Berliner Kitas

Probleme beim Deutschlernen

Ob sie dazu angehalten werden, immer Deutsch zu reden, ob sie darüber singen oder spielerisch lernen. Die Spracherziehung in Berliner Kitas wird umfangreicher.
Ob sie dazu angehalten werden, immer Deutsch zu reden, ob sie darüber singen oder spielerisch lernen. Die Spracherziehung in Berliner Kitas wird umfangreicher.
Die Spracherziehung in Kitas steht schon seit Jahren in der Kritik von Bildungsexperten. Doch wie sieht es in Kitas in Neukölln und Marzahn tatsächlich aus?

Die Kinder hören gespannt zu, wie die Maus ihren Mut beweist, indem sie durch einen See taucht. Die Erzieherin hält beim Vorlesen oft inne, um ihnen Fragen zu stellen: „Wie heißt das, wenn man unter Wasser schwimmt?“ Die Kinder müssen eine Weile überlegen. „Tauchen“, wiederholt die Erzieherin. Meric weiß dazu eine Geschichte: „Ich bin mal mit offenen Augen durchs Columbiabad getaucht.“ Während Kinder und Erzieherin sich unterhalten, merkt man, dass ab und an ein Wort fehlt oder der Artikel verdreht ist, aber die meisten der Vier- und Fünfjährigen können sich gut verständigen. Dabei sprechen die Kinder der Awo-Kita „Du und ich“ Deutsch meist nicht als erste Sprache: 90 Prozent lernen zwei oder drei andere Sprache, bevor sie Deutsch lernen.

Um ausreichendes Deutsch bei Kita-Kindern sorgen sich Bildungsexperten seit Jahren. Die Sprachstandsfeststellung in Kitas wurde 2001 von der Bildungsverwaltung veranlasst – mit eher beunruhigenden Ergebnissen. Circa 27.000 Kinder aus Berlin, die ein Jahr vor der Einschulung standen, wurden von ihren Erzieherinnen sprachlich getestet. Dabei stellte man bei 17 Prozent Sprachförderungsbedarf fest. Das heißt, dass sie mit ihrem Deutsch nicht in der Schule bestehen würden. Neukölln schnitt am schlechtesten ab. Öczan Mutla, Bildungsexperte der Grünen, kritisierte die Qualität der Kindergärten. Andere Experten gaben dem rot-roten Bildungskonzept die Schuld.

Selbstständige Kinder sprechen mehr

In der Kita „Du und ich“ sind die Erzieherinnen aufgebracht über die Unterstellung schlechter Erziehung. Nach ihrem Ermessen hätten sie Fortschritte gemacht. Schließlich sei der Prozentsatz förderbedürftiger Kinder von 25 Prozent 2005 um einiges zurückgegangen. Überhaupt sei die Feststellung nur eine Art Zwischenbilanz, die der Planung der Förderung bis zum Schulstart dienlich sei, meint Kita-Leiterin Saupe: „Wir gehen auf die Schwächen jedes einzelnen Kindes ein. Sprachförderung steht bei uns ständig im Mittelpunkt. So achten die Erzieherinnen darauf, dass die Kinder ihre Bedürfnisse selbst formulieren.“ Die Kinder sind nicht an feste Gruppen gebunden. Mit Erlaubnis der Erzieher dürfen sie allein zwischen den Stockwerken pendeln: „Je selbstständiger Kinder sein dürfen, desto mehr sprechen sie.“

27 Kinder wurden in der Kita „Du und ich“ untersucht. Sieben davon bekamen Sprachförderbedarf attestiert. Die Erzieherinnen sehen die Ursachen an verschiedenen Punkten. Dass die Kinder miteinander zu oft etwas anderes als Deutsch sprechen würden, zählt Saupe nicht dazu. „Es ist gut, wenn sie manchmal ihre Muttersprache untereinander sprechen, am Anfang, wenn ihnen noch deutsche Wörter fehlen“, erklärt Saupe und ergänzt, dass man Ihre Muttersprache Kindern nie als etwas Schlechtes vorführen solle.

100 Prozent deutsche Sprache

Andere Kitas in Neukölln hingegen setzen komplett auf Deutsch. Dazu gehören die Fipp Kita in der Warthestraße und die Kita Knallerbsen. Ob Kinder oder Eltern, auf dem Gelände der Kita wird ohne Ausnahme Deutsch gesprochen. Aber: „Wenn Eltern mit ihren Kindern falsches Deutsch sprechen oder verschiedene Sprachen mischen, sind die Fehler in der Kita nur schwer rauszukriegen“, sagt Simone Grocholewski von der Kita Knallerbsen. Hinzu komme, dass Eltern in Neukölln sehen, dass man auch ohne Deutsch auskomme. „Das kann dazu führen, dass Eltern nicht die Notwendigkeit sehen, dass ihr Kind gut Deutsch sprechen lernt“, meint die Leiterin der Fipp Kita, Ines Fichtner.

Die Sozialstruktur Neuköllns ist aber im Aufbruch. Einkommensschwächere wandern nach Marzahn oder Hellersdorf ab. Auch diese Bezirke wurden schlecht bewertet im Test. Am niedrigen Anteil der deutschen Muttersprachler kann es aber kaum liegen, da dieser auch in der Kita Kunterbunt in Marzahn bei über 60 Prozent liegt. Trotzdem schätzten die Erzieherinnen elf von 50 Kindern als förderbedürftig ein. Neun der elf seien wegen sprachlicher Störungen in logopädischer Behandlung. Nur drei hätten einen anderen Sprachhintergrund, sagt Ellen Hoffmann, die Kita-Leiterin.

Lieder und Spiele helfen beim Lernen

Die Vorschulgruppe singt gerade ein Lied, das dem Spracherwerb dienlich ist: „Alle Kinder lerne Mehr Kitaplätze für Berlin n lesen, auch Indianer und Chinesen. Eu, sagt die Eule, sind die Mäuse heute scheu.“ Anna, deren Mutter gebürtige Vietnamesin ist, kann das Lied besonders gut widergeben. Jackson (Name geändert), ohne jeden Migrationshintergrund, braucht etwas mehr Hilfe dabei. Er sei kontaktscheu und hätte lange keine Worte formen können, sagt die Erzieherin. Bei deutschen Familien entstünden Sprachprobleme oft durch fehlende Kommunikation der Eltern mit dem Kind, sagt Hoffmann. Andere fordern wiederum zu viel, was die Kinder dazu bringt, sich zu verschließen.

Eigentlich wären Sprachförderstunden für normal entwickelte Kinder unnötig, sagt Hoffmann: „Weil sie hier permanent gefördert und animiert werden. Aber wir machen für diejenigen mit Förderbedarf zusätzliche Angebote, damit sie aufholen können.“ Eigens erdachte Sprachspiele sollen helfen: Fünf Kinder im Alter von vier und fünf haben sich um ein Brettspiel herum versammelt. Die Eltern eines Mädchens kommen aus Vietnam. Es trägt ein rosa Kleid und dreht die rote Karte um. Nun muss sie reimen. Es gibt drei Bilder auf der Karte, aber nur zwei passen zusammen. „Na, was reimt sich auf Turm – Wurm oder Schaf?“, möchte die Erzieherin wissen. Die Kleine denkt kurz nach. Dann lächelt sie und tippt auf den Wurm.

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Quelle: Der Tagesspiegel

Probleme beim Deutschlernen, Warthestraße, 12051 Berlin

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