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"Bei Ernst" ist Schluss: Ich darf nicht traurig sein!

Ein Kneipier, wie er normalerweise nur im Buche steht: Ernst aus dem "Nachtschwärmer bei Ernst". Zur Foto-Galerie
Ja, diese Worte stehen hier wirklich: "nicht traurig". Der beste aller Kneipenwirte hört bald auf und schließt sein Wohnzimmer. Nach 24 Jahren "Nachtschwärmer bei Ernst" ist dann Schluss. Aber könnte man Ernst und sein öffentliches Wohnzimmer überhaupt ersetzen?

So wie ich haben die meisten Gäste Ihre eigenen Geschichten und Erinnerungen an Ihre Abende bei Ernst. Viele davon sind wahrscheinlich bereits verblasst oder nur noch halbnebelig in der Erinnerung verankert. Aber alles in allem sind es zu viele um sie aufzuschreiben und bald werden keine neuen mehr hinzukommen.

Ich weiß noch wie ich das erste Mal bei Ernst war und mich wunderte, wer denn hier so laut durch den Laden ruft. Bis ich begriff: Das ist der Wirt höchstpersönlich. Der nächste Besuch mit Freunden, dieses Mal beim Poetry Slam am Montag. Der Abend endete mit einer Spontaneinlage von Ernst auf der Bühne, zu später Stunde zapfte ich selbst mein Bier hinter der Bar und er lud einen in sein Ruhestandshaus nach Meck-Pomm ein. Währenddessen knallte er abwechselnd jedem Gast wieder seine berühmten Sprüche an den Kopf.

Nach meinen ersten Erlebnissen bei Ernst wusste ich: Wer auch immer einen Schritt in den Wedding wagt, der muss Ernst mindestens ein Mal gesehen haben. Hier gibt es Live-Musik, Bingo, Lesungen und viele andere Veranstaltungen, dazu eine unvergleichbare Mischung von Jung und Alt, Rentnern, Erasmus-Studenten, uns Weddingern und Gästen von überall auf der Welt.

Nice to meet you!

Als ich erfuhr, dass Ernst aufhören möchte, da war ich wirklich traurig. Ich fragte nach der Abstandszahlung, nach der momentanen Miete und rechnete mir im Kopf zusammen, ob man diese Bar nicht übernehmen könne. Betrunken verrutschten in meiner Rechnung so einige Kommata im Kopf, aber es machte alles Sinn. Am Morgen danach, wieder nüchtern, überkamen mich die Zweifel. Nicht nur wegen meiner Rechnung. Mehr wegen der Antworten auf diese Fragen:

Wieso geht man da wohl hin? Wegen Ernst.
Wegen der Musik und wegen Ernst.
Wegen den Leuten und wegen Ernst.

So wird es bei Ernst bald dauerhaft aussehen. ©Andaras Hahn

Was ist, wenn jemand anderes am Tresen stehen würde? Ist das dann noch Bei Ernst? Ist es dann noch das Selbe? Würde das den Wedding glücklich machen? Da nun der Vermieter eh nicht möchte, dass an diesem Ort wieder eine Kneipe betrieben wird, erledigten sich diese Gedanken von allein.

Das Gute und das Schlechte

Man darf paradoxerweise froh sein, dass hier nicht wieder einmal ein Investor das selbst erarbeitete Lebensgefühl einer Nachbarschaft (angeführt durch den einzig wahren Ernst) auf dem Altar des Profits opfern möchte. Der Wirt verlässt die Bühne aus eigenem Antrieb. Und das freut mich sehr für ihn. Er hat einfach seinen Job gemacht und sagt nun: Es reicht. Gleichzeitig will und kann ich mir nicht anmaßen, für die anderen Gäste zu sprechen, die dort seit den 90ern täglich aufschlagen. Für sie bricht auch ein Lebensmittelpunkt weg und es wird für die wahren Stammgäste am schmerzvollsten. Gibt es Ersatz im Wedding? Eine solche Kneipe gibt es selten, auch was das hohe Musiklevel betrifft.

Es geht also nicht nur um die Gäste – dieses Ende betrifft die vielen Bands, die um die Spielzeiten feilschen. Ebenso die Gäste, die spontan Mut fassen und auf der Bühne das Mikrofon ergreifen. Es betrifft die Leute, die einfach nur einen feuchtfröhlichen Abend verbringen wollen und ebenso die, die dort nur schnell ein Bierchen trinken und wieder in die Weddinger Nacht verschwinden.

Konzerte, Lesungen, Bingo-Abende: Bei Ernst gab es viel mehr als nur Feierabendbier. ©Andaras Hahn

Ich kann aber für mich persönlich sprechen, für jemanden der einen kleinen Bruchteil dieser Jahre erleben durfte und es derzeit wöchentlich tut. Für mich wird in Erinnerung bleiben, wie Ernst versucht, jeden Gast persönlich zu begrüßen, wie er abends um halb vier – umgeben von gespannt zuhörenden Gästen – über Matratzen oder Was-auch-immer philosophieren kann. Wie er dir jetzt „mal eine Prinzessin“ sucht, um dich zu verkuppeln. Ich werde mich daran erinnern, wie Ernst die Gäste auf Ernst-Art veräppelt, wie er dir ins Gesicht sagt, was für‘n Freak du bist, du aber nicht böse sein kannst. Ich erinnere mich, wie er wildfremde Menschen miteinander bekannt macht, die alleine kommen, aber nicht einsam bleiben, er für Geburtstagsgäste spontan Happy Birthday singt, dir von seinem bevorstehenden Urlaub erzählt und dich am Ende des Abends umarmt, wenn du die Kneipe morgens verlässt, die er sein Wohnzimmer nennt.

Es bleibt eine Lücke für viele

Viele Kneipen haben den Namen des Inhabers im Titel, aber dieses Bei Ernst scheint hier etwas Besonderes zu sein. Wenn man am Tresen sitzt, es noch leer ist, er dir ungefragt die erste Schale Knabberzeugs hinstellt, dich fragt, wer du bist, was du machst – dann weißt du, du bist nicht nur bei Ernst, sondern Ernst auch bei dir.

Die Lücke, die nun an diesem Ort für die Musiker und alle Gäste entsteht, die muss irgendwer, irgendwo an einer anderen Stelle stopfen. Aber es geht hier um die Person. Und da empfände ich es als falsch, sich mit einem Imitat zufrieden zu geben. Es gibt einfach keinen Ersatz für Ernst, über den ich mich freuen könnte. Es könnte vielleicht billige Kopien geben, aber keinen Ersatz. Im Wedding wollen wir aber diese Art Originale. Und so versuche ich, froh zu sein, dass es endet wie es endet. Denn egal, wer da nun hinterm Tresen stehen würde, es wäre nie wieder dasselbe, nicht derselbe Mensch. Aber das menschliche Original eines Kneipiers und Freund in Personalunion, hinter und vor diesem – seinem – Tresen, dieses geht nun. Und darüber bin ich dann doch traurig, verdammt traurig sogar. Aber wie Ernst jetzt sagen würde: Das Leben ist schön!

In diesem Sinne: Alles Gute Ernst. Man sieht sich im neuen Wohnzimmer.

PS: Bis Mitte Mai ist noch Zeit, persönlich in Ernsts Wohnzimmer in der Sprengelstraße 15 vorbeizuschauen, dann noch einmal am 21. Juni zur Fête de la Musique. Danach ist Schluss.

Text: Andaras Hahn

Dieser Artikel erschien zuerst bei www.weddingweiser.de.

Foto Galerie


Quelle: Weddingweiser

Nachtschwärmer bei Ernst, Sprengelstr. 15, 13353 Berlin

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