• Freitag, 27. Juli 2012

Shakespeare im Park

Utopie zu verkaufen

  • Shakespeare im Park
    Utopie oder Verkaufsprodukt? Maren Menzel, Peter Priegann und Gianni von Weitershausen bringen Shakespear in den Görlitzer Park. Foto: externe Quelle - ©Shakespeare im Park Berlin

Grüne Wiese, entspannte Atmosphäre und eine bunte Mischung an Menschen: Im Görlitzer Park ist der perfekte Ort für improvisationsfreudige Theatermacher wie die Truppe Shakespeare im Park Berlin. Die feiern heute ihre zweite Premiere auf dem öffentlichen Grün. Im vergangenen Jahr erfreuten sie die Zuschauer mit "Heinrich der Vierte". Dieses Jahr entstand eine Collage aus "Heinrich der Achte" und "Sir Thomas More".

Sommer im Görlitzer Park: Die Sonne geht langsam unter und zwischen der üblichen Klientel stolzieren Figuren in pompösen Renaissance-Kostümen und futuristischer Plastik-Funktionskleidung, die zu Achtziger-Jahre-Synthie-Sound Verse von sich geben. Die Zeit ist mal wieder reif für "Shakespeare im Park".

2011 war die Premiere der Theatergruppe Shakespeare im Park Berlin mit ihrem ersten Stück  "Heinrich der Vierte". In dieser Spielsaison haben sie für ihre Inszenierung gleich zwei Shakespeare’sche Stücke als Grundlage genommen: "Heinrich der Achte" und "Sir Thomas More".

"Utopia™ – Where All Is True": Die Londoner Bürger protestieren auf dem Marktplatz gegen Unterdrückung und Ausbeutung. Diese erste Szene lässt sich auf das Hier und Jetzt anwenden. So steht es auch für Protest gegen die Gentrifizierung. "Zu dieser Inszenierung passt der Görli mit seinem vielfältigen Publikum besonders gut: Hier findet man alle, die Urberliner, die Familien mit Migrationshintergrund, die Hipster von überallher", meint Schauspieler Brandon Woolf.

Die Utopie als Ware

In Thomas Mores "Utopia" geht es um die perfekte Gesellschaft, in der alle gleich sind. Im Stück "Utopia™" erhält das Modell eine zusätzliche Wendung: "™" ist das Zeichen für Trademark (deutsch: Warenzeichen). Die Verwendung des Kürzels im Titel deutet den Handlungsverlauf an: Die angestrebte alternative Gesellschaftsform entwickelt sich zum Produkt, das beworben und verkauft werden soll. Kann das Projekt erfolgreich sein oder steuert das Produkt Utopie der Katastrophe entgegen?

Der Spielplatz dient als Kerker und Exekutionsplatz, Picknickwiesen werden zum Bankettsaal. "Der Park ist deshalb so gut geeignet, weil er für seine recht kleine Fläche so vielschichtig ist und man über kurze Wege die verschiedensten Spiel-Orte erreichen kann", erklärt Katrin Beushausen, Regisseurin und Mitbegründerin der Schauspieltruppe.

Tanzen im Park

Shakespeare im Park erfreut sich großer Beliebtheit in Amerika seit seiner Premiere 1957 im New Yorker Central Park. Maxwell Flaum, gebürtiger Amerikaner und seit acht Jahren in Berlin ansässig, kam im Görli die Idee, auch einen Berliner Park zur Bühne zu machen. Mitten im Park hatte er seine Zelte aufgeschlagen und gab Shakespeare zum Besten. Dieser Ort mit der Multikulti-Atmosphäre kam ihm sofort perfekt für solche Auftritte vor. Schnell war mit Schwägerin und Doktorandin der Theaterwissenschaft Katrin Beushausen eine begeisterte Mitstreiterin gefunden. Beushausen, die außerdem Regisseurin und Dramaturgin ist, kannte den Schauspieler Brandon Woolf noch von ihrem Studium in Berkeley. Seit 2008 kam er jeden Sommer nach Berlin, bis er 2011 ganz herzog. Dazu kamen der Architekt Alberto di Gennaro und die Dramatikerin Christina Kettering. Die Gruppe war geboren.

Das Team nimmt sich vor jeder Aufführung zwei Stunden Zeit, um im Park Flyer zu verteilen. Sie laden zum Zuschauen ein und entschuldigen sich im Voraus für eventuelle Störungen. Vielen Parkbesuchern ist die Gruppe bereits durch die Proben bekannt, die im Mai begannen. "Bei der ersten Probe für eine Tanzszene bekamen wir unerwartet Unterstützung von einer Gruppe Kinder, die einfach mittanzten. Und dann haben sie König Heinrich sogar auf einen Kebab bei ihren Familien eingeladen", berichtet Flaum lachend.

Vorbereitung und Improvisation ist alles

Der Eintritt zum Spektakel im Park ist auch dieses Jahr kostenlos. Von den Einnahmen kann die Truppe also kaum leben. "Unser Geld verdienen wir mit anderen Jobs. Es gibt so viele tolle Theaterprojekte, aber es mangelt an finanziellen Mitteln. Das ist ein generelles Problem der freien Kulturszene in Berlin", sagt Katrin Beushausen. Vergangenes Jahr wurden sie gar nicht bezahlt, dieses Mal kommt durch Spenden und Fundraisingkampagnen zumindest ein kleines Gehalt für die Schauspieler zusammen.

Im Stück besteht ein fließender Wechsel zwischen Deutsch und Englisch. Das heißt aber nicht, dass die Zuschauer perfekt Englisch verstehen müssen. Die wichtigsten Szenen werden immer in beiden Sprachen dargestellt oder auch pantomimisch zum Ausdruck gebracht.

Das Bühnenbild wird für vielfältige Funktion recycelt. Das hat neben dem praktischen Nutzen auch eine Bedeutung für die Inszenierung: "Wir spielen mit diesen zwei Welten, der realen und der des Stückes. Wir wollen das Bestehende transformieren und daraus Neues schaffen", erörtert Katrin Beushausen. Ein Teil dessen ist auch, das Publikum einzubinden, damit fertig zu können, wenn Kinder durch die Szene kullern – was durchaus gewünscht ist – oder wenn ein Wolkenbruch die Szene verhagelt. "Wenn wir eins gelernt haben, dann, dass die Wettervorhersagen nie stimmen", sagt Brandon Woolf. Bei starkem Regen pausiert die Vorstellung eben für ein paar Minuten. "Gerade das ist ja das Spannende: Im Gegensatz zur klassischen Theatersituation ist die Performance im Park immer unberechenbar", findet Katrin Beushausen. Nächstes Jahr gibt es wieder Shakespeare im Görli. Das Thema steht bereits: "König Lear" soll gezeigt werden.

Premiere ist heute, den 27. Juli, um 19 Uhr. Weitere Auftritte folgen am 29. Juli, 2., 4., 5., 8., 10., 12., 16., 18. und 19. August, jeweils um 19 Uhr, sonntags um 16 Uhr. Los geht's an der Lohmühlenstraße, Ecke Jordanstraße.

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Adresse

Lohmühlenstraße 66
12435 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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