Werkschau im Babylon

Instituto Cervantes ehrt Jess Franco

Das Babylon in Mitte: Hier gibt's die Filme abseits des Mainstreams.
Das Babylon in Mitte: Hier gibt's die Filme abseits des Mainstreams.
Er gilt als der produktivste Filmemacher der Welt. Über 200 Filme hat der spanische Trash-Regisseur Jess Franco geschaffen. Jetzt ehrt ihn das Berliner Instituto Cervantes mit einer Werkschau im Babylon. 

Dieser neutestamentliche Spruch passt perfekt zu Jess Franco: Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Seit 1957 dreht Franco durchschnittlich vier Filme im Jahr. Deshalb gilt er als der produktivste Regisseur der Erde. Doch der Spanier musste erst 78-jährig werden, bevor er die Anerkennung der Welt des Films bekam: 2008 erhielt Franco die Ehrung einer offiziellen Kulturinstitution durch eine erste große Schau seines Werkes, jedoch nicht in Spanien, sondern in der Cinémathèque Française. Kurz nachdem die Schau im Panthéon der Filmgeschichte in Paris gezeigt wurde, bekam er mit dem Ehren-„Goya“ den angesehensten spanischen Filmpreis: für sein Lebenswerk.

Dass der 1930 in Madrid geborene Jesús Franco Manera in Berlin vom spanischen Kulturinstitut mit einer Retrospektive geehrt wird, lässt sich als Spätfolge dieser Ehrung begreifen. Über der Eröffnung im Babylon-Kino in Mitte, der der Meister im Kreis seiner Bewunderer am Wochenende beiwohnte, schwebte dementsprechend eine Stimmung der Genugtuung. Denn lange bevor die kulturelle Szene den jahrzehntelang scheinbar übersehenen Regisseur wahrnahm, waren es Sammler und Anhänger aus der ganzen Welt, die sein Œuvre katalogisierten und die versteckten Details und genrespezifischen Eigenheiten  filmografisch aufarbeiteten. Die offizielle Kunstwelt ignorierte das als Schmuddelkino abgestrafte Gesamtwerk peinlich berührt.

Viele Franco-Streifen existieren unter mehreren Titeln und in verschiedenen Versionen

Einige begreifen Francos Bildsprache denn auch als schiere Kunst. Obwohl von der Improvisationsästhetik jüngerer Filme wie „Killer Barbies versus Dracula“ (2002) selbst unerschütterliche Trash-Liebhaber enttäuscht waren, bietet doch wenigstens Francos Frühwerk den Nährboden für Thesen, in denen der Regisseur als Wegbereiter gesehen wird. Einige Produktionen antizipieren auf ungewollte und visionäre Art die mitunter ähnlich befremdliche Ästhetik der Videokunst der Achtziger und Neunziger. Die Filmmusik aus „Vampyros Lesbos“ (1970) ging in die Remixe der Clubszene ein und deutsche Trash-Regisseure wie Christoph Schlingensief oder Jörg Buttgereit sind deutlich erkennbar von Francos Bildsprache geprägt. Auch sie sind schon lange von der Hochkultur aufgenommen.

Die Werkschau mit dem ein wenig anbiedernden Namen „Back to Berlin“ – obwohl Franco mit Atze Brauner kooperiert und einige Male wie für „Necronomicon“ (1967) vor Ort gedreht hatte, lässt er sich schwer als Berliner bezeichnen – gibt die seltene Möglichkeit, die Filme auf einer großen Leinwand zu erleben, teilweise als ungekürzte Director’s-Cut-Versionen. Mit dem Regisseur abgestimmt, wurden 38 Produktionen ausgewählt, eine selbstbewusste Anzahl für eine Retrospektive, aus Francos Œuvre dagegen nur ein Bruchteil. Sein komplettes Werk umfasst mindestens 208 Filme, über die definitive Anzahl liegen die  Experten im Streit. Manche Streifen fanden unter verschiedenen Titeln mehrmals den Weg auf die Leinwand: Der inzwischen als Klassiker gerühmte Monsterschinken „Dracula versus Frankenstein“ etwa ist ebenfalls als „Die Nacht der offenen Särge“ bekannt. Außerdem sind Versionen im Umlauf, die skrupellose Produzenten im Nachhinein für die Kinos in Bahnhöfen um Hardcore-Szenen angereichert haben sollen – angeblich gegen das Verständnis Francos von Kunst.

Der Filmemacher ist wenig beeindruckt vom „Goya“-Preis

Dass der Maestro nicht mehr nur die Zensurbehörden auf Trab hält, sondern mittlerweile auch die Kuratoren, erfreut insbesondere die kleine Runde der Fans in Berlin. Im Babylon wurde der 82-Jährige mit aufrichtigem Applaus bedacht. Obwohl das Sprechen für den Rollstuhlfahrer hörbar mühsam ist, so gibt er sich noch immer als eloquenter Plauderer. Im Gespräch stellt er sich in eine Reihe mit  Vorbildern aus Deutschland, etwa F. W. Murnau, von dessen expressiver Stummfilmästhetik Francos wortarmes Werk ohne Zweifel inspiriert war, und weckt die Erinnerung an Weggefährten wie Maria Schell und Klaus Kinski.

Dem neuen Rummel um die Kunst jedoch steht er sehr gelassen gegenüber. Hinter einer kühlen Fassade aus Sonnenbrille und Kinnbart gibt der Meister wenig bescheidenes Understatement zum Besten: Der „Goya“-Preis der spanischen Filmwelt, äußerte er im Babylon, lasse ihn ziemlich kalt. Einen echten Goya hingegen hätte er nicht verachtet: „Das ist ein guter Maler.“ Goya wurde seinerzeit aus moralischen Gründen aus Spanien fortgejagt. Es ist nicht immer einfach, doch möglicherweise muss man sich Jess Franco genau so denken: als einen Francisco de Goya im Zeitalter des Bewegtbildes, der uns wenig Verständigen immer noch viel zu weit voraus ist, als dass wir seine Größe gebührend begreifen könnten. Zur Eröffnung waren nur drei Dutzend Fans anwesend.

Zu sehen ist die Werkschau im Kino Babylon Mitte noch bis zum 15. August.

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Quelle: Der Tagesspiegel

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