Lorenzstraße

"Mietskaserne" mit Stil

Lichterfelde Ost - Unsere Gastautorin Jutta Goedicke ist Herausgeberin des Kiezmagazins Ferdinandmarkt. Sie wohnt in Lankwitz, arbeitet in Lichterfelde Ost und denkt manchmal, dass ein Haus auch so etwas wie eine Seele hat oder zumindest eine Atmosphäre vorgibt, in der Menschen sich wohlfühlen und entfalten können. In der Lorenzstraße10/11, in Lichterfelde-Ost, steht so ein Haus ...

Auch wenn es mit seiner Größe etwas schummelt, (es ist eigentlich nur der Grundriss eines Hauses, der sich in der Mitte noch einmal spiegelverkehrt anfügt) stellt sich das ganze Haus mit seinem Fachwerk, seinen Giebeln, Erkern und Mansarden als etwas Besonderes dar. Es scheint, als hätte der Architekt einen riesigen Spaß am Berechnen, Winkelmessen und Konstruieren gehabt und dem Bauherrn wäre keine Finesse zu viel oder zu teuer gewesen. Dabei handelte es sich von Anfang an nur um das Konzept eines Mietshauses, welches der damals erst 26-jährige Rechtsanwalt Bruno Peglau aus Leipzig vom vier Jahre älteren Architekten Herold (auch aus Leipzig) 1901/03 bauen ließ. Es werden wohl die Visionen eines jungen wohlhabenden Mannes gewesen sein, der um die Jahrhundertwende in einer Zeit zwischen Historismus und Jugendstil, seine eigene Auffassung von „Moderne“ verwirklichen wollte.

Die „Leipziger Häuser“

Zum Areal, das von Peglau und Herold bebaut wurde (manche nennen es heute noch die „Leipziger Häuser“), gehört auch das im gleichen Stil gebaute Fachwerkhaus in der Ferdinandstraße 22 und das, auf den ersten Blick unspektakulärste, aber seinerzeit modernste Haus, Ferdinandstraße 22a dazwischen. Architekturgeschichtlich bedeutend ist das Haus 22a durch den außergewöhnlichen Grundriss: vier mächtige Eckrisalite mit dazwischen gespannten Holzbalkonen, zentrales Treppenhaus, jede Wohnung mit zwei Balkonen und Licht von zwei Seiten, Treppenhaus in Stahlbeton, Glasbausteine zwischen den Wohnungen und Zentralheizung (Quelle: Denkmaldatenbank). Durchweg wurden in allen drei Häusern große, helle Wohnungen gebaut, die auch für Künstler und Kleinverdiener erschwinglich sein sollten. So liest man in einem Auszug des Adressbuches von ca. 1905, dass sich die Mieter aus einem bunten Querschnitt der damaligen Bevölkerung zusammensetzten: Maler, Kaufmann, Tischler, Witwe, Lehrer, Oberrevisor, usw.

Peglaus Idealvorstellung von modernem Wohnen nach dem Prinzip einer Gartenstadt (ursprünglich 1898 aus England kommende Bewegung als Reaktion auf die schlechten Wohn- und Lebensverhältnisse in den stark gewachsenen Großstädten) hat er wenige Jahre später als Mitbegründer der Gartenstadt Quasnitz bei Leipzig aufgegriffen. Leider übernahm er sich damit nach anfänglichen Erfolgen und starb hoch verschuldet 1922 in Leipzig.

Einst Asylbewerberheim, nun Mehr-Generationen-Haus

Zurück zur Lorenzstraße10/11: Von Kriegs-Zerstörungen zwar verschont, verkam es doch mehr und mehr und wurde dann in den 80er Jahren als Asylbewerberheim genutzt. Als Rettung erwies sich 1984 der Verkauf des Hauses an eine Gruppe von Leuten, die mit viel Engagement, baulichem Sachverstand, Liebe zum Detail und jede Menge „frischem Geld“ dem Haus wieder Leben einhauchten. Die Vorgaben des Denkmalamtes waren beträchtlich, aber die Bausubstanz war gut und das Ergebnis der Arbeiten spricht für sich.

Anstelle der damaligen Visionen des Bauherrn ist für die heutigen Bewohner des Hauses eine neue zeitgemäße Vision entstanden, nämlich die eines Mehr-Generationen-Hauses, in dem man tolerant und respektvoll miteinander umgeht, und in dem vor allem viel Platz und Verständnis für die Bedürfnisse der hier wohnenden Kinder eingeräumt wird.

… und dass sich in dem großen Innenhof auch die Gartenrotschwanz-Familie, die Mauersegler, Fledermäuse und die Specht-Familie wohlfühlen, spricht für die eingangs erwähnte Seele des Hauses.

Jutta Goedicke ist nicht nur Herausgeberin und Chefredakteurin des Kiezmagazins Ferdinandmarkt, sie ist auch Besitzerin des Spielzeugladens Löwenzahn in Lichterfelde-Ost.

 

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