• Dienstag, 20. Dezember 2011

Das Finanzministerium an der Wilhelmstraße

Zwischen den Geistern der Geschichte

  • Bundesfinanzministerium
    Passant vor der Fassade des Bundesfinanzministeriums Foto: dapd - ©Theo Heimann/ddp

Das heutige Bundesfinanzministerium an der Wilhelmstraße hat eine bewegte Vergangenheit: Es wurde erbaut von Hermann Göring, war Ort der DDR-Staatsgründung und der Mauerleugnung durch Walter Ulbricht.

Reichsmarschall Hermann Göring bat zu Beginn des Zweiten Weltkriegs darum, ihn "Meier“ zu nennen, wenn jemals ein feindliches Flugzeug den deutschen Luftraum erreichen sollte. Den Krieg hatte er seit 1936 in den Räumen seines Reichsluftfahrtministerium an der Berliner Wilhelmstraße zusammen mit seinem Nachbarn Adolf Hitler wesentlich vorbereitet. Schwer begreiflich, beinahe schon unheimlich ist die Tatsache, dass ausgerechnet dieses riesige Gebäude im Krieg nahezu unbeschädigt blieb. Schließlich war es Hausherr Göring, der als Minister und Oberbefehlshaber der Luftwaffe neben unzähligen anderen Städten Guernica, Rotterdam und das englische Coventry schwer bombardieren ließ.

Görings Ministerium war und blieb ein Schauplatz der deutschen Geschichte. Hier wurden der Krieg und auch die Vernichtung der Juden geplant. Hier wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet, wo Walter Ulbricht 1961 kurz vor dem Mauerbau bestritt, dass irgendjemand eine Mauer bauen wolle. Hier zogen schließlich nach dem Fall jener Mauer die Institutionen der gesamtdeutschen Demokratie ein. Zunächst waren es Außenstellen des Bundesfinanzministeriums und des Bundesrechnungshofs sowie die Treuhandanstalt. Seit August 1999 ist das Gebäude zwischen Niederkirchner- und Leipziger Straße mit der über 300 Meter langen Hauptfront jedoch der Sitz des Bundesfinanzministeriums.

Man betritt das Gelände durch Tore im hohen Stahlzaun, der früher von verschiedenen Nazi-Insignien aus Stein 'geschmückt‘ wurde. Die NS-Embleme wurden 1945 entfernt. Ansonsten ist die  Außenarchitektur noch die des monströsen Reichsluftfahrtministeriums, das Architekt Ernst Sagebiel  - ein ehemaliger Schüler des von den Nazis vertriebenen Erich Mendelsohn - 1935/36 errichtete. Das Stahlskelett des Gebäudes ist mit Beton und Naturstein ummantelt.

Architektur der Macht

Uwe Pakull vom Besucherdienst des Ministeriums spürt die Verwunderung des Gastes. Denn der megalomane Bau mit seinen ehemals 2000 Büroräumen wirkt von innen erst mal weniger respekteinflößend als erwartet. Niedrige Decken, schummriges Licht, einige Säulen und ein kahler Seitenflügel erinnern an eine Gruft oder das Foyer eines Krematoriums. In diesem Teil des Hauses liegen das Besucherzentrum sowie der Presseraum; man gelangt zur Vorderseite mit dem Treppenhaus in den ersten Stock und zu Görings Großem Saal, dessen Einschüchterungsfaktor nur noch von Hitlers Neuer Reichskanzlei übertroffen wurde.

"Erst sollte sich der Besucher klein und andächtig fühlen, bevor er hinauf in die Hallen der Macht gelangen durfte“, erläutert Pakull diese intendierte Wirkung der Architektur. Heute wirkt alles eher nüchtern. Die Form ist geblieben, aber bereits im Treppenaufgang findet sich anstelle des Führerzitats oder der späteren DDR-Wappen ein abstrakter Farbfries des Chemnitzer Malers Michael Wirkner, Jahrgang 1954.

Vor der Besichtigung des geschichtsträchtigen Großen Saals ist noch ein kurzer Besuch beim Finanzminister angesetzt. Wolfgang Schäuble residiert in Zimmer 4348, einem schlichten Büroraum auf der Rückseite des Komplexes. 45 Quadratmeter, Südfenster mit Blick auf den Martin-Gropius-Bau, Klimaanlage (ein Privileg, das es sonst nur noch für die Staatssekretäre gibt). Die Krawatte hängt an der Wand, der Bundesfinanzminister unterschreibt kurz vor dem Urlaub noch letzte Akten. Weiß er, wo früher Göring saß? "Hier sicher nicht“, lacht Wolfgang Schäuble. Selbst die Historiker sind sich nicht sicher, ob der Reichsfeldmarschall in seinem Haus je eine Akte gelesen hat.

Sparsamkeit, kein Glamour

Schäuble hat sich für sein Büro ein großes Gemälde von Jörg Immendorff geliehen und begegnet der Architektur seines Ministeriums mit einem Hauch Sarkasmus. Das Haus wird dominiert von endlos langen Fluren mit vielen grauen Türstürzen aus Kalkstein. Immerhin wurden die Flure inzwischen farblich freundlicher und heller gestaltet. 1300 Mitarbeiter sind hier mit den Staatsschulden und dem kranken Euro beschäftigt. Es bleibt ein Rätsel, warum der riesige Komplex im Krieg von nur einer einzigen Bombe auf der Südseite getroffen wurde. Ausgerechnet das Ministerium, das selbst für den Bombenkrieg im Ausland verantwortlich war, könnte den feindlichen Piloten als optische Orientierung gedient haben.

Im Großen Saal, knapp 30 Meter lang und über neun Meter hoch, feierte einst die Staatsspitze des Dritten Reichs auf glänzendem Marmor und unter riesigen Kronleuchtern. Heute herrscht hier seriöse Arbeitsatmosphäre, der Raum wird für Konferenzen genutzt. Modern-biedere Tische, grauer Teppichboden und Dolmetscherkabinen verströmen keinen zweifelhaften Glamour, sondern unterstreichen eine der Tugenden der heutigen Nutzer: die Sparsamkeit. An die historischen Ereignisse im Gebäude erinnern wie in einem Museum Schaubilder und Infotafeln. So hat man im Ministerium an der Wilhelmstraße Berlin gleichzeitig Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Blick.

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Quelle: Der Tagesspiegel
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