Berliner Persönlichkeiten zeigen ihren Kiez

Claudia Mehnert: "Das hier ist mein kleines Dorf"

Claudia Mehnert:
In den Fenstern der goldenen Tür spiegeln sich die Fassaden der Marienstraße. Die ist übrigens der einzige zwischen 1830 und 1840 entstandene Straßenzug in ganz Berlin, der fast vollständig erhalten ist! Dort ist Claudia Mehnert Zuhause. Zur Foto-Galerie
Friedrich-Wilhelm-Stadt - Kann man auf der Friedrichstraße in Ruhe abschalten, mit den Nachbarn schwatzen und ganz unprätentiös für sich sein? Man kann! Das beweist Schauspielerin Claudia Mehnert aus der Serie "Weißensee". Wir haben mit ihr über das Leben an der Spree, Spinnen auf dem Kopf und "Broilerbeene" gesprochen.

„Man denkt ja, wenn man in der Marienstraße steht, das wäre gar nicht Berlin. Wir haben immer gesagt, das ist Hildesheim hier. Keine Ahnung warum. Ich war überhaupt noch nicht in Hildesheim.“ Claudia Mehnert trägt ihr Herz auf der Zunge. Berührungsängste kennt die 1,80 Meter große Schauspielerin nicht und auf stocksteifes Beeinandersitzen hat sie auch keine Lust, das merkt man gleich. Passt auch zu dem Café, das sie für unser Treffen ausgesucht hat. „Das Café Butterstulle ist ganz wunderbar. So unprätentiös. Ganz einfach“, erklärt Claudia ihre Wahl. Darum sei sie auch ständig hier, ob aufgedonnert, ungeschminkt, übermüdet oder putzmunter. Und darum gibt sie auch die Frage danach, was sie hier am liebsten isst, direkt an die Dame hinter dem Tresen weiter. „Weiß nicht, eigentlich isst du ja alles“, ist die Antwort der Verkäuferin. Also nehmen wir von den frischen Salaten und Suppen bis zum selbstgemachten Kuchen und Bio-Brot alles in die Liste der Empfehlungen auf.

Türsteherin mit Modelmaßen

Seit mittlerweile elf Jahren wohnt die gebürtige Erfurterin hier. „In einer kleinen Butze mit 42 Quadratmetern. Nicht so schickimicki“, sagt sie. Vorher lebte sie in Prenzlauer Berg, immer mal wieder in Hamburg, außerdem in New York, Paris, London und wo man als Model eben so hinkommt. Denn Claudias Karriere begann nach dem Fall der Mauer als Mannequin. „Ich wollte nichts mehr missen. Nicht mehr etwas nicht sagen oder nicht denken dürfen. Also bin ich ganz blauäugig los.“ Modeln sei damals allerdings noch etwas anderes gewesen. „Nicht dieser Heidi-Klum-Wahnsinn mit ’ner Spinne auf dem Kopf und solchem Käse.“ Als das Dünnsein und Gutaussehen zu langweilig wurde, kam die Weltenbummlerin zurück nach Deutschland. Zum Geldverdienen arbeitete sie in in den 90ern unter anderem als Türsteherin. Zwei Jahre lang entschied Claudia mit rotblonden Haaren und dunklem Ledermantel darüber, wer in Hamburgs „Funky Pussy Club“ feiern durfte. „Ich kann aber auch so ein böses Gesicht machen, das glaubst du gar nicht“, lacht sie.

„Ich wollte immer schon von Erfurt nach Berlin“

Obwohl die 43-Jährige sich also in vielen Städten behauptet hat, wollte sie immer nach Berlin. „Schon als Jugendliche bin ich in den Dialekt verliebt gewesen. Berlin war immer ein großes Geheimnis.“ Und der Zauber wirkt noch, auch wenn die Hauptstadt und ihre Befindlichkeiten der Thüringerin manchmal gewaltig auf den Zünder gehen. „Es sind die Stimmungen, die ich hier besonders mag“, erklärt die Schauspielerin. Zum Beispiel Berlin im Sommer, wenn in den Ferien alles zur Ruhe komme. Oder wenn es draußen diesig ist und die Wahlberlinerin mit Pudelmütze im Hauseingang sitzend die Vorbeieilenden beobachte.

In eben diesem besonderen Gang stehen Tische und Kerzen. Er gehört zum Italiener Boccondivino. Auch hier kennt man sich. Küsschen links, Küsschen rechts und einen Prosecco an Claudias Stammtisch später wissen wir: Das Hirschcarpaccio mit Steinpilzen ist sensationell und auch die traditionellen italienischen Gerichte auf der Karte sind großartig. Erst recht zur Mittagszeit, wenn sie etwa zehn Euro kosten. Teurer ist es da schon um die Ecke im Brechts. Vor allem das Schnitzel, aber auch alles andere könne sie hier empfehlen, so unsere Restaurant-Expertin. Überhaupt nicht ginge dagegen das Grill Royal – trotz toller Küche. „Das kannste ruhig aufschreiben“, betont Claudia. „Dieses ganze ‚Sie-werden-platziert-Gehabe‘ da, das hatte ich in der DDR schon. Das kann ich nicht mehr haben.“

Und so kommen wir immer irgendwie zurück zu Claudias Wurzeln im ehemaligen Osten. Auch durch ihren letzten TV-Auftritt: Gerade ist die dritte Staffel von „Weißensee“ gelaufen. Die Serie bezeichnet sie als Herzensangelegenheit, die für sie komplex, spannend, mutig und eine der besten deutschen Miniserien sei. „Wir haben ja auch eine gewisse Verantwortung gegenüber der Historie, die wir erlebt haben. Und das Schöne an Weißensee ist, dass die ganze Geschichte differenziert dargestellt wird. Und dass auch alle Nebenfiguren einen total spannenden Charakter haben.“ Eine von ihnen ist die Köchin und Bürgerrechtlerin Nicole Henning, Claudias Rolle.

Hamlet und die Broilerbeine

Am Schiffbauerdamm halten wir dann kurz inne. Eigentlich wäre es schön, bis zur Terrasse der Schwangeren Auster zu laufen und dann weiter durch den Tiergarten, findet die Schauspielerin. Auch zur Museumsinsel spaziere sie gerne, vor allem um die Alte Nationalgalerie zu besuchen. Wir entscheiden uns dann aber doch für ein ruhigeres Plätzchen, den Hinterhof des Berliner Ensembles. Im Biergarten reden wir über Urlaube, die Ostsee und Wassersport. Dabei kommt die Hobby-Schwimmerin richtig ins Schwärmen. „Zwei Kilometer klopp ich weg“, erzählt sie und dass Schwimmen sie unglaublich glücklich mache. Vor allem im Sommer und in der alten Architektur des Olympiabades. Nur das Kraulen müsse sie noch lernen, befindet die Perfektionistin und wir kichern ein bisschen darüber, wie Ungeübte beim Rückenschwimmen aussehen: „Mit den Broilerbeenen da links und rechts“.

Nachbarschaftlich mit Kellner Yannick
Hier lernen wir auch Claudias Leidenschaft für das Theater kennen. Die ist so groß, dass sie gute Stücke mehrmals ansieht – den Hamlet gleich acht Mal. Ihr Lieblingsort, um die Kollegen auf den Brettern zu bewundern, sei aber die Schaubühne am Kurfürstendamm. Das Schöne an der Friedrich-Wilhelm-Stadt sei ja gerade, dass man schnell überall hin komme, ob zu Freunden in den Prenzlauer Berg, zum Flughafen Tegel, zum Schlemmen in die Cordobar oder eben nach Wilmersdorf. Zum Feiern lande sie meist auf privaten Festen. Aber wenn alle Zeichen auf Party stehen, dann besucht sie ihren Kumpel „Chefchen“. Der ist nämlich passender Weise Teilhaber der Kult-Kneipe Muschi Obermaier.

Unsere letzte Station ist die Bar de Vin, ein kleiner Ableger der Weinbar Ganymed. Hier ist es ein freundlicher französischer Kellner, der seine Stammkundin umarmt und mit ihr über das Leben im Kiez plaudert. Eine familiäre Ruhe strahle dieser Ort am Spreeufer aus und beide stellen fest, dass sie die Nachbarschaft großteils persönlich kennen. „Es mutet gar nicht so nett an, weil alles drumherum so groß ist“, sagt Claudia zum Schluss noch. „Aber hier hat man genau das: Einen kleinen Mikrokosmos in der Großstadt.“ Ein Hoch auf Hildesheim.


Falls du die letzte Staffel von Weißensee verpasst hast: Die gibt ab heute auf DVD zu kaufen!

 

Auch diese Promi-Damen haben uns ihren Kiez in Mitte gezeigt:

Foto Galerie

Café Butterstulle, Marienstraße 25, 10117 Berlin

Telefon 030 28047532
Fax 030 28098639

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