QIEZ-Leserreporter

"Zur Linde" muss bleiben!

So romantisch kann Kleingarten sein. Die Parzellen in der Anlage "Zur Linde" haben für ihre Besitzer einen großen sozialen und emotionalen Wert.
Baumschulenweg – Auf dem Gelände der Gartenkolonie "Zur Linde" sollen Wohnungen gebaut werden. Leserreporterin Anja Bender erklärt, warum die Kleingärtner sich wünschen, dass ihre Anlage erhalten bleibt.

Das Jahr 1963 war nicht nur das Jahr, in dem ich geboren wurde, es war auch das Jahr, in dem meine Eltern eine Parzelle in der KGA „Zur Linde“ erwarben. Von nun an spielte sich ein großer Teil unseres Familienlebens im Garten ab. Mein Bruder und ich verbrachten unsere ganze Kindheit, wann immer es möglich war, im Grünen. Mit Eierpampe zu spielen, Schnecken zu sammeln, Schmetterlinge beobachten, Obst und Gemüse zu ernten waren für uns ganz normale Dinge. Auch wenn uns als Teenager die Mithilfe bei der Gartenarbeit nicht so viel Freude bereitete, durften wir hier wohl die schönsten Gartenpartys feiern, die man sich als Jugendlicher wünschen konnte. Als ich dann 18 Jahre alt war, wurde ich Mitglied im Verein und meldete mich für einen Garten an. Dass das Leben in und mit der Gartenkolonie stets ein fester Bestandteil meines Lebens war und ist, sollen ein paar Beispiele zeigen.

So lernte ich meinen Ehemann nicht irgendwo beim Tanzen, sondern in der Parzelle meiner Eltern kennen. Den Polterabend feierten wir natürlich im Vereinsheim. Als die gesamte Gartenanlage die 100-Jahrfeier beging, lag ich mit Wehen bei der Geburt unserer ersten Tochter im Krankenhaus. Die Feier wurde dann ausgiebig genutzt, um auf ihre Geburt am 20.09.1987 anzustoßen.

1992, im Geburtsjahr unserer zweiten Tochter, war es dann soweit! Wir bekamen unseren eigenen Garten. Von nun an waren diese 300 Quadratmeter Mittelpunkt unseres Familienlebens. Mit viel Mühe, Fleiß und auch einer Menge Geld und Arbeit schufen wir uns gemeinsam mit Familie, Freunden und vielen, vielen Gartenfreunden ein Paradies, unsere grüne Oase mitten in der Großstadt. Nun waren es die eigenen Kinder, die unbeschwert Mutter Natur erkunden konnten und dies nicht nur im eigenen Garten. Unsere Töchter fühlten sich auch auf anderen Grundstücken sehr wohl. Es war so herrlich, dass sie einfach mal zu Oma und Opa gehen konnten, bei Tante und Onkel sich zum Essen einluden oder bei all den anderen lieben Gartennachbarn vorbeischauten. Alle hatten stets auch ein wachsames Auge auf sie und an Spielkameraden fehlte es ihnen nicht. So war es ganz normal, dass beim gemütlichen Grillen am Abend immer wieder ein, zwei kleine Mäulchen mehr am Tisch saßen.

Das Leben dreier Generationen fand in diesen Gärten statt

Alle großen Familienfeste wie Einschulungen, Kommunion, Jugendweihe, runde Geburtstage und, und, und, alles im Garten. Heute nun bin ich selber Oma und wo verbringen wir die meiste Zeit mit unserem Enkel? Es ist auch schön zu sehen, dass wieder immer mehr junge Familien in unsere Anlage kommen und man aus vielen Ecken Kinderlachen hört. Wir genießen es, wenn unser Enkelchen sich an den vorbeifliegenden Schmetterlingen erfreut, uns aufgeregt Ameisen und Käfer zeigt, im Pool planscht und voller Freude Erdbeeren erntet. Heute ist sie es, die zur Uroma geht, bei Großtante und Großonkel mit am Kaffeetisch sitzt, bei den Nachbarn auf die Quietschfiguren am Zaun drückt, Katzen gucken geht oder mit die Fische füttert. Und wieder haben alle ein wachsames Auge auf sie.

 

Ist es nicht schön, dass es auch noch Dinge gibt, die ihre Beständigkeit erhalten haben? Unser größter Wunsch ist es, dass uns dieses Kleinod erhalten bleibt. In all den vielen Jahren sind so viele zwischenmenschliche Beziehungen gewachsen, auf die wir nicht verzichten möchten. Allein die Tatsache, dass ich nach einem anstrengenden Arbeitstag in meinen Garten gehen kann, dass wir am Wochenende mit der Familie und Freunden gemütlich beim Grillen sitzen oder aber auch unseren Urlaub hier verbringen können, gibt mir immer wieder Kraft. Zu gerne möchte ich gemeinsam mit meinem Mann hier auch mein Rentendasein erleben. So wie ich es hier geschildert habe, haben es viele Gartenfreunde unserer Anlage erlebt. Wir sind hier zusammen aufgewachsen und wollen hier auch gerne zusammen alt werden. Wie schrieb schon Erich Weinert so schön: „Der Postbeamte Emil Pelle hat eine Laubenlandparzelle, wo er nach Feierabend gräbt und auch die Urlaubszeit verlebt. Ein Sommerläubchen mit Tapete, ein Stallgebäude, Blumenbeete. Hübsch eingefaßt mit frischem Kies, sind Pelles Sommerparadies. …“

Deshalb sollten wir alles tun, um dieses Sommerparadies zu erhalten!               


Quelle: externe Quelle

"Zur Linde" muss bleiben!, Kiefholzstraße 281, 12435 Berlin
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