Bericht aus dem Kiez

Kreuzberg kämpft weiter

Kreuzberg kämpft weiter
Ob Demos, Plakate oder Sticker - Protest gegen Verdrängung gehört in Kreuzberg dazu.
Kreuzberg: multikulti, dreckig und hip. Mittlerweile wohl schon etwas zu hip. Der Bezirk, der gleichzeitig verschrien und doch so angesagt ist, wandelt sich. Wer hier lebt, kann es tagein tagaus beobachten: Kreuzberg hat ein Gentrifizierungs-Problem!

Das Leben in Kreuzberg: kiezig, multikulti und charmant dreckig. Hier lebt es sich noch so, wie man es sich in einem richtigen Kiez vorstellt. Noch! Denn wie lange dieses Flair weiterhin aufrechterhalten werden kann, frage ich mich jeden Tag erneut, wenn ich hier durch die Straßen tingle. Alteingesessene Kneipen, Einzelhändler und Spätis schließen oder kämpfen einen erbitterten Kampf gegen steigende Mieten und Investoren – dafür eröffnen neue Restaurantketten, Luxushotels und teure Geschäfte. Wenn ich mir das so ansehe, muss ich leider feststellen: Der charmante Bezirk wandelt sich von Tag zu Tag – und nicht zum Guten.

Das nächste Großprojekt steht an – Kreuzberg ist not amused

Stell dir vor, du lebst in einem schönen, charaktervollen Kiez, in dem du mit deinem Spätibesitzer und Kneipenwirt per du bist und alles seinen ganz eigenen Gang geht. Und jetzt stell dir vor, in diesem schönen Kiez marschieren bald bis zu 700 Touristen mehr durch die Straßen, um deinen Lebensraum zu begutachten und betrunken auf den Straßen zu wüten. Für mich, und viele andere Kreuzberger, keine schöne Vorstellung. Nichts gegen Touristen, aber irgendwann ist das Maß eben erreicht. Die Angst, dass der ansteigende Tourismus und die neuen, schicken Gewerbe und Filialen bald nichts mehr von dem ursprünglichen Kreuzberger Charme übrig lassen, ist greifbar.

Als ich neulich mal wieder über die Oranienstraße schlenderte, kam mir, wie so häufig, ein kleiner, wütender Demonstrationszug entgegen. Keine Seltenheit hier im Kiez – deswegen habe ich mir erst einmal nichts dabei gedacht. Als mir jedoch von der um sich pfeifenden Meute diverse Zettel gereicht wurden und ich den Inhalt las, musste ich ziemlich schlucken. Noch ein Hotel/Hostel hier im Kiez?

Noch ein Hotel!?

Ja, so ist es. Das neueste Projekt, das in Kreuzberg für Unruhe und aufgeheizte Stimmung sorgt, soll an der Ecke Mariannenstraße, Skalitzer Straße entstehen; ein Hotel-und-Hostel-Komplex mit jeweils über 100 Zimmern. Summa summarum dürfte man sich dann auf über 300 neue Schlafplätze für Touristen mitten im Szenekiez einstellen. Zusätzlich ist ein Shopping-Bereich und ein Anfahrtsplatz für Busse angedacht. Welche Auswirkungen das hat, kann man sich denken: noch mehr Reisegruppen, die mit Regenschirmen durch die Gegend geführt werden, Partytouristen aus aller Welt – dafür weniger echtes Leben. Die Einwohner Kreuzbergs sind alles andere als begeistert. Und so fanden schon erste Protestzüge der Anwohner-Initiative „NoHostel36“ statt. Wer exakt hinter dem Bau-Vorhaben steht, verheimlicht der Bezirk mit den Hinweis auf Datenschutz. Fakt ist: Seit Mai 2014 liegt eine Baugenehmigung vor. Aber wer weiß? Vielleicht kann durch die vielen Gegenstimmen auch dieses Projekt gestoppt werden – wie es mit dem Google Campus funktioniert hat, der im Umspannwerk in der Ohlauer Straße hätte errichtet werden sollen.

Baustelle in Kreuzberg

Hier soll bald ein Hotel-Hostel-Komplex entstehen.

Kreuzberg und der Kampf gegen die Mieten

Doch nicht nur die Großprojekte machen in Kreuzberg Sorgen, auch die steigenden Mieten und Immobilienkäufe von Investoren im Allgemeinen. Ganze Häuserzeilen werden von großen Immobilienfirmen aufgekauft – Mietern und Gewerbetreibenden wird gekündigt. Die Folge: Einjahresverträge, mehr Tourismus, höhere Mieten, mehr Verdrängung – dafür weniger Platz für bezahlbaren Wohnraum und soziale Stätten. Von Familie über Späti- bis hin zum Restaurantbesitzer: Im Kiez müssen viele um ihre vier Wände und somit auch ihre Existenz fürchten. So beispielsweise auch der Späti in der Oranienstraße 35, der mit großem Widerstand seit über vier Jahren gegen seine Schließung kämpft. Dabei wird der Familienbetrieb von der Nachbarschaftsinitiative Bizim Kiez unterstützt. Wie und ob es weitergehen kann mit ihrem kleinen Laden, wissen die Inhaber selbst noch nicht. Sie erklären: „2.600 Euro mehr Miete wollen die. Es kann sein, dass wir uns mit den Vermietern anders einigen können. Es kann aber auch sein, dass sie sagen, sie wollen das Geld und wir raus müssen. Es entscheidet sich nach Neujahr – die Chancen stehen 50 zu 50“.

Plakatierter Späti in der Oranienstraße

Auch dieser Spätkauf in der Oranienstraße kämpft gegen Verdrängung.

Den Betroffenen und Kreuzbergern passt das gar nicht. Demos und Proteste stehen im Bezirk quasi auf der Tagesordnung und Plakatierungen und Kundgebungen gehören zum feinen Ton. Und auch andere Protestaktionen gehören im rebellischen Kreuzberg zum Programm. Letzten Sommer beispielsweise taten sich eine Vielzahl an Gewerbetreibenden in der Oranienstraße zusammen und verdunkelten einen Tag lang ihre Schaufenster mit Kartons, um auf die fortschreitende Verdrängung aufmerksam zu machen.

Gentrifizierung – aber wer steckt dahinter?

Ein großes Problem in Sachen Gentrifizierung ist die Undurchsichtigkeit, wenn es um Vermieter und Investoren geht. Wie bei dem Hotel-Komplex ist auch in vielen anderen Fällen nicht transparent, welche Investoren und Firmen tatsächlich hinter den Projekten stehen. Erst vor Kurzem hat die Kulturkneipe Das Syndikat aus Neukölln, deren Mietvertrag zu Jahresende gekündigt wurde, jedoch Spannendes herausgefunden. Da sich die Betroffenen nicht wehrlos ergeben wollten, forschten sie nach und konnten schließlich ihren wahren Vermieter ausfindig machen. Bei diesem handelt es sich letzten Endes um eine große Immobilienfirma, die Pears Group, aus Großbritannien, die noch viele andere Wohnhäuser in der ganzen Stadt besitzt und es wohl auf maximale Rendite abgesehen hat.

Kreuzberg wandelt sich weiter und Kreuzberg kämpft weiter

Dass auch hinter vielen anderen Projekten und Immobilien in Kreuzberg und ganz Berlin am Ende des Tages Großinvestoren und Unternehmen stehen, dürften klar sein. Gegen sie anzukämpfen ist und bleibt jedoch aufgrund der mangelnden Transparenz schwierig.

In Kreuzberg wird man sich sicher trotzdem nicht so schnell geschlagen geben – sei es in Anbetracht des geplanten Hotel-Komplexes oder der grundlegend steigenden Mieten: Wir werden uns weiter auf Demos, Kundgebungen und Protest-Plakatierungen an Häuserfassaden einstellen können.

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