• Dienstag, 14. Januar 2014

Aus für Kreuzberger Saftschubser-Laden

Bitteres Ende fürs süße Geschäft

  • Canan Taner betreibt  den „Saftschubser“ im Kiez an der Bergmannstraße
    Vor der Verdrängung. Canan Taner betreibt den "Saftschubser" im Kiez an der Bergmannstraße. In der Gegend sind die Mieten stark gestiegen. Foto: Tagesspiegel - ©Kai-Uwe Heinrich

Bergmannkiez - Der "Saftschubser"-Laden an der Bergmannstraße soll schließen. Gekündigt hat ihr die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobag - ohne plausible Begründung. Schon länger beklagen Anwohner im Kiez, dass der bunte Mix an kleineren Privatläden langsam verdrängt wird.

Es fällt nicht leicht, an diesem Laden vorbeizugehen. Manchmal, wenn Canan Taner gerade Walnüsse röstet und in Honig wälzt, wenn sie Zimt über frisch gebrannte Cashewnüsse pudert, Mangosaft presst oder Waffeln bäckt, dann duftet es unwiderstehlich vor dem Haus an der Bergmannstraße 4. Jedes Mal, wenn sich die Tür öffnet, schwebt eine Wolke hinaus aus dem Saftschubser. So heißt Taners Geschäft. Alltagseile? Hier gönnen sich viele Leute ein Päuschen zum Nippen und Naschen. Der Laden läuft. Aber zum 31. Januar muss alles raus. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewobag hat Taner gekündigt. "Schauen Sie, hier" - die 30-jährige schlanke Türkin greift zum Kassentisch, hält einen Packen Papier hoch. Dahinter steht ein Schild: "Wir bitten um Hilfe!" Rund 2.000 ihrer Kunden aus dem Bergmann- und Chamisso-Kiez, aber auch Touristen haben mit ihrer Unterschrift gegen die Kündigung protestiert.

Taner ist in Kreuzberg aufgewachsen, hat erst als Arzthelferin gearbeitet und sich mit dem Saftschubser einen Traum verwirklicht. Sie sagt: "Ich will auf jeden Fall weitermachen." Aber die Gewobag führt als Grund für ihren Schritt genau das Gegenteil an. Taner sei an der Nutzung der Mieträume nicht langfristig interessiert, davon könne man "eindeutig ausgehen", heißt es in einem Brief der Gesellschaft vom 12. März 2013 an die junge Frau. Die eigentliche Kündigung hatte die Gewobag schon knapp fünf Monate zuvor verschickt .

Der Vermieter ließ die junge Frau mehrfach abblitzen

Der Saftschubser wurde Anfang 2009 von Taners Bruder eröffnet. Dreieinhalb Jahre lang führte er das Geschäft. Danach, im Juni 2012, übernahm seine Schwester im Einvernehmen mit der Gewobag den Laden. Der überschriebene Mietvertrag sollte zwar zum 31. Januar 2014 auslaufen, es gab aber die Option, ihn um zwei Jahre zu verlängern. Zu gleichen Bedingungen. Darauf verließ sie sich und erweiterte das Angebot. Während am Tresen die Saftpresse brummt, röstet sie in der Küche Macadamia,- Pekan- und etliche andere Nusssorten, füllt damit Datteln oder Feigen, streut Süßes darüber, präsentiert die Leckereien in Vitrinenkästen. "Manchmal bekommt man die frisch gebrannten Nüsse noch warm auf die Hand", schreiben Fans im Internet. Doch schon kurz nach der Übernahme, im November 2012, bekam Taner die Kündigung.

Sie war überrascht. Es war kein Streit um eine Mieterhöhung oder eine andere Unstimmigkeit vorausgegangen. Das Schreiben enthielt keinerlei Gründe. Dazu sind die Vermieter von Gewerberäumen rechtlich nicht verpflichtet. Es gehört aber zu den Gepflogenheiten der Branche, aus Fairness eine Erklärung beizufügen. Zweimal habe sie telefonisch nachgefragt, erzählt Taner. Erst habe sie zur Antwort bekommen: "Da soll was anderes rein". Beim zweiten Versuch habe es geheißen: "Wir sagen nichts." Sie sei auch persönlich zur Gewobag gefahren - doch vergeblich. Niemand wollte sich Zeit für ein Gespräch nehmen. Auch auf ihre Mails und einen Brief kam laut Taner keine Reaktion. Erst, nachdem sie sich beim Gewobag-Vorstand beklagt und einen Anwalt eingeschaltet hatte, erhielt sie im März 2013 das Schreiben mit dem Vorwurf, sie wolle den Laden nicht langfristig führen.

Als Beweis führte die Gewobag eine Anzeige auf der Internetplattform "Immobilien Scout" an, in der das Geschäft schon im Spätsommer 2012, also kurz nach dem Inhaberwechsel, zum Verkauf angeboten worden war. "Dieses Inserat hat aber nicht meine Mandantin, sondern ihr Vater aufgegeben", sagt Taners Anwalt Nezih Ülkekul. Der Vater stamme aus der türkischen Provinz, fühle sich als Patriarch, sei mit seiner Tochter schon länger zerstritten, habe Geld gebraucht - und deshalb die Anzeige eigenmächtig geschaltet. "Ich wusste davon nichts", ergänzt Canan Taner. Sie habe das Inserat sofort gestoppt.

Das teilte ihr Anwalt der Gewobag mehrfach mit. Aber diese ging laut Nezih Ülkekul bis heute darauf nicht ein, zeigte keine Gesprächsbereitschaft. Ülkekul: "Dass Frau Taner an ihrem Laden hängt, beweist doch schon die erfolgreiche Solidaritätsaktion." Auch eine entsprechende Anfrage des Tagesspiegels wurde von der Gewobag nur knapp beschieden. "Wir haben ordnungsgemäß gekündigt, das müssen wir nicht begründen", hieß es. Und: "Aus datenschutzrechtlichen Gründen möchten wir keine Auskunft geben."

Restaurant-Ketten drängen in den Bergmannkiez

Als früherer Sanierungsträger in Kreuzberg 61 besitzt die Gewobag mehr als 30 Prozent der Häuser im Chamisso-Kiez. Auch die Südseite der Bergmannstraße mit dem Saftschubser gehört zu diesem Gebiet. Schon länger beklagen hier Anwohner, dass Restaurant- und Caféketten den bunten Mix kleinerer Privatläden langsam verdrängen. Hört man sich um, so fühlen sich manche Geschäftsinhaber von der Gewobag "fair behandelt", es gibt aber auch Klagen über unbegründete Kündigungen und ein "ätzendes Gutsherrnverhalten". Auch der "Mieterladen Chamissoplatz" kritisiert "die harte Linie" der Gewobag. Sie treibe die Mieten hoch und das Kleingewerbe raus.

Das Land verlangt von den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, dass sie vernünftig wirtschaften, sich aber auch als "zentrale Partner der Stadtentwicklung" für die Lebensqualität in den Kiezen engagieren. Daran gemessen, findet der städtebauliche Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Michael Arndt, das Verhalten der Gewobag im Falle des Saftschubsers "sehr merkwürdig". Wenn alles so gelaufen sei, wie geschildert, "dann hätte man doch längst miteinander reden müssen - spätestens jetzt", sagt er. Canan Taner will an das Ende noch nicht glauben. "Vielleicht", sagt sie, "kann sich die Gewobag ja noch zu einem Neujahrsgeschenk an den Kiez durchringen."

Adresse

Bergmannstraße 4
10961 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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