• Montag, 14. Mai 2012

Kreuzberger Männerorchester

20 Jahre im Dienste der Nase

  • Oberkreuzberger Nasenflötenorchester
    Sorgen für gute Laune und Schenkelklopfer: die Herren des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters. Foto: externe Quelle - ©Oberkreuzberger Nasenflötenorchester

Sie sind schon etwas in die Jahre gekommene Herren. Wenn sich die Mitglieder des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters jedoch zum gemeinsamen Musizieren treffen, drehen sie voll auf und wirken augenblicklich 20 Jahre jünger.

Weltberühmt sind sie - jedenfalls in Kreuzberg. 1999 haben sie im SO36 den Titel "Kreuzberger Nächte sind lang" so lange aus allen Nasenlöchern gepfiffen, bis sie mit Bierdosen beworfen wurden. Und genau das ist die Art von Ehrerbietung, die ihnen gefällt. "Das müssen ja sowieso alles Ohrmasochisten sein, wenn die sich unsere Musik antun", sagt MC Westbemme, Mitgründer des Oberkreuzberger Nasenflötenorchesters. "Wir lieben Nasen und hassen Ohren", fügt Dieter Kölsch hinzu, dessen Nasenflügel ebenso im Dienste des Orchesters vibrieren.

"Das Original Oberkreuzberger Nasenflötenorchester: Der Grindchor" feiert gerade sein 20-jähriges Bestehen, anlässlich dessen es eine zünftige Stadtteiltournee absolviert. Das Altherrenorchester - die meisten Mitglieder sind zwischen 50 und 60 Jahre alt – war das erste in Deutschland, bei dem die Nasenflöte im Mittelpunkt stand. Inbrünstig schnaubt das Ensemble, dessen Mitgliederzahl zwischen zehn und 15 schwankt, in das kleine Plastikinstrument, das einer Kinderflöte oder einem Schnuller ähnelt.

Und wie hört sich das an? Ungefähr wie ein Schwarm Kanarienvögel auf Acid. Dabei gibt es Highspeed-Versionen von Hits wie "Alter Spalter" (Helter Skelter) neben Kuschelrock-Nummern wie "Dräumschen in echt" (Dreams are my reality) zu hören. Das Orchester lässt den Geist des Kreuzbergs der 80er und 90er weiterleben. Wie eine Stadtteil-Allstar-Truppe kommen sie rüber, bei der zahlreiche bekannte Namen aus der hiesigen Kunst-, Literatur- oder Musikszene auftauchen. Der Autor und Künstler Thomas Kapielski macht genauso mit wie Ex-Lassie-Singer Hermann Halb; auch Brezel Göring von Stereo Total war einst Orchester-Mitglied.

Humor, der für Jahrzehnte reicht

Zählt man alle Musik- und Hörspielprojekte zusammen, an denen die Herren in der Vergangenheit beteiligt waren, käme man wahrscheinlich auf eine dreistellige Zahl. Hanns Martin Slayer etwa entstammt der Aachener Trash-Noise-Band Trickbeat, die mit Platten wie "Nena Menstruationsbrigade" den Weg in eine sinnfreie Zukunft wiesen. Es ist davon auszugehen, dass der Stoff aller Nasenflöten-Mitglieder den Bedarf an nonsensischem Humor für mehrere Jahrzehnte deckt.

Eine EP und drei CDs haben die Nasenflötisten bereits veröffentlicht, ihr Bestselleralbum war "Stille Tage in Rüsselsheim". 3000 Stück wurden davon verkauft. Für die Nasenflötisten ein Erfolg, sind sie in erster Linie doch ein Live-Ereignis, eine große Unterhaltungsnummer. Das Geheule und Gejohle auf ihrem jüngsten Werk "Blasphemia“ ist schon nicht mehr Low-Fi. Es ist Low-low-Fi.

Wie kann man diese Männer charakterisieren, die 1991 die Nasenflöten entdeckt und ihr ganzes Oeuvre nur auf Grundlage dieses Instruments geschaffen haben? Neodadaisten vielleicht. Als Pataphysiker bezeichnen sie sich selbst. Das waren die Vorläufer der Dadaisten, eine vom französischen Schriftsteller Alfred Jarry gegründete Denkschule, die sich der Sinnlosigkeit menschlichen Wirkens widmet. Der Nihilismus mündet bei den Kreuzbergern in eine große Party.

Diese Jungs, die rocken!

Wenn die Bandmitglieder sich in Westbemmes Galerie zum Proben treffen, wenn sie sich um ihren Kassettenrekorder gruppieren, das Bier aus dem Späti nebenan bereitgestellt ist, werden aus den leicht ergrauten Gestalten plötzlich Jungspunde, die wie HB-Männchen auf und ab hüpfen. "Azurro" wird gepfiffen, es wird ausbaldowert, wer das Solo pfeift, während Gitarrist Hermann Halb im Hintergrund versucht zu dirigieren.

Diese Dynamik vermögen sie auch live zu verströmen. Es ist nicht leicht, sich dem Charme der Combo zu entziehen, wenn sie auf der Bühne loslegen. "Es gibt ja mittlerweile noch ein paar andere Nasenflötenbands und Nachahmer", sagt Hanns Martin Slayer, "aber die rocken einfach nicht." Das ist bestimmt keine Selbstbeweihräucherung, denn es stimmt einfach: Diese Berliner Flöten rocken. 20 Jahre im Dienste der Nase haben unüberhörbar ihre Spuren hinterlassen. In Kreuzberg ist das Männerorchester eine Institution, über die Stadtgrenzen hinaus wird sich der große Ruhm wohl nicht mehr einstellen. In einer besseren Welt aber, da wären die nasenflötenden Altrocker das große Ding.

Adresse

Oranienstraße 36
10999 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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