• Dienstag, 06. März 2012

Filmkunstbar in Kreuzberg

Ein Bier, ein Kunstfilm!

  • Filmkunstbar Fitzcarraldo
    Martin Schuffenhauer (l.) und Sebastian Schwendner betreiben die Filmkunstbar Fitzcarraldo in Kreuzberg. Foto: Der Tagesspiegel - ©Mike Wolff

Filme, wohin das Auge blickt – Arthouse, Autorenkino, Historienfilme und, und, und. Dazu ein heiteres Gläschen. Die "Filmkunstbar Fitzcarraldo" in Berlin-Kreuzberg ist halb Videothek, halb Bar.

Ein Besucher ist völlig aus dem Häuschen, er zieht aus jeder Ecke DVD-Hüllen hervor, um sie euphorisch in die Luft zu reißen. Soeben ist er in der Horrorabteilung angekommen. Er hat sich einen Klassiker des Filmemachers Jörg Buttgereit geschnappt, "den gibt es nirgendwo zu einem vernünftigen Preis", fachsimpelt er. Kurz darauf kramt er den aufgrund rassistischer Inhalte schon immer umstrittenen Historienfilm "The Birth of a Nation" von 1915 aus einem Winkel hervor. "Der erste Skandalfilm der Geschichte", erklärt der Mann. Er ist Kunde in der "Filmkunstbar Fitzcarraldo".

Die beiden Inhaber der Bar haben sich gemeinsam auf eine Mission begeben: Sebastian Schwendner und Martin Schuffenhauer wollen den Berlinern den Kunstfilm bringen. Schwendner sagt: "Man muss die Filme nur richtig serviert bekommen, dann werden sie zu einem so inspirierenden Erlebnis wie ein Theaterbesuch." Folgerichtig haben die beiden Ende 2011 die Kreuzberger Filmkunstbar aufgemacht. Sie ist Videothek und Kneipe zugleich, ihr Fokus liegt auf dem Avantgarde-Film, angefangen bei der Stummfilmzeit, bis in die Gegenwart, die Filme stammen aus den unterschiedlichsten Ländern.

Breite Filmpalette von Autorenkino bis Asia-Arthouse

Im Gewölbekeller setzt sich die Videothek fort: Zum Jahreswechsel bewerkstelligte Schuffenhauer den Umzug seiner Videothek "Roderich", die er bis dahin ein paar Häuser weiter betrieben hatte, in die Filmkunstbar. Dort führen nun die Kellertreppen den Gast in den "Goldenen Raum" und in den "Schwarzen Raum", wo beispielsweise Hollywood, Autorenkino, Animationsfilme, Asia-Arthouse, und schwul-lesbische Filme aus allen Ecken der Welt auf den Besucher warten.

Der Umzug des Roderich war schon länger beschlossene Sache. Schuffenhauer schätzt die Unterhaltungen mit Filmfreunden ungemein, "deshalb möchte ich die Räume möglichst klein halten, um den intimen Rahmen zu begünstigen", erklärt er. Das Roderich war ihm schlichtweg zu groß, im Fitzcarraldo soll es fortan gemütlicher zugehen.

Avantgardefilmabende mit Überraschungsfilm

Viel Raum ist tatsächlich nicht in der Filmkunstbar. Regelmäßige Veranstaltungen finden dennoch statt. Die Wände mit den Barocktapeten, die Plastikblumen-Arrangements und der Wolpertinger auf seinem silbern gefärbten Baumstamm in der Ecke waren schon bei vielen Filmabenden und Partys Zeuge des Geschehens. Gelegentlich gibt es einen Avantgardefilmabend, bei dem die Gäste kostenlos mit einem Kunstfilm überrascht werden. Hin und wieder huldigt die Filmkunstbar auch mit einer "Grünen Stunde" dem Pariser Surrealismus – den stilechten Absinth gibt’s am Tresen. Schwendner und Schuffenhauer stimmten von Anfang an "zu hundert Prozent" überein, dass es hier familiär zugehen soll. Schuffenhauer sagt: "Bei uns ist es nicht cool und schick, sondern eher wie in einer Rumpelkammer. Da kann man sich entspannen."

Selbst über der Eingangstür ein Filmverweis

Ihre ersten 10.000 Kopien ausgefallener Filme für die Filmkunstbar haben die beiden noch 2011 geordert, unter anderem die weniger bekannten Filme von berühmten Regisseuren wie David Lynch und Roman Polanski. Werke des britischen Filmemachers Ken Russell und des amerikanischen Medienkünstlers Matthew Barney sind ebenfalls darunter.

Logisch, dass sich in der Filmkunstbar Fitzcarraldo Filmverweise finden, egal wohin man schaut. Selbst das Schild über der Eingangstür löst den Aha-Effekt der Kenner aus: Da ragt ein aus der Mode gekommener Kinderwagen aus der Fassade – ein Fingerzeig auf eine bekannte Szene aus dem russischen Stummfilm "Panzerkreuzer Potemkin". "Der Kinderwagen ist von meiner Tante", sagt Schuffenhauer. Ob sie ihn zurückhaben möchte, weiß er nicht.

Kreuzberg

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Quelle: Der Tagesspiegel
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