Kolumne Gerlindes Geheimtipps

Besuch beim Neuköllner "Farmers Market"

Besuch beim Neuköllner
Die besten Eier, die ich je probiert habe ... Zur Foto-Galerie
Neukölln - Gerlinde Jänicke ist eine der bekanntesten Radiomoderatorinnen der Stadt. In ihrer Kolumne auf QIEZ.de verrät sie euch jede Woche exklusiv ihre liebsten Orte, besondere Events und noch jede Menge mehr. Diesmal geht's zu einer sogenannten Food Assembly ...

Diese Stadt erstaunt mich immer wieder. Auch wenn ich es zum hundertsten Mal sage – ich liebe Berlin. Und ich mache ja alles mit. Dinner in Abendrobe, Bierchen im Jogginganzug in einer Kreuzberger Eckkneipe, mit innerlicher Hipsterbrille zwischen Freaks und Cineasten in den Panorama-Vorstellungen der Berlinale sitzen. Es gibt wenig, das ich nicht ausprobiere, dazu ist das Tablett der Möglichkeiten zu voll und ich muss mir im Grunde immer nur das nehmen, was ich kosten möchte. Diesmal koste ich mit meiner Freundin Bridge. Sie möchte mit mir nach Neukölln, da macht so ein „Bio-Dings“ auf. Biodings finde ich super, und Neukölln erschließe ich mir, dank meiner Freundin, langsam aber sicher und bin schon ein bisschen verliebt. Ein Bezirk wie hundert Städte.

Glücklich. (c)Gerlinde Jänicke
Wir treffen uns im Mittelweg bei „Agora“ – sind mitten in der Stadt, und ich habe das Gefühl, in einer Hippie-Kommune gelandet zu sein. Wir stehen in einem birnenbaumschwangeren, verwunschenen Garten, überall steht Essen herum, von dem man sich offensichtlich nehmen kann, so viel man möchte. Ich höre viele Sprachen, irgendjemand spielt Gitarre und singt auf spanisch, Kinder lachen und springen umher, Mädels tragen lange, bunte Röcke und die Männer Zöpfe. „Was passiert hier denn?“ frage ich Bridge. „Weiß ich auch nicht genau, aber guck mal, hier kannste alles Mögliche probieren, sooo lecker!“ Ich schaue mich um, greife an jedem Tisch zu und nutze kauend den Moment, Fragen zu stellen und mir die Produkte erklären zu lassen.

Lächelnde Hühner und fröhliche Schweine

Ich nehme mir ein hartgekochtes Ei vom Perlhuhn. Der Eiermann heißt Herr Habel und schenkt mir ein paar der besten Eier, die ich je probiert habe. Ich habe das Gefühl, die sind schon gewürzt, wenn sie aus der Schale gepellt werden! Das Besondere, sagt Herr Habel, ist, dass er einen mobilen Stall hat. Mit sieben Hennen und einem Hahn. So zieht er von Kräuterwiese zu Kräuterwiese und kann so den Hühnern immer frisches Futter anbieten. Der Landwirt ist sichtlich stolz auf seine Erfindung. Auf 140.000 qm in Falkenhagen fehlt es den Hühnern an nichts. Ich sehe vor meinem geistigen Auge nicht nur glückliche, sondern lächelnde Hühner.

Ich gehe einen Tisch weiter. Hier gibt es Wurst. Ganz lecker. Und dazu viele Fotos von fröhlichen Schweinen auf einer Wiese. Ich erfahre schnell, dass ich gerade ein Stück Wurst von einem besonders verschmitzt und drollig schauenden Schwein gegessen habe, das mir auf einem der Fotos mit kleinen Äuglein direkt ins Gesicht schaut. Puh. Mir wird kurz anders. Aber genau das ist es, was die Bauern von MeinekleineFarm.org wollen. Der Wurst ein Gesicht geben. Wir sollen wissen, was wir essen. Wir sollen weniger Fleisch essen, und das aus artgerechter Haltung. Ich bin schockverliebt, als ich das Konzept begriffen habe. Das habe ich mir doch genauso vorgenommen! Kein billiges Fleisch mehr, bewusster essen, wissen, wo es herkommt. Dazu gehört eben auch, dass man weiß, dass das Stück Fleisch eben noch nicht immer tot war, sondern zu einem Lebewesen gehörte. Und ich weiß sogar, dass es gut gelebt hat. Wenn schon, denn schon.

Das Konzept einer Food Assembly

Ich probiere noch frisches Brot, Kürbiskernöl, Säfte, Kräuter, Marmelade. Alles aus der Region. Und was ist das hier nun?

Eine der schönsten Ideen, von denen ich lange gehört habe – eine „Food Assembly“. Es gibt sie weltweit, und wer eine gründet, kontaktiert verschiedenste Erzeuger aus der Nähe, um die besten Produkte zusammenzustellen. In diesem Falle ist es die Italienerin Giulia Giacomini von „Agora“, einer Mischung aus Künstlertreffpunkt und Kreativschmiede, die hier treibende Kraft ist. Das Prinzip ist sehr einfach. Man meldet sich auf einer Website an und gibt Bestellungen auf. Jeden Mittwoch, wenn ein Mindestbestellwert der Nutzer erreicht wird, kann man sich seine Waren im Garten von „Agora“ abholen. So wird wirklich nur geliefert, was gebraucht wird. Ergo, weniger Benzin, weniger Abfall, mehr Nachhaltigkeit. Und wir tun etwas für die Region, wenn wir hier bestellen. Mit so viel Liebe stellen die Landwirte ihre Produkte vor, da möchte man im Grunde selber zum Bauern werden. Und in die „Wilde Gärtnerei“ ziehen zum Beispiel. Das ist ein Gemeinschaftshof in Rüdnitz. Hier kann man selbst landwirtschaften, sogar wohnen. Im Moment leben hier sechs Erwachsene, zwei Kinder, zwei Katzen, sechs Bienenvölker und fünfundsechzig Hühner. Klingt so nach aussteigen. Irgendwie romantisch. Aber ich wollte auch als Kind immer gerne Milchbäuerin werden. Bis ich hörte, dass man da mehr machen muss, als singend mit einer weißen Schürze und Wind im Haar über die Wiesen zu tanzen. Aber hin und wieder ein paar Säfte aus der „wilden Gärtnerei“ werde ich sicher bestellen.

Die „Food Assembly“ inspiriert mich. Sie tut etwas für die Gemeinschaft, für den Kiez. Sie ist umweltbewusst, ohne verbissen oder dogmatisch zu sein, und sie ist das genaue Gegenprogramm zum hektischen und lauten Stadtleben. Sie ist frei von Egoismus, ohne aufdringlich zu sein. Schön, dass es immer auch Alternativen gibt zum fast food – fast life gibt. Ich möchte diesen Dingen immer wieder begegnen. Weil sie die Welt schöner machen. Und netter. 

Und ein bisschen habe ich beim Schreiben auch eine Blume im Haar.


Weitere Infos gibt’s hier: www.foodassembly.de

 

Foto Galerie


Quelle: QIEZ / externe Quelle

Besuch beim Neuköllner "Farmers Market", Mittelweg 50, 12053 Berlin
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