• Mittwoch, 11. Januar 2012

Restaurant in Berlin-Kreuzberg

Essen und nicht degustieren

  • Restaurant Riehmers
    Das Riehmers in Kreuzberg: Gemütlicher Ort für beste österreichische Küche Foto: QIEZ - ©QIEZ

Viele Chefköche werden heute zu Stars, schreiben ihre eigenen (Koch-)Bücher und landen irgendwann im Fernsehen. Der Betreiber des "Riehmers“ ist es gewohnt, auf der Bühne zu stehen und hat die Karriere einfach umgedreht.

Unter den vielen unverwechselbaren Charakteren, die die Berliner Gastronomie bevölkern, ist Hartmut Guy sicher einer der buntesten Hunde. Der gelernte Schauspieler und angelernte Gastwirt kennt mehr Geschichten über die Branche als irgendjemand sonst, weil er mehr erlebt hat. Das erste eigene Gasthaus nach der Wende draußen auf den gottverlassenen Kartoffelfeldern bei Werneuchen, Brand und Wiederaufbau, Umzug ins "Guy“ am hauptstädtischen Gendarmenmarkt, Scheitern mit dem Ableger "WeinGuy“, vor nicht allzu langer Zeit schließlich die Pleite mit dem "Guy“ wegen nicht mehr finanzierbarer Pachtforderungen – sein kürzlich erschienenes Buch "Guygantisches Gourmet-Theater“ schildert diese Berg- und Talfahrt ausführlich.

Viele andere würden es sich nun auf dem Sofa bequem machen (sofern sie es noch haben) und auf den Schuldnerberater warten. Aber so ist Guy nicht. Während er sich noch überlegte, mal wieder als Schauspieler zu arbeiten, erfuhr er von der Absicht des Pächters, das "Riehmers“, ein alteingesessenes österreichisches Restaurant in Kreuzberg, aufzugeben, das zu jener Zeit ebenso beliebt wie angestaubt war. In der Zeit, in der andere allenfalls überlegt und verhandelt hätten, überlegte und verhandelte und renovierte und zog er ein und eröffnete. Und heute ist das "Riehmers“ wieder einen Besuch wert, ein echtes Schmuckstück mit Wiener Charme.

Das verdanken Guy und die Gäste natürlich in erster Linie Küchenchef Marcus Zimmer, der schon am Gendarmenmarkt gute Arbeit geleistet hat, allerdings auf ganz anderem Niveau. Denn im Gegensatz zum "Guy“ bleibt das Riehmers in jeder Hinsicht bodenständig, preislich und stilistisch. Entscheidend ist jedoch, dass man das Handwerk des guten Kochs erkennt, der den Geschmack im Auge hat und deshalb auch vermeintliche Banalitäten adelt.

Eine liebenswerte Schweinerei

Der Backhendl–Salat ist großartig, dezent mariniert und mit knusprig zartem Huhn (8,50). Im "Sommer-Menü“ für bescheidene 28,50 Euro gibt es zu Beginn gebratenen Saibling mit Schmorgurken, dann eine "Schweinerei“ mit geschmortem Bauch, gebackenem Eisbein, hausgemachter Wurst, deftig abgeschmeckt, schließlich eine gut gemachte Crême brulée mit Aprikoseneis – dieses umfangreiche Abendessen ist zu dem Preis kaum schlagbar. Hervorragend schmeckte uns auch die zart geschmorte Ochsenbacke auf breiten Bohnen mit Schnittlauch-Kartoffelpüree (17,50 Euro), deren profunder dunkler Fleischjus den Meisterkoch sichtbar macht.

Hinterher ist man satt und so sollte es auch sein, das ist ja kein eitles Degustationsmenü. Die drei Eissorten (6 Euro) passten noch – die hätten jedoch prägnanter sein dürfen, der Vanille fehlte die Süße, Aprikose und weißer Pfirsich blieben sehr blass im Aroma, vermutlich zu kompliziert gedacht. Ohne Zweifel nur ein kleines Aber, das ja auch lediglich für den Moment gilt, wie ich vermute. Wer zum Abschluss noch etwas mehr vertragen kann, bestellt sich einfach den in diesem Zusammenhang obligatorischen Kaiserschmarrn, den ich nicht versucht habe. Was gibt die Weinkarte her? Das ganz runde Angebot hängt noch irgendwo zwischen neu und alt, vieles wird als "Ausgetrunken“ gelistet, und vermutlich wird sich der bislang stark österreichische Schwerpunkt ein Stück in Richtung Deutschland verschieben. Preisbeispiel: Ein gradliniger Grüner Veltliner von Angerer kostet 24 Euro.

Die Atmosphäre im neuen Riehmers lebt natürlich vom persönlichen Einsatz von Hartmut Guy, der hier wieder selber kellnert, wie zu seinen Anfangszeiten auf dem Land. Sein kommunikativer Stil ist polarisierend, manchem Gast etwas zu übertrieben – doch davon sollte man sich einen eigenen Eindruck verschaffen. Ein wunderbarer Vorzug dieses Kreuzberger Restaurants ist der lauschige Gastgarten. Im letzten Sommer war er selten zu gebrauchen, aber es gibt ein nächstes Mal. Denn der ewige Sucher Hartmut Guy sollte hier zur Ruhe kommen können.

Riehmers

Hagelberger Strasse 9
10965 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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