• Mittwoch, 21. September 2016
  • von Vincent Halang

"Gemischtwarenladen" M99

Hier macht Kreuzberg jetzt keine Revolution mehr

  • Das M99 von Hans-Georg "HG" Lindenau in Kreuzberg: "Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf"
    An einem grauen Nachmittag gehen die Sticker im M99 besonders gut weg. Ist ja auch für alle Facetten und Fassons des linken Spektrums was dabei: Anti-Nazi, Pro-Asyl, Pro-Tier, Anti-Pegida, Po-Polizisten, usw. Foto: QIEZ - ©Vincent Halang

Lausitzer Platz – Du willst eine Revolution anzetteln, dir fehlt aber das nötige Equipment? Bisher bist du dann ab ins M99, aber jetzt steht die Zukunft des "Gemischtwarenladens mit Revolutionsbedarf" in den Sternen. Die Räumung ist beschlossen.

"Beruhig' mich bitte und nimm den Rucksack ab. Oder nimm ihn auf den Bauch und spiel' Känguru. Draußen Esel, hier drinnen Känguru." Das geht ja gut los. Du kommst in einen "Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf", der Sturmhauben und Pfefferspray verkauft – und bekommst vorgeschrieben, wie du deinen Rucksack zu tragen hast. Nix mit Anarchie. Von wegen freie Entfaltung.

Die Anweisung hat aber einen guten Grund. Hans-Georg Lindenau, den alle nur HG nennen, sorgt sich um seine Waren. Im M99 in der namensgebenden Manteuffelstraße 99 ist es eng, Kisten mit Pullis, Shirts und Rucksäcken stapeln sich bis unter die Decke, die Regale sind Marke Eigenbau. Ein unvorsichtig getragener Rucksack, befürchtet man, könnte den ganzen Laden zum Einsturz bringen. Oder Eselsohren in die unzähligen Bücher am Eingang knicken.

HG und das M99 unbeugsam seit 1985

Apropos: Das mit dem "draußen Esel" erklärt der 58-jährige Lindenau schlicht so, dass die Leute draußen, in der Welt, stur und auch etwas unbeugsam sein sollten. So wie er selbst. Seit Jahrzehnten ist er fester Teil der linken Szene Berlins, seit 1985 betreibt er das M99, anfangs als Copyshop für Hausbesetzer-Literatur. In der Szene war HG jahrelang aktiv, vor allem Ende der 80er.

Nach eigenen Angaben hat er zusammen mit anderen die Berliner Mauer mit zu Fall gebracht. Die Gruppe flüchtete nach Westberlin, kam aber nach einem Tag wieder zurück. In einem Interview mit der taz sagte HG: "Die Aktion hat die Mauer ad absurdum geführt" – und so ihren Fall eingeleitet. Seitdem fühlte er sich aber vom Staatsschutz verfolgt, hatte Angstzustände. 1989 sprang er aus einem Fenster der Kirche am Lausitzer Platz, seitdem ist er querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl.

Diesen Tag nennt er seinen Todestag. Er kann ihm aber auch etwas Positives abgewinnen. Damals habe er sich nämlich geöffnet, was nicht jedem in der linken Szene gefällt. Er kennt keine Flügel, keine Grenzen. Für ihn sind auch Bismarck und seine Sozialgesetzgebung eine anzuerkennende Revolution – "deshalb lasse ich mich so oft mit der Pickelhaube abbilden".

Kommt die Revolution an ihr Ende?

Was ihn aber im Moment umtreibt, ist der Streit mit seinem Vermieter, denn der will ihn raus haben. Er hat sich mit ihm auf einen Räumungsaufschub bis September geeinigt. HG will und braucht aber mehr. Denn er hat erst ab Mai 2017 einen Mietvertrag für einen neuen Wohnladen in der Falkensteinstraße 46. Was in der Zwischenzeit passiert, muss nun geklärt werden. Sich dem System zu beugen, daran denkt HG aber in keinem Fall.

Die Diskussion ist geprägt von gegenseitigen Anschuldigungen, jeder soll irgendwann mal irgendeinen Vertrag verletzt haben. Der Eigentümer behauptet, mehrfach Angebote unterbreitet zu haben, HG habe sie alle abgelehnt. HG sagt: Der Eigentümer lügt. Er habe zumindest das letzte Angebot nie schriftlich bekommen, sondern erst vor Gericht mündlich davon erfahren. 

Gibt es eine überraschende Wende?

Vorläufiges Ende vom Lied ist nun die Zwangsräumung des Ladens am Donnerstag, den 22.09.2016 um 9 Uhr. Der Räumungsschutzantrag von HG wurde vom Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg abgelehnt und wenn bis Donnerstag keine kurzfristige Einigung erfolgt, wird HG sein Geschäft räumen müssen. Doch der Revoluzzer kämpft weiter. Am 21.09.2016 ab 18 Uhr findet eine Mahnwache vor dem M99 statt, um weiterhin Druck auf Vermieter und Behörden auszuüben.

Wem gehört der Kiez?

Der Konflikt ist einer wie dutzend andere, die unter "Gentrifizierung" laufen, ein perfektes Klischee. Es geht um Brandanschläge, Wasserschäden, einen Technoclub, der andere Bewohner vertrieben hat und die ewige Frage: Wem gehört der Kiez? Sicher: HG und das M99 stehen für das alte Kreuzberg, das mit Charakter und Idealen. Irgendwann kommt aber Veränderung, die "Revolution", wenn auch in Form von Bärten und veganen Supermärkten.

Aber selbst die solidarisieren sich mit HG. Außer dem Eigentümer will ihn hier im Kiez niemand missen. Zu ihm kommen Junge und Alte, Ur-Berliner und Touristen. Wer klug ist, würde das begreifen. Das M99 als hippen USP sehen, als Alleinstellungsmerkmal, das es sonst nirgends in Berlin (Deutschland? der Welt?) gibt. Denn das sind HG und sein Laden in jedem Fall: einmalig.

M99 - Gemischtwarenladen mit Revolutionsbedarf

Manteuffelstraße 99
10997 Berlin

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Quelle: QIEZ
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