• Montag, 21. Mai 2012

Tagesspiegel-Serie zu Berliner Plätzen

Grünau: Auf der Suche nach dem Zentrum

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  • Friedenskirche Grünau
    Die Friedenskirche Grünau und ihr Vorplatz könnten der Kern des Ortsteils sein. Foto: QIEZ - ©QIEZ
  • Friedenskirche Grünau
    Bisher macht der Platz an der Kirche aber nicht viel her. Immerhin ist es schön grün. Foto: QIEZ - ©QIEZ
  • Friedenskirche Grünau
    Die Rückseite der Kirche ist von Sträuchern zugewuchert. Foto: QIEZ - ©QIEZ
  • Friedenskirche Grünau
    Die Bänke im rückwärtigen Park werden selten genutzt. Foto: QIEZ - ©QIEZ
  • Villa Undine Uferpark Grünau
    Die ausgebrannte Ruine der Villa Undine an der Dahme ist inzwischen verkauft. Bald soll hier gebaut werden. Foto: QIEZ - ©QIEZ

Der Köpenicker Ortsteil Grünau hat keinen echten Ortskern. Am geeignetsten erschiene dafür der Don-Ugoletti-Platz an der Friedenskirche. Doch der Bezirk steckt seine knappen finanziellen Mittel lieber in sozial problematischere Viertel.

Grünau ist aufgebrochen, doch bewegt sich nur mit kleinen Schritten. Ob der Ortsteil wieder wird, was er einmal war, ist ungewiss. Bis zum Zweiten Weltkrieg kannte man Grünau durch seine Ruderregatten, bei den Olympischen Spielen 1936 fanden hier die Kanu- und Ruderwettbewerbe statt. Damals hatte der Ort am Wasser eine ähnliche Reputation wie Wannsee. In der DDR wurde er vernachlässigt, zahlreiche Bauruinen zeugen von dieser Zeit. Auch dem Don-Ugoletti-Platz an der Grünauer Friedenskirche ist anzusehen, dass dort seit Jahren wenig geschehen ist.

Hinter der Friedenskirche ballen sich Bäume und Sträucher zu einem undurchdringlichen Dickicht. Auf der Westseite der Kirche verstellt eine Barriere aus Hecken die Sicht. Und dann sind da noch die wuchernden Gehölzbeete als Grenzstreifen zur Straße. Die Natur stellt hier für den Menschen ein Hindernis dar. Ein klarer Fall für den Gärtner, sollte man meinen.

Heimlicher Kern

Der Don-Ugoletti-Platz ist genau genommen nur die gepflasterte Vorfahrt der Grünauer Friedenskirche. Doch sollte man die grünen Seiten unbedingt miteinbeziehen, denn ohne sie hätte der Platz wenig Entwicklungspotenzial. Er liegt zentral, ist vielleicht das heimliche Zentrum von Grünau, doch noch wird er nicht entsprechend behandelt. Der Don-Ugoletti-Platz existiert erst seit 2008. Damals erhielt der Sackgassenstummel der auf die Kirche zuführenden Eibseestraße den Namen eines Pfarrers aus der italienischen Partnergemeinde von Treptow-Köpenick. Es war ein erster Schritt zur Aufwertung des Ortes – doch im Anschluss tat sich nicht mehr viel.

Die neoromanische Friedenskirche von 1906 ist ein architektonisches Einzelstück, das zum 100. Geburtstag saniert wurde. Die parkähnlichen Anlagen wurden dabei jedoch nicht miteinbezogen, so dass die sanierte Kirche "wie in einem dunklen Loch" verschwindet, wie es Pfarrer Ulrich Kastner beschreibt. So ist das selbst tagsüber und nachts noch viel deutlicher, denn es gibt nur eine funzelige Laterne aus DDR-Produktion.

Der Bezirk hat andere Prioritäten

"Kein schöner Ort", sagt Kastner. Jedenfalls kein Ort, an dem man länger bleibt. Allenfalls Schüler oder jugendliche Pärchen nutzen die Bänke, um sich in aller Ruhe näher zu kommen. Dass die Mitglieder der Kirchengemeinde selber aktiv werden, um den Park zu verändern, wolle das Bezirksamt nicht, klagt Kastner. Das Grundstück sei zum großen Teil im Besitz des Bezirks, der Kirche gehörten nur drei Meter rund um das Gebäude.

Derzeit scheint der Don-Ugoletti-Platz nur eine Park- und Ladezone für Kirchgänger und Lieferanten darzustellen. Dabei wird der Platz durchaus für wichtige Zwecke genutzt. Hier finden der Weihnachtsmarkt und das Fest zum Schulanfang statt. Eingeladen sind stets alle Grünauer, auch die kirchenfernen.

Im Plätzeprogramm des Bezirks hat der Don-Ugoletti-Platz keine hohe Priorität, räumt Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) ein. Der Platz sei einer von vielen im Bezirk, und Grünau habe eine intakte Sozialstruktur. Die knappen Mittel, über die der Bezirk verfügt, wolle man lieber in sozial problematische Viertel wie Niederschöneweide investieren. Auch viele Alt-Grünauer sehen die vernachlässigten Plätze nicht als vordringliches Problem. Der Leiter des Wassersportmuseums, Werner Philipp, setzt sich dafür ein, lieber das 1973 abgerissene "Sportdenkmal" an der Dahme samt Platz wieder aufzubauen. Dafür gibt es sogar einen eigenen Förderverein.

Ruine am Wasser

Etwas nördlich der Friedenskirche stößt man auf eine andere Erblast deutscher Geschichte: die Ruine des ehemaligen Undine-Vereinshauses. Das Haus wurde dem jüdischen Ruderverein 1938 von der SA entrissen. Nach dem Krieg kam es in DDR-Besitz, nach der Wiedervereinigung zog eine Kita ein. Nach der Rückübertragung an eine jüdische Organisation stand das Haus einige Jahre leer und fiel dann vermutlich einer Brandstiftung zum Opfer. Inzwischen hat sich ein Käufer gefunden. Eine Immobilienfirma preist künftige Eigentumswohnungen in der "Undine-Villa, direkt an der Dahme gelegen" an. Kein Wort von der Geschichte des Hauses – und der Tatsache, dass sich zwischen Haus und Wasser ein öffentlicher Park befindet. Der für 2011 geplante Baubeginn an der Ruine verschiebt sich.

Im Vergleich zum Don-Ugoletti-Platz wirkt der Undine-Park gepflegt. Es gibt ein paar Baumgruppen, viel Licht und – ein wichtiges Gut in Grünau wie anderswo – freien Zugang zum Ufer. Dennoch ist im Park wenig los. "Am Wochenende ist da Totentanz", sagt ein Neu-Grünauer.

5500 Einwohner hat Grünau, und die Zahl steigt, trotz aller Probleme mit der Bausubstanz. Der Flughafen Berlin-Brandenburg verspricht einen Schub für den gesamten Südosten der Stadt. Doch die neuen Bürger haben auch Erwartungen. Sie suchen nach attraktiven Plätzen, um sich in ihrer neuen Heimat wohlfühlen zu können.

Adresse

Eibseestraße 5
12527 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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