Konzert im HAU

Peaches gibt Monteverdis Orfeo

"L'Orfeo" im HAU
"L'Orfeo" im HAU
Im HAU gibt Peaches Claudio Monteverdis "L’Orfeo" zum Besten. Der Dirigent Olof Bomann und das Ensemble Kaleidoskop werten die Inszenierung auf.

Nun gut, das renommierteste Enfant terrible der Hauptstadt, die Sängerin Peaches aus Kanada, ist mittlerweile auch schon 45. Und möchte einmal etwas anderes machen als ständig ihre Rock-Show abzuspulen: sich in pinkfarbene Hotpants quetschen und zum Bumm-Bumm der Groovebox handfeste Slogans raushauen. Plausibel. Dass das Hebbel am Ufer und Noch-Chef Matthias Lilienthal diesem dringlichen Wunsch eine Bühne geben, hat bereits eine kurze Tradition. 2010 erst hatte sie die Chance, mit „Peaches Christ Superstar“ ihren Teenagertraum zu leben und – erstaunlich gut – Musical zu singen. Direkt im Anschluss kam ebenfalls 2010 die großartige Selbsthuldigung „Peaches does herself“, mit der sie neben ihren Electroclash-Songs besonders ihre eigene Person als vom Glanz und Versprechen der Queer-Kultur in Bann Gezogene in Szene setzte.

Enttäuschende Darbietung der Hauptdarstellerin

Jetzt also Folge drei in puncto Peaches auf neuen Pfaden. Dieses Mal klassisches Musiktheater. Peaches, die eigenen Angaben zufolge keinerlei Ahnung hat von Oper, Italienisch und Notenlesen, darf sich als „L’Orfeo“ von Claudio Monteverdi ausprobieren. Das HAU hat sich rührend engagiert: Man hat mit dem Dirigenten Olof Bomann und dem Ensemble Kaleidoskop Fachleute für frühe Musik aufgetrieben, die willens waren, an dem Experiment teilzunehmen. Man hat für die übrigen Rollen hauptsächlich äußert überzeugende Sängerinnen und Sänger gecastet und für Peaches ein Sprachcoaching sowie sechs Monate Gesangsunterricht arrangiert. Jedoch: All der Aufwand hat zu enttäuschend wenig geführt. Peaches ist bedauerlicherweise nicht der Bonus dieser Inszenierung, sondern ihr deutliches Minus.

Nun denn, da ist die definitiv von ihrem Schaffen beeinflusste Idee der Regie, die von Hirten und Nymphen gesungene Lobpreisung der Liebe im ersten Akt als eine lüstern-verspielte Alle-mit-allen-Orgie darzustellen. Da springen dann die Sänger in Unterhosen umher, züngeln, wackeln mit dem Becken und greifen einander mit Begeisterung an den Po. Wie Countertenor Armin Gramer währenddessen in ein quietschenges Kleid und atemberaubend hohe Fetisch-Schuhe steigt, ist artistisch, allerdings in der Aussage auch kein übermäßiges Wagnis. Wie es ja auch keinerlei Provokation mehr enthält, als Besetzung für den Orfeo eine Frau zu wählen – selbst im TV läuft ja schon Katharina Thalbach als Alter Fritz herum.

Bühnenbild und Regie wenig fantasievoll

Regie und Bühnenbild sind insgesamt von einer überraschenden Fantasiearmut gekennzeichnet. Ein Kieselstein-Kreis, eine Hütte, SM-Fesseln, eine Plüschleier, vom Himmel fallende Styroporblöcke. Das ist alles. Unter einer konsistenten ästhetischen Setzung stellt man sich anderes vor. Ihren Orfeo fasst Peaches als komische Figur auf. Als Kleinkind in der Trotzphase rempelt sie sich durch ihre Rolle – mit stampfenden Beinen und einem Scheitern an den Gesangsparts im großen Stil. Keiner will hier kulturkonservativ darauf bestehen, dass nur Sänger mit klassischer Ausbildung an ein frühbarockes Repertoire gelassen werden sollen. Aber irgendetwas Besonderes muss es schon haben, wenn das Publikum einen Orpheus zu ertragen hat, der mit seinem tapsigen Sprechgesang das mythische Stimmwunder schlicht karikiert. Und dieses Besondere erreicht Peaches nicht. Da ist auch die offenkundige Ironie nicht hilfreich, mit der man ihr zum Beispiel die kunstvolle Arie „Possente spirto“ erspart, wenn man ein modern-atonales Intermezzo komponiert, das die Beschränktheit ihrer Stimme nur noch mehr zur Schau stellt. Auch das ins Programmheft gedruckte Manifest „Queer Power Now!“ rechtfertigt eher, als dass es rettet.

Großes Lob an Dirigent und Instrumentalisten

Gut ist Peaches Darbietung nur an einer Stelle: Als sie triumphierend über die Götter der Unterwelt mit „Sick Bitch“ eine mitreißende Go-fuck- yourself-Ode rappt. Doch das ist nur ein kurzer Moment der Erholung, denn wie Orfeo ohne Euridice zurück muss in die Welt, so muss Peaches ohne ihre musikalische Heimat zurück zu Monteverdi. Ein großes Lob jedoch an den Dirigenten und die Instrumentalisten, die eine sehr beschwingte und dennoch präzise Interpretation darboten. Und wer wie die meisterlichen Sänger neben Jugend, Schönheit und stimmlicher Souveränität auch noch performatives Talent besitzt, braucht allen Ernstes keine zentrale Performerin, die im Rahmen eines solchen Formats fast nichts zu bieten hat.

Zu sehen ist Monteverdis „L’Orfeo“ mit Peaches im HAU wieder am 4., 5. Und 7. Mai jeweils um 19.30 Uhr.


Quelle: Der Tagesspiegel

Hebbel am Ufer - HAU 1, Stresemannstr. 29, 10963 Berlin

Hau

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