Tagesspiegel-Serie zu Berliner Plätzen

Kottbusser Tor: Treffpunkt der Kulturen

Kottbusser Tor: Treffpunkt der Kulturen
Frühling am Kottbusser Tor in Kreuzberg. Noch ist der Platz ein Unfallschwerpunkt für Radfahrer.
Am "Kotti" treffen sich die verschiedensten Menschen: Touristen, finanzschwache Anwohner, wohlhabendere Neu-Berliner, Studenten, Nachtschwärmer, Junkies. Hier kracht es oft: zwischen Autos und Radfahrern, zwischen Polizei und Drogendealern. Der Platz ist Anziehungspunkt, kann aber auch abstoßend wirken. Friedrichshain-Kreuzberg plant eine Verkehrsberuhigung – doch ist das ausreichend?

Die Kirschbäume stehen in voller Blüte, leuchten in Rosa und Weiß. Vor der Bäckerei Simitdchi sitzen Frühstücksgäste und tunken Sesamkringel in ihren Tee. Am Gemüsestand neben der Einfahrt zum nordwestlichen Teil der Reichenberger Straße werden gerade die Tomaten ausgepackt, und zwei Fußgängerinnen begrüßen sich fröhlich an der Ampel am Anfang der Adalbertstraße. An diesem sonnigen Frühlingsmorgen wirkt das Kottbusser Tor angenehm und ganz anders als in der Nacht.

„Das Kottbusser Tor ist ein Lebensumfeld, mit dem sich viele Bewohner identifizieren. Viele nennen es „Kotti“ und empfinden den Platz als sehr lebenswert“, sagt Thomas Werner vom Quartiersmanagement Zentrum Kreuzberg. Es habe sogar „internationales Renommee“ und sei in den vergangenen Jahren ein „Attraktionsort“ geworden. „Obwohl das nicht zu erwarten war.“ Denn lange wurde der Kotti vor allem als sozialer Brennpunkt gebrandmarkt. Wiederholt gab es Überlegungen, das Neue Kreuzberger Zentrum, den zwölfgeschossigen Häuserblock, der zwischen 1969 und 1974 über die Adalbertstraße hinweg wie ein Tor errichtet wurde, abzureißen. Viele denken zuerst an ihn, wenn vom Kottbusser Tor die Rede ist – und gleich danach an Drogendealer, Junkies und den brandgefährlichen Verkehr.

Gefahr für Radfahrer

Laut den Zahlen der Dekra gab es im vergangenen Jahr die meisten Fahrradunfälle in Berlin genau dort. Wer nur ein paar Minuten das Verkehrsgeschehen beobachtet, wundert sich darüber nicht. In den Worten des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg ist das Kottbusser Tor ein „Verkehrsknotenpunkt“. Ein Durchfahrtsort also. Um das Durchkommen leichter und sicherer zu machen, sollen dort noch im Mai Bauarbeiten beginnen: Endlich steht das neue Verkehrskonzept.

„So ein Platz erfüllt viele Aufgaben“, meint der zuständige Bezirksstadtrat Hans Panhoff (Grüne). „Bei dem Umbau geht es vor allem um die Verkehrssicherheit.“ Die Straßenführung wird so verändert, dass Autofahrer abbremsen müssen, um in die Adalbert- und die Reichenberger Straße abzubiegen. Außerdem sollen bessere, breitere Radwege und zusätzliche Ständer gebaut werden. Dazu gibt es neue Ampeln – auch für Radfahrer. Die Anwohner unterstützen das Konzept mehrheitlich, hätten sich jedoch mehr Bürgerbeteiligung gewünscht, sagt Quartiersmanager Werner.

Hauptproblem Gentrifizierung?

„Türken fahren kaum Fahrrad“, findet Alper Karasahin. „Von Verbesserungen für Radfahrer haben sie also wenig. So läuft das oft.“ Der 30-jährige Sozialpädagoge ist in Kreuzberg aufgewachsen und arbeitet als Familienhelfer in der Gegend rund um das Kottbusser Tor. Außerdem engagiert er sich bei der Initiative „Mütter ohne Grenzen“, die sich mit Bildungs- und Antidiskriminierungsarbeit beschäftigt.

Karasahin sieht das Hauptproblem am Kottbusser Tor in der Gentrifizierung, hat bemerkt, dass die Anwohner sich vor allem vor der Verdrängung fürchten. Daher unterstützt er eine Aufwertung des Platzes nicht: „Man muss immer fragen, für wen Verbesserungen gedacht und was ihre Folgen sind.“ Viele Anwohner müssten angesichts der steigenden Mieten weichen. „Es sind schon sehr viele weggezogen, auch ärmere Biodeutsche“, sagt er, und grüßt gut gelaunt eine Fahrradfahrerin. Sie grüßt zurück.

Karasahin macht sich Sorgen: „Irgendwann sind alle türkischen Anwohner weg, und auch alle alternativen Biodeutschen, alle Obdachlosen und Drogenabhängigen.“ Die beiden letztgenannten Gruppen sieht er nicht als Problem, das Miteinander sei entscheidend am Kottbusser Tor. „Hier kennen sich alle.“ Das sieht er bedroht. Mit den neuen Cafés und Bars, die in den letzten Monaten im Neuen Kreuzberger Zentrum eröffnet haben, wird er nicht warm. „In die gehen viele Türken nicht hinein.“

Drogenkonsum und Alkoholismus

Positiver sieht Stadtrat Panhoff die Lage am Platz, eine Verdrängung hat er nicht ausgemacht. Dem Bezirk sei daran gelegen, das Nebeneinander von unterschiedlichsten Gruppen zu ermöglichen. „Dazu gehören auch Drogen- und Alkoholkranke. Wir wollen so eine Art Café für sie auf die Mittelinsel bringen.“ Wann dieses „Projekt im Ideenstadium“ umgesetzt wird, ist allerdings offen: „Wir können wegen der Umbauarbeiten nicht über die Fläche verfügen.“

An diesem Frühlingsmorgen sind zwar kaum Bettler, Junkies und Alkoholiker am Kotti zu sehen, doch auch heute bekommt man die dunkle Seite des Platzes mit. Zweimal innerhalb einer Stunde sprinten durchtrainierte Polizisten in kugelsicheren Westen vorbei. Sirenen heulen. Beide Male kommt es zu Festnahmen. Beim zweiten Mal rangeln die Polizisten mit einem Schwarzen mit Dreadlocks. Auch das ist der Alltag am Kottbusser Tor.

Der Tagesspiegel lädt ein: Vorstellung und Diskussion der Pläne für das Kottbusser Tor. Mittwoch, 2. Mai, 17 Uhr im Festsaal Kreuzberg. Der Eintritt ist frei.
Das QIEZ-Team ist ebenfalls vor Ort und beantwortet gern Ihre Fragen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Kottbusser Tor: Treffpunkt der Kulturen, Kottbusser Tor, 10999 Berlin

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