Berliner Aufreger

Begegnungszonen: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint

Begegnungszonen: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Wirklich schön ist eigentlich gar nichts in der Begnungszone...
Es gibt Dinge, die kann man nicht von Amts wegen bestimmen: Zum Beispiel, wo Menschen sich herzlich begegnen. Die Begegnungszonen jedenfalls bringen nur Ärger und die Stadt zahlt ein deftiges Lehrgeld… und baut alles nochmal um.

Was hätten wir in den letzten drei Jahren im Kiez für tolle Straßenfeste feiern können, wenn die Stadt uns die knappe Million Euro zur Verfügung gestellt hätte, die sie für die kalte und unansehnliche Begegnungszone in der Maaßenstraße ausgegeben hat. Bei Würstchen, Falafel, Bier und Wasser hätte die Nachbarschaft sich wirklich kennenlernen können. Auf den unbequemen Bänken vor Steinblöcken und Pflanzsäcken sitzt jedenfalls nie jemand länger als fünf Minuten.

Geplantes Chaos

Während der Otto-Normalbürger denken würde, Entschleunigung erreicht man am besten durch viel Grün und Orte, die zum Verweilen einladen, setzten die Stadtplaner auf Grau und Verwirrung aller Verkehrsteilnehmer. Das führt seit Oktober 2015 in der Maaßenstraße zu meist unangenehmen Begegnungen: Während die Fußgänger einfach Narrenfreiheit genießen, schließlich sollen die ausgebremsten Autofahrer und Radfahrer sämtliche ihrer Bewegungen doch bitte vorausahnen, hat eben dieser rollende Verkehr Mühe, der erhöhten Unfallgefahr von allen Seiten auszuweichen. Denn neben den umherirrenden Spaziergängern gibt es ja auch die hässlichen Beton-Quader, auf denen Kinder hüpfen, ohne auf die angrenzende Fahrbahn zu achten, Skater und Longboarder auf dem Weg zum Marktplatz und Touristen auf Leihrädern. Zum Glück herrscht hier sowieso meist Stau, weil die Maaßenstraße an einer Stelle so verengt wurde, dass nur noch ein Auto durchpasst. Mit Rechts-vor-links und etlichen Bremsschwellen ist das Chaos perfekt. An Marktagen geht gar nichts mehr.

 

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Ein Beitrag geteilt von KleinerFarbtupfer (@kleinerfarbtupfer) am Feb 15, 2016 um 4:44 PST

Nerven liegen blank

Unübersichtlichkeit und Anarchie sah der ultimative Plan der Ämter sicher nicht vor, und doch ist es so gekommen. Das Miteinander im Kiez wurde einzig dadurch gestärkt, dass die Mehrheit von der Begegnungszone genervt ist. Anwohner finden keine Parkplätze, Kunden der umliegenden Geschäfte natürlich auch nicht. Lieferanten sind gezwungen, die Straße mit ihren Fahrzeugen minutenlang voll zu sperren, um Waren in die Cafés und Läden zu bringen. Fahrradfahrer haben die Wahl, sich von den Autos an den schmalen Stellen abdrängen oder sich beim Ausweichen in die (eben nur fast) leeren Freiflächen beschimpfen zu lassen. Sogar Fußgänger, die sich in einer Fußgängerzone wähnen, werden unsanft eines Besseren belehrt. Eine Bremsschwelle wurde eigenmächtig entfernt und lag einige Zeit frei auf der Kreuzung. Nun sind die anderen auch verschwunden.

Neue Bänke, alte Probleme

Statt überlegte Entscheidungen zu treffen und effektive Verbesserungen zu planen, wirken die neuen Entwürfe wie ein Überpinseln alter Probleme. Investiert wird also vor allem in die Optik des gewonnenen Platzes. Schönere Bänke sollen die Bäume betonen, eine Gehwegverbreiterung die Behelfsmäßigkeit des letzten Versuchs kaschieren. Ein ersichtliches Plus ist der Gedanke, einen kleinen Wasserspielplatz für die Kids zu bauen. Das Verkehrschaos allerdings wird bleiben, weil die schmale Straße weiter aus zwei Richtungen von Autos und Rädern befahren werden soll. Dafür sollen noch mehr Fahrbahnerhöhungen den Verkehr zusätzlich ausbremsen, um Rollstuhlfahrern den Übergang an vier Stellen zu erleichtern. An den Lieferverkehr und die Parkplatznot wird kein weiterer Gedanke verschwendet. Das kann man ja in die Hand nehmen, wenn die letzten attraktiven Geschäfte auch noch verschwunden sind. Oder was?

 

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Ein Beitrag geteilt von Andreas Wagner (@andreas.wagner.mdb) am Jun 16, 2018 um 11:59 PDT

Potse und Urban Nation

Die Politik verkauft (klar!) das Scheitern zumindest als Erfolg. Mehr Fußgänger seien nun unterwegs, das liegt natürlich auf überhaupt gar keinen Fall daran, dass der Bezirk vermehrt von Touristen und anderen Berlinern durch die Aufwertung der Potse und der Beliebtheit des Urban Nation Museums aufgesucht wird. Apropos: im neuen Residenzprogramm der Urban Nation sind großartige Künstler, die was an den Kiez zurückgeben wollen und sicher Schöneres hinbekommen als grässliche Betonquader, die mit Bürgerbeteiligung verunstaltet wurden. In der Bergmannstraße hat man die Bänke gefälliger gestaltet, allerdings erfreuen sich diese Begegnungsstätten bei Anwohnern ebenfalls keiner Beliebtheit. Tagsüber dienen sie als Touri-Attraktion, nachts als Anlaufstelle für Nachtschwärmer aus aller Welt. Das Gegröle ersetzt jetzt den Verkehrslärm.

Millionen für weitere Versuche

Neben der Optik bleibt also auch das Problem, dass diese hinzugewonnenen Fußgänger nichts kaufen: Marktbetreiber und die ansässigen Läden beklagen Umsatzeinbußen. Was tun? Wir würden lieber lebensfrohe und weltgewandte Architekten ans Werk lassen wie das renommierte Graft-Büro oder einen kreativen Spielplatzplaner. Naja, wir sprengen den phantasievollen Rahmen. Eine Einbahnstraße mit bepflanzten Parknischen würde ja schon ausreichen, den Verkehr wieder zum Fließen bringen und trotzdem keine Rückkehr zum Rasen ermöglichen. Wir jedenfalls wären froh, wenn aus dem Platz ein cooler Ort werden würde, an dem sich auch Anwohner erfreuen. Das dürfte doch für die weitere Million, die eh schon im Gespräch ist, möglich sein.

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