadt gelandet ist: Ein alter Freund ihres Freundes und Drummers Andy hatte eine Wohnung in Kreuzberg 36, die er untervermieten wollte.

Kreuzberger Winter sind schön

Gemma findet die Menschen dort entspannter als in der britischen Hauptstadt – genauso wie das Radfahren, das sei in London selbstmörderisch. Auch wenn sie den Lifestyle und den Alltag im Berliner Sommer mag – ihre Lieblingszeit hier ist dennoch der Winter. Besonders wenn es schneit und ganz still ist, komme die Architektur gut zur Geltung. An Kreuzberg mag sie aber auch die Party-Atmosphäre, die sie wieder aufweckt, wenn sie mal im Studio zu versumpfen droht. Dann geht es raus auf ein Bier vor dem Späti oder zum Konzertbesuch bei befreundeten Musikern.

Zum auswärts Essen zieht es die Vegetarierin Gemma öfter ins vegane Viasko am Erkelenzdamm. „Interessant, aber nicht prätentiös“ findet sie die Gerichte dort. Nicht weit entfernt in der Dresdener Straße liegt eine ihrer favorisierten Bars, der Trödler, an dem sie die Atmosphäre und den Service mag. Besonders reizvolle Geschäfte, in denen sie in einen Kaufrausch verfallen würde, hat Gemma in Berlin noch nicht gefunden – aber die fehlen ihr auch nicht. Nur zwei Dinge vermisst die Engländerin in Kreuzberg: Einen Balkon fände sie schon schön; ebenso wie einen Hund zum Streicheln – die Besitzer fremder Hunde würden auf Annäherungen an ihre Lieblinge immer eher abweisend reagieren.

Gemma Rays Album „Milk for your Motors“ ist bei Bronze Rat erschienen. Songs davon sind unter anderem auf Gemmas Webseite zu hören.

Columbia Theater, Columbiadamm 9-11, 10965 Berlin
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