Lichterfelde

Immer noch Vorzeigekolonie

Morgensternstraße Ecke Königsberger Straße, gegenüber des heutigen Restaurants Villa Valiosa.
Morgensternstraße Ecke Königsberger Straße, gegenüber des heutigen Restaurants Villa Valiosa. Zur Foto-Galerie
Lichterfelde Ost - Unsere Gastautorin Jutta Goedicke ist Herausgeberin des Kiezmagazins Ferdinandmarkt. Sie wohnt in Lankwitz, arbeitet in Lichterfelde Ost und geht der Geschichte ihres Umfelds gerne auf den Grund.

Berlin war in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts die am schnellsten wachsende Großstadt Europas. Durch den starken innerstädtischen Zuzug während der Industrialisierung, wurde innerhalb kürzester Zeit eine enorme Menge an Wohnraum benötigt. Begünstigt durch Bauspekulanten, die auf großen Grundstücken möglichst viele Menschen unterbringen wollten, entstanden die berühmten  Mietskasernen, mit ihren engen, lichtarmen Hinterhöfen. Die Wohnungsnot war so groß, dass die Mieter bereits einzogen während die Bauleute auf den Gerüsten noch die Fassaden verputzten. Man sprach hierbei vom Trockenwohnen. Die Wohnungen wurden von bis zu 30 Personen bewohnt, die sich die Betten im Schichtbetrieb teilten.

Ganz im Gegensatz zur hektischen innerstädtischen Bautätigkeit entwickelte sich zur gleichen Zeit, auf halber Strecke zwischen den Machtzentren Berlin und Potsdam, Lichterfelde als „Vorzeigekolonie“ des neu gegründeten Deutschen Reiches. Johann Anton Wilhelm von Carstenn hatte die Zeichen der Zeit erkannt und das Terrain zwischen den bereits bestehenden Bahnlinien der Berlin-Potsdamer und der Anhaltischen Bahn erworben, erschlossen und parzelliert. Seine Vorgaben zur Bebauung des Gebietes prägen noch heute den Charakter der Gartenstadt, der zur damaligen Zeit noch neu und einzigartig war. Berlin wurde neben der Konzentration auf die Industrie, auch zu einem Schwerpunkt der Verwaltung, Dienstleistung, Wissenschaft und Kultur. Das Bürgertum war, jenseits des Adels, zu einer eigenen Klasse geworden. Man war stolz auf das Erreichte und es galt zu repräsentieren!

Die ersten Mietshäuser in Lichterfelde

Dürerstraße zwischen Drake- und Ringstraße (c)Archiv Wolfgang Holtz
In den Gründerjahren nach 1870 wurde in Giesensdorf und Lichterfelde (der Zusammenschluss zu Groß-Lichterfelde erfolgte 1878) ein Großteil der hochherrschaftlichen Häuser gebaut. Man war verschwenderisch, sowohl bei der Architektur als auch beim Umfang der Villen mit  Türmchen, Erkern, Giebeln, Säulen und Stuck. Zur Ausprägung eines eigenes Stils war nicht die Zeit. Man bediente sich aller bisherigen Kunstrichtungen (Historismus). Die „Bel Etage“ möglichst mit einer Freitreppe aus dem Garten, die erste Etage mit großzügigen Räumen für die Familie und die niedrigen Räume unter dem Dach für das Personal. Ohne Personal wäre der Aufwand der großen Villen nicht zu realisieren gewesen und die Anzahl des beschäftigten Personals spiegelte wiederum die gesellschaftliche Stellung der Familie wider. Die Dienstboten rekrutierte man vorwiegend aus den katholischen Teilen Pommerns und Schlesiens, was im protestantischen Brandenburg nicht konfliktfrei verlief.

Boothstraße 16, Haus von Werner Genest (c)Archiv Wolfgang Holtz
Mit der Ansiedlung von Handwerkern, Beamten, Angestellten und Gewerbetreibenden entstanden auch die ersten Mietshäuser in Lichterfelde die hier allerdings den Mietern Licht, Luft und Raum ließen. Um 1892 wurden zwischen der Mittelstraße (heute Bassermannweg) und dem Devrientweg die ersten Reihenhäuser des Reiches gebaut. Vom Aufbau her, der Großzügigkeit der umliegenden Villen angepasst, waren sie jedoch ein erster Schritt in eine neue zeitgemäßere Bauweise, die Raum, Geld und den enormen Personalaufwand sparte.

Heute ist Lichterfelde für unsere moderne Zeit bestens aufgestellt. Es hat einen hohen Wohnwert, ist verkehrstechnisch optimal erschlossen, bietet Arbeit und Kultur und hat eine weitgehend intakte Einzelhandelskultur. Johann Anton Wilhelm von Carstenn wäre sicherlich stolz auf uns!


Jutta Goedicke ist nicht nur Herausgeberin und Chefredakteurin des Kiezmagazins Ferdinandmarkt, sie ist auch Besitzerin des Spielzeugladens Löwenzahn in Lichterfelde-Ost.


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Spielzeug-Laden Löwenzahn. (c)Gerlinde Jänicke

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