Protest-Menschenkette nach Rauswurf

Kneipe Baiz setzt Zeichen gegen Gentrifizierung

Kneipe Baiz setzt Zeichen gegen Gentrifizierung
"Baiz bleibt...woanders" Die beliebte Bar zieht von Mitte nach Prenzl´Berg.
Rosenthaler Vorstadt - Die letzte alternative Kultur- und Schankwirtschaft auf der Torstraße muss ausziehen. Für den Umzug in die Schönhauser Allee wird am Sonntag eine Menschenkette auf die Beine gestellt, die das Kneipeninventar abtransportieren und ein öffentliches Zeichen gegen Gentrifizierung setzen soll.

„Kein Bex, kein Latte, kein Bullshit und dann auch noch Selbstbedienung“ – diese klare Ansage lesen Gäste schon vor Betreten des (oder wie angestammte Gäste sagen: der) „Baiz“ draußen an der Marquise. Drinnen wird sie noch um ein „kein Wlan“ ergänzt. An den Wänden hängen Plakate zu Demonstrationen, das Programmheft weist auf Lesungen und Vorträge hin, an Bar und Tischen wird „hart aber herzlich“ gescherzt oder heiß diskutiert und im Nebenraum entbrennen nervenaufreibende Kicker-Kämpfe. Schnell wird klar, dass es sich hier um eine alternative Insel im Meer der hippen Cafés, Imbisse und Restaurants der digitalen Bohème auf der Torstraße und rund um den Rosenthaler Platz handelt. Seit im Gebiet überall neue Hotels, Boutiquen und Hamburger-Läden eröffnet werden, stellt sich leider für Läden wie das Baiz die Frage: Wie viel Zeit bleibt noch bis zur Verdrängung.

Alles muss raus

Im Fall dieser Kneipe, einem beliebten Treffpunkt für die eher links- und weniger hipster-orientierten Prenzl`bergerInnen und Mitte-Menschen, begannen die Konflikte als 2012 der Hausbesitzer wechselte. Die Zelos Properties GmbH beschloss, die Torstraße 69 zu sanieren und auch schicke Eigentumswohnungen einzurichten – viele davon sind bereits verkauft oder reserviert. Angeworben werden potenzielle KäuferInnen unter anderem mit dem pulsierenden Nacht- und Kultur-Leben im Kiez.

Mit der Baiz muss nun aber ein Stück authentische Berliner Kiezkultur gehen, denn eine Weiternutzung der Gewerbeflächen mit der Bar ist nicht vorgesehen. Stattdessen soll ein weiteres Büroprojekt einziehen. Als die Pläne öffentlich gemacht wurden, kamen die BewohnerInnen des Hauses und die Kneipenbetreibenden zusammen, um gemeinsam zu überlegen wie sie sich gegen die Schließung wehren könnten. Schließlich ist die Bar nicht die einzige Leidtragende: Die Mieten im Eckhaus von Torstraße und Christinenstraße steigen teilweise um 250 Prozent.

Proteste, Demonstrationen, Petitionen und die Bemühungen bei Verhandlungsgesprächen halfen nichts. Der Mietvertrag der Baiz wurde nicht verlängert und seit einer Weile steht der Auszugstermin fest. Am Sonntag, den 23. Februar geht es in die neue Herberge an der Schönhauser Allee / Ecke Wörther Straße. Um einen erneuten Rauswurf zu vermeiden, haben die Betreibenden der Baiz die neue Fläche übrigens nicht gemietet, sondern gekauft. Im April sollen dort – in unmittelbarer Nähe zum hypergentrifizierten Kollwitz-Kiez – wieder Kulturveranstaltungen mit Vorträgen zu aktuellen politischen Themen, Lesungen und Kleinkunstabende stattfinden – und natürlich bei Bier und Kicker die Nacht zum Tage gemacht werden.

Umzugs-HelferInnen gesucht

Der Umzug in die neue Location soll allerdings nicht still und leise ablaufen, sondern ein öffentliches Zeichen gegen „den Ausverkauf der Stadt“ gesetzt werden, wie es im Flyer heißt. Mithilfe einer bestenfalls 1.000 Meter langen Menschenkette sollen Stühle, Barhocker und Tische von der Torstraße abtransportiert und damit auf die voranschreitende Gentrifizierung im Gebiet hingewiesen werden. Dazu möchte das Baiz-Team mindestens 300 UnterstützerInnen mobilisieren. Übrigens: „Für Heißgetränke wird gesorgt, bitte eigene Tassen mitbringen!“

Kneipe Baiz setzt Zeichen gegen Gentrifizierung, Christinenstraße 1, 10119 Berlin

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