Durch den Kiez

Tristan Brusch: „Das größte Drecksloch, das man sich vorstellen kann“

Tristan Brusch: „Das größte Drecksloch, das man sich vorstellen kann“
Tristan Brusch macht im Grunde schon seit immer Musik, hat aber erst in diesem Jahr sein Debütalbum "Das Paradies" veröffentlicht. Zur Foto-Galerie
Tristan Brusch lebt zwar eigentlich in Neukölln, ist aber so oft in Kreuzberg unterwegs, dass es sich wie sein Bezirk anfühlt. Bei unserem Spaziergang durch den Reichenberger Kiez sprechen wir mit dem Sänger und Komponisten über seine erste Wohnung, Schwaben in Berlin und über sein Paradies.

Das Laub der Bäume leuchtet in bunten Farben, der blaue Himmel ist wolkenlos und die milde Herbstsonne lässt einige Sonnenanbeter im T-Shirt durch die Straßen schlendern. In der herbstlichen Farbenpracht sieht Kreuzberg ein wenig aus wie ein Gemälde. Wir sitzen in dem Blues-Café This ist Hip Coffee N Shoe Shine in der Reichenberger Straße. Über dem Tresen des winzigen Cafés hängt ein Bild des 2001 verstorbenen US-amerikanischen Blues-Sängers John Lee Hooker: „Mit den großen Blues-Musikern kenne ich mich weniger aus“, erzählt Allround-Musiker Tristan Brusch und ordert einen Espresso mit einem Schuss Milch. In das Blues-Café, das er liebevoll „das Ding an der Ecke“ nennt, kommt er dennoch täglich, wenn ihm in seinem nahgelegenen Studio mal wieder die Decke auf den Kopf fällt.

Beim Spaziergang durch Kreuzberg mit Tristan Brusch.

Als Tristan noch in Schöneberg wohnte, saß er gerne stundenlang im Café Double Eye.

Tristan trägt Jeans, weiße Turnschuhe und ein „Jamie Oliver“-T-Shirt. Die gelben Patches auf seiner Lederjacke sind von seinem Kumpel und Produzenten, der auf den Künstlernamen Äh Dings hört. „Man weiß noch nicht genau, was es ist, aber Äh Dings hat etwas gegründet, das sich Abficker nennt. Soll irgendwas zwischen einer Klamotten- und Skatermarke und Musiklabel sein“, sagt er.

Eine Mischung aus Taschentüchern, Scherben und Scheiße

Im Juni erschien Tristans erstes deutschsprachiges Soloalbum. Unter dem Namen Das Paradies sind darauf Popsongs mit Chanson-Elementen zu finden. Das Paradies, so der 30-Jährige, könne sowohl ein Ort als auch ein Zustand oder ein Versprechen sein: „Die Platte spielt sich auf einer Kirmes ab,wo wir zwischen Riesenrad, Zuckerwatte und Geisterbahn die unvernünftigste Version unseres Selbst sein können.“ Euphorie und echte Gefühle eben, die wir in Berlin zwar nicht unbedingt mit dem provinziellen Bild einer Kirmes verbinden, wonach wir uns aber auch in der hippen Hauptstadt immer wieder sehnen.

So auch Tristan, der vor einem Jahr von Schöneberg nach Neukölln gezogen ist: „In Neukölln habe ich eher gemischte Gefühle“, erzählt der Singer-Songwriter, während wir Richtung Paul-Linke-Ufer laufen. „Wenn ich aus meiner Haustür trete, habe ich immer das Bild eines explodierten Krankenhausmülleimers im Kopf: Eine Mischung aus Taschentüchern, Scherben und Scheiße.“  So gesteht er uns, dass er zum ersten Mal über Stadtflucht nachdenkt. „Das hatte ich in Schöneberg noch nicht. Da habe ich auch nie verstanden, wie man Berlin anstrengend finden kann.“ Damals wohnte er am Nollendorfplatz, direkt im schwulen Epizentrum von Berlin, vielleicht sogar von Europa. Klar, Neukölln sei dichter, jünger und lebendiger, aber in Schöneberg habe Tristan das erste Mal das Gefühl gehabt, wirklich in Berlin angekommen zu sein.

Und Kleinstadtidyll ist ihm nicht fremd, denn ursprünglich kommt der Sänger und Komponist aus Gelsenkirchen. Aufgewachsen in einem sehr musikalischen Elternhaus – sein Vater ist Geiger, seine Mutter Pianistin – verbrachte Tristan seine ersten Lebensjahre on the road auf Tournee. Er wuchs mit klassischer Musik auf, lernte mit drei Jahren Geige spielen und komponierte auch schon als Kind erste Stücke. 

Tristan und sein Kumpel Joe Joaquin vor einem Fenster

Zu Besuch bei Tristans Freund Joe Joaquin. Er hat Tristans Album „Das Paradies“ gemischt.

Wir laufen an Tristans Lieblingspizzeria vorbei, der Trattoria Venezia in der Liegnitzer Straße. Auf den ersten Blick ein unscheinbares Restaurant, in dem es aber leckere und vor allem riesige Pizzen gibt, wie er betont. Tristan erzählt von damals, als er mit seinen Musiker-Eltern in einem kleinen Wohnwagen durch Deutschland reiste: „Als ich irgendwann in die Schule musste, haben meine Eltern gedacht, es wäre Zeit für ein ruhigeres Leben. Dann sind wir nach Tübingen im Schwabenland gezogen.“ Ein kleines, schönes Universitätsstädtchen, das an einem Fluss liegt und nur aus pittoresken Bildern besteht, die man auf Postkarten drucken könnte, schwärmt Tristan. „Wenn man so aufwächst, dann denkt man, dass so die Welt sein sollte. Deshalb zieht es glaub ich auch so viele Tübinger nach Berlin“, vermutet der Wahl-Berliner. Schließlich ist hier das Kontrastprogramm angesagt.

Die billigste Wohnung in ganz Berlin

Tristan ist aber aus einem anderen Grund in die Hauptstadt gezogen: „Ich hatte einfach eine diffuse Vorstellung davon, dass hier die Musikszene lebt und so ist es irgendwie auch.“ Mittlerweile sitzen wir im Pavillon am Ufer, einem kleinen Café direkt am Landwehrkanal, das süße Waffeln und Sundowner anbietet. Hier machen wir eine Pause von unserer Kiez-Tour. Eigentlich sei er gar kein großer Spaziergänger, gibt Tristan zu, aber wenn schon Spaziergang, dann natürlich hier am Landwehrkanal. Wir bestellen Limo, was zur Folge hat, dass sich gleich eine Schar Wespen eingeladen fühlt. Tristan Brusch im Pavillion am Ufer, die Arme hinter den Kopf verschränkt.

Tristan lebt seit 2008 in Berlin und ist seitdem ständig umgezogen.

Hastig flüchten wir zum gegenüberliegenden Maybachufer und Tristan erzählt von seinen Anfängen in Berlin: Vor zehn Jahren sei er gemeinsam mit seinem besten Freund hergekommen, um die billigste Wohnung zu suchen, die man derzeit noch finden konnte. Das Resultat war eine 100-Quadratmeter-Wohnung im Wedding, wofür die beiden Freunde jeweils 56 Euro zahlten. „Das war aber wirklich das größte Drecksloch, das man sich vorstellen kann“, erinnert sich Tristan. „Da kam der Putz von den Wänden, die Dielen lösten sich langsam auf und jedes Zimmer hatte gefühlt eine andere Art von Schimmel. Das war schon krass ekelhaft.“

Trotz Schimmel und Dreck fängt der bekennende Hildegard Knef-Fan hier an, akustische Gitarrenmusik zu machen und auch auf Englisch Lieder zu schreiben. Nach kurzweiligen Abstechern in die Techno-Szene lernte Tristan 2012 die Hip-Hop-Gruppe Die Orsons kennen und beginnt deutschsprachige Songs zu schreiben. Eine gemeinsame Orsons-Tour und einige Kollaborationen mit Cro sowie Mine & Fatoni später produziert Tristan 2016 Maeckes Soloalbum Tilt, das Platz 14 der deutschen Charts erreichte.

Tristan Brusch lehnt in seinem Studio mit den Armen auf einem Klavier

Nicht zu übersehen: Tristan ist Jamie Oliver-Fan.

Auf dem Rückweg unseres Spaziergangs kommen wir noch an den Redbull Studios im ehemaligen Umspannwerk vorbei. Einerseits natürlich innovatives Marketing, andererseits aber auch ein Ort, an dem vielversprechende Newcomer gefördert werden sollen. „Dass es sich dabei um den Hersteller von Zuckerwasser handelt, ignorieren wir einfach mal. Aber das ist ein bestens ausgestattetes Studio, in dem ich einen Teil meines Albums aufgenommen habe“, erzählt Tristan. Sein eigenes Studio hingegen liegt versteckt in einem Kreuzberger Hinterhof. Im vierten Stock eines ehemaligen Fabrikgebäudes teilt er sich mit anderen Künstlern und Produzenten die Räumlichkeiten. Zwischen Klavier, Gitarre und gemütlichen Sesseln verabschieden wir uns hier von Tristan, der gerade mitten in seinen Tour-Vorbereitungen steckt, und bedanken uns für den schönen Nachmittag.

 

Du willst Tristan live erleben? Dann komm am 30. Oktober 2018 zu seiner „Paradies Tour“ ins Musik & Frieden. Hier bekommst du Karten

Foto Galerie

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