Kolumne Gerlindes Geheimtipps

Gourmetküche oder Leberwurststulle

Gourmetküche oder Leberwurststulle
Edeldinner im Les Solistes by Pierre Gagnaire. Zur Foto-Galerie
City West/Neukölln - Gerlinde Jänicke ist eine der bekanntesten Radiomoderatorinnen der Stadt. In ihrer Kolumne auf QIEZ.de verrät sie euch jede Woche exklusiv ihre liebsten Orte, besondere Events und noch jede Menge mehr. In dieser Woche edel dinieren in Charlottenburg versus Imbisseröffnung in Neukölln.

Ich bin ein Beobachter. Ich mag das. Ich muss nicht mitmachen. Ich muss viel gucken. Das ist das, was mir am meisten Spaß bereitet. Wenn ich in der Schlüterstrasse im SETs sitze (das unglaublich gute Stullen anbietet!) schaue ich mir gerne die Pelzmamis an, die viel über Yoga sprechen und sehr dünn und entspannt sind. Ich studiere die Hipster am Hackeschen Markt mit ihren Laptops bei Starbucks, ich erfreue mich an dem alten Westen, der in Biergärten schunkelt, ich bowle in Marzahn und ich stehe auf irgendwelchen Events neben Stadtprominenz und überlege, ob ich vielleicht auch ein sehr strenges Lifting brauche. Ich gehöre nicht unbedingt immer dazu, aber ich bin gerne dabei. Und mag diese vielen unterschiedlichen Welten, in denen man sich in Berlin bewegen kann. Und wenn man ein bisschen offen ist, kann man sehr schnell den Charme dieser Welten entdecken, die sich natürlich immer sehr unterscheiden. In zwei der unterschiedlichsten Welten habe ich mich innerhalb einer Woche bewegt.

Exklusiv speisen im Waldorf Astoria

Los geht es mit einem exklusiven Dinner im Waldorf Astoria. Ich empfehle jedem dringend einen Besuch, der Lust auf ein authentisches New York-Gefühl hat. Das Restaurant „Les Solistes“ by Pierre Gagnaire (Superstar der Gourmet-Szene) schafft es, gleichzeitig stilvoll und doch gemütlich zu sein. Ich möchte eine Zigarettenspitze halten, lange, schwarze Samthandschuhe tragen und Brillianten im hochgesteckten Haar wie Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ – gleichzeitig würde ich mich aber problemlos wie eine Katze in einer kuscheligen lila Couch an der Wand zusammenrollen können und einfach einschlafen.

Ich sehe aber weder aus wie Audrey Hepburn noch bin ich müde, ich will heute ein romantisches Dinner mit meinem Freund erleben. Wir werden zu unseren Plätzen geführt, und es fühlt sich ein bisschen an wie schweben. Ich freue mich auf ein Menü des frischgekürten Berliner Meisterkochs Roel Lintermans. Er ist Belgier, ich durfte ihn kennenlernen – und abgesehen davon, dass er mir mit seinem süßherben Dialekt auch ein ganzes Telefonbuch vorlesen könnte, vertraue ich ihm sofort, denn erstens ist er ja gerade ausgezeichnet worden und zweitens spricht er von viel Liebe zum Kochen und macht dabei fast schüchterne, aber glückliche große Kinderaugen. Alles, was mit Liebe gemacht ist, mag ich. Und die Karte überzeugt. Sonnenfisch mit grüner Currybutter, gebratene Brust vom Bressehuhn und marinierte Scheiben vom Rind mit Lachskaviar. Und Hummer. Die wechselnde Karte (pro Quartal) ist zwar exklusiv, aber für jeden Geschmack ist was dabei. Ich fühle mich so fein, der Service ist aufmerksam, das Dinner perfekt, ich bin am Ende satt, müde, und noch ein bisschen verliebter in meinen Freund als vorher schon. Wer auch immer dieses Restaurant designt hat, hat alles richtig gemacht. Wie kann ein Ort gleichzeit so sexy, edel und kuschelig und heimelig sein? Vielleicht ist es das gedimmte Licht. Vielleicht ist es das gewählte Farbdesign. Ich fühle mich hier wohl und nicht fehl am Platz. Auch wenn ich natürlich wieder einige Flecken auf der Bluse habe und ein Loch in der Hose. Hat, glaube ich, keiner gemerkt.

Hochzeitstag, Geburstagsdate, jede Art des Jubiläums – im Waldorf Astoria, im „Les Solistes“ – ist jeder gut aufgehoben, der es sich aus einem besonderen Grund wirklich gutgehen lassen möchte. Berlin wie glänzende High Heels und ein Tanz mit dem Liebsten. Perfekt bis ins letzte Detail.

Leberwurstbrote beim neuen Neuköllner Imbiss

Ein paar Tage später am anderen Ende dieser Stadt. Ich bin zu einer Imbisseröffnung eingeladen. In Neukölln. Auf eine andere Art charmant. Berlin wie abgeranzte Chucks und eine halbe Flasche Bier. Meine Freundin Bridge liebt ihre „Hood“ und ich gehe mit. Wir fahren zum Karl-Marx-Platz 18. Ich bin schon einmal hier gewesen, als der Laden noch eine komplette Baustelle war, im Rahmen der Aktion „48 Stunden Neukölln“. Damals habe ich gefragt, was mal daraus werden soll, wenn´s fertig ist. Antwort: Ne Stullenbude. Ich liebe Stullen! Ohne Witz, wenn ich machen könnte, was ich wollte, würde ich drei Dinge tun. Moderieren, schreiben und ich hätte einen Stullenladen. Fehlt ja nur noch ein Schritt zum Glück!

Zur Eröffnung nun sieht alles aus wie vor Wochen, irgendwie ist alles immer noch eine Baustelle. Und ein Schild gibt es auch noch nicht. Weil Ismael, der Besitzer, sich noch überlegen muss, ob der Laden „Kapital“ oder „Kapitel“ heißen soll (Kapitel hat gewonnen). Ich setze mich an die Bar mit Bridge und esse Stulle. Die ist wirklich lecker. Ich glaube, ich habe insgesamt vier Lebenwurstbrote gegessen. Die Wurst kommt von der Blutwurstmanufaktur um die Ecke. Die Wurst ist preisgekrönt und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Würde ich nicht vierzig Minuten vom Rixdorfer Platz entfernt wohnen, würde ich ganz bald an den Folgen einseitiger Ernährung erkranken. Das ist die beste Leberwurst, die ich in langer, langer Zeit gegessen habe. Ich will für immer nur noch die!

Dazu gibt es einen absolut leckeren Absinth, der hier auch demnächst in Flaschen verkauft werden soll. Und ganz viel Wein. Und Kinderklamotten. Und was mit Kunst wird auch jeden Tag stattfinden. Ob das nicht etwas konzeptlos sei, frage ich Ismael. „Nö. Das soll hier alles organisch entstehen und wer was Schönes zu verkaufen hat, kann das hier bei uns tun. Am Liebsten Fairtrade. Ich mag es natürlich.“ Dann zeigt er auf ein großes Gemälde, das an der Wand lehnt. Der Künstler wird um 23:11 Uhr persönlich erscheinen und etwas zu diesem Bild erzählen. Das soll nun jeden Tag so sein. Jeden Tag ein anderer Künstler, der ein Bild ausstellt und erklärt. Und irgendwann soll es auch noch Suppe geben im Laden. Und dann, irgendwann, sollen sich, wechselnd, die unterschiedlichsten Köche in der Küche austoben. Das heißt, montags gibt’s vielleicht Sushi und freitags Döner? Und zwischendurch Entrecôte? Kann schon sein. Ach so, und auf Dauer soll „Das Kapitel“ 24 Stunden geöffnet haben. Im Moment gibts eben nur Stulle ab 17 Uhr in einem fast leeren Raum. Präsentiert von einem, der einzog, das Glück zu finden. Ich wünsche es ihm.

Berlin ist beides. Schick und schlampig. Barfuß und Lackschuh. Und immer irgendwie charmant. Und Berlin hat eine Botschaft mit herausforderndem Augenzwinkern. Möglich ist alles. Man muss nur machen.

Foto Galerie


Quelle: QIEZ / externe Quelle

Les Solistes by Pierre Gagnaire, Hardenbergstr. 28, 10623 Berlin

Les Solistes by Pierre Gagnaire

Das Gourmetrestaurant - ebenfalls mit Art-Déco-Elementen und edelsten Materialien ausgestattet - wurde vom Franzosen Pierre Gagnaire (insgesamt 11 Michelin-Sterne) erschaffen. Entsprechend kommt klassisch französische Cusine mit modernen Elementen auf den Tisch.

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