Noch sieht hier fast alles aus wie immer. Auf der Brunnenstraße reihen sich Neubauten von fragwürdigem architektonischem Wert aneinander, viele von ihnen beherbergen Automaten-Casinos und Imbissbuden. Doch in dem zentral gelegenen Viertel zwischen Bernauer Straße und Ringbahn stehen gravierende Veränderungen an. Die Entwicklung des Technologieparks Humboldthain soll mit Hilfe des Bezirksamts einen neuen Schub bekommen und das „Factory“-Projekt an der Bernauer Straße internationale IT-Unternehmen anlocken. Wird es im Brunnenviertel bald zu ähnlichen Prozessen wie in Prenzlauer Berg, Neukölln oder Kreuzberg kommen?
Bereits vor eineinhalb Jahren eröffnete an der Brunnenstraße in den Räumen eines ehemaligen Supermarkts der gleichnamige Ort für Co-Working und Veranstaltungen. Thematisch dreht sich dort vieles um digitale Kultur sowie neue Modelle der Arbeit und Ökonomie. Der „Supermarkt“ bietet in vier ‚Studios‘ Platz für Bürogemeinschaften; unter anderem haben sich dort eine türkische Unternehmensberaterin, ein IT-Fachanwalt, eine Kulturmanagerin und mehrere Start-ups angesiedelt. „Wir bieten Raum im Viertel für Leute, die etwas gründen wollen“, sagt Geschäftsführerin Ela Kagel. „Bisher gab es hier keine Co-Working-Infrastruktur.“
Arbeiten, Kunden treffen, Kaffee trinken
In den Haupträumen – dem ehemaligen Supermarkt – gibt es einen abtrennbaren Raum für Veranstaltungen und eine große Fläche mit Tischen und Polstermöbeln zum Arbeiten oder Netzwerken. Eine Kaffeebar sorgt für das leibliche Wohl. „Der Supermarkt ist ein dynamischer, kollaborativer Ort, der sich immer wieder verändert“, beschreibt Kagel ihre Idee. Und ist sich gleichzeitig bewusst, dass sie und ihr Team mit ihrem Angebot an Kreative, Freiberufler und Gründer „selber im Dilemma sind“. Schließlich folgten in anderen Bezirken auf kleine, innovative Firmen oft die großen Player und mit ihnen die Gentrifizierung.
Kagel sagt offen, dass sie die genaue Entwicklung nicht vorhersagen kann. Obwohl sich wegen der noch erschwinglichen Mieten bereits eine Reihe von Start-ups im Brunnenviertel niedergelassen hat und der Technologiepark schon eine Weile existiert, sind sichtbare Veränderungen im Straßenbild bisher weitgehend ausgeblieben. Die städtische degewo ist der mit Abstand größte Vermieter in der Gegend, was für eine gewisse Preisstabilität sorgt. Doch dass es Veränderungen geben wird ist unausweichlich.
Akteure an einem Tisch
Die Supermarkt-Macher wollen versuchen, den Kiez mitzugestalten. „Wir haben den Wunsch, Menschen aus dem Viertel an einen Tisch zu bringen“, sagt Kagel. Ende Mai machte sie genau das: Unter dem Titel „Das Brunnenviertel zwischen Startup-Hype und sozialen Problemen“ veranstaltete der Supermarkt einen Workshop, zu dem unter anderem Vertreter der degewo und privater Immobilienunternehmen, Stadtplaner und Quartiersmanager eingeladen waren – und die interessierte Öffentlichkeit. Kagel sieht sich in einer Moderatorenrolle und ist zuversichtlich, dass der Dialog weitergehen wird. An dessen Konzept soll gefeilt werden – das erste Treffen brachte noch zu wenige Debatten auf den Weg und funktionierte eher als Gelegenheit zum Kennenlernen.
Ob sich die zukünftige Gentrifizierung einvernehmlich vermeiden lässt? Ela Kagel gibt sich keinen falschen Hoffnungen hin: „Es wäre illusorisch zu glauben, man setzt sich an einen Tisch und ist sich über alles einig.“ Doch wenn sich der Prozess verschärfen sollte, ist sie bereit, bei der Koordination von Gegenstrategien mitzuwirken.
Weitere Informationen zum Supermarkt auf dessen Homepage.