• Montag, 25. Juni 2012

Seifenkistenrennen in Kreuzberg

Rasende Blechdosen

  • Seifenkistenrennen Mehringdamm
    Seit den frühen 1980ern lebt am Mehringdamm jährlich die alte Tradition der Seifenkistenrennen wieder auf. Foto: dapd - ©Lennart Preiss/ddp
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Am Sonntag rollten sie wieder über den Mehringdamm: Dutzende überdimensionierte Blechbüchsen traten zum Berliner Seifenkisten-Derby an. Doch Veranstalter Uwe Lenz klagt über Nachwuchsprobleme.

"Das sind Fanatiker", sagt Uwe Lenz und deutet auf die temporäre Rennstrecke am Mehringdamm. Er spricht von den Seifenkistenfahrern. Möglicherweise muss man fanatisch sein, wenn man sich mit gerade mal acht Jahren in einer Blechdose mit Übergröße einen Hang hinuntertraut. Jedenfalls muss man sich das Kind im Mann bewahrt haben, wenn man wie Uwe Lenz im Alter von 69 Jahren noch immer mit viel Eifer das Berliner Seifenkisten-Derby in Kreuzberg organisiert - seit nunmehr 30 Jahren. Für ihn war es ein erfüllter Kindheitstraum. Doch heute noch Kinder für das Spektakel zu begeistern, gestaltet sich schwierig.

Lenz kann sich noch genau erinnern, wie er damals an genau derselben Stelle am Mehringdamm stand und sein erstes Rennen mit eigenen Augen verfolgte. Das war 1949. "Wir standen zu beiden Seiten der Strecke in Fünferreihen", erinnert er sich. Die Straßenzüge sahen noch anders aus. Grau, einige Häuser zerstört. "Aber die Seifenkisten waren bunt, es war ein Riesenfest."

Teilnehmer in bunt bemalter Seifenkiste Teilnehmer in bunt bemalter Seifenkiste
Alles hätte er damals gegeben, um in eine dieser bunten Kisten zu steigen und das Rennen mitzufahren, sagt Lenz. Drei Jahre hintereinander bewarb er sich, doch für die eigene Seifenkiste fehlte ihm das Geld, es blieb ein Traum.

Seifenkisten-Nachkriegsspaß

Anfang der Fünfzigerjahre veranstalteten die Amerikaner im befreiten Berlin das sogenannte "Soap Box Derby", gesponsert von General Motors, mit einer USA-Reise als Hauptgewinn. Die Sieger wurden als Helden gefeiert. 1969 verabschiedete sich Opel als letzter Sponsor und das Rennen fanden vorerst nicht mehr statt.

"Ich selbst bin damals nie mitgefahren", sagt Lenz. Doch die Erinnerungen an die spannenden Rennen gingen ihm nicht aus dem Kopf - bis zu jenem Abend 1982, als Vertreter des Bezirks, des ADAC und eben auch er selbst in einer Kneipe zusammensaßen und - so erzählt es Lenz - beschlossen, die rollenden Blechdosen zurück nach Kreuzberg zu holen.

Schnell wie die Feuerwehr Schnell wie die Feuerwehr
Jener Tag war die Geburtsstunde für "sein Baby". Nur dass die Seifenkisten 30 Jahre später mit Motiven wie "Hello Kitty" oder "Transformers" bemalt sind. Ein bisschen professioneller geht es zu. Lenz steht mit Funkgerät und Kopfhörern an der zweieinhalb Meter hohen Rampe, von der aus die mutigen Rennpiloten jeweils zu dritt die 350 Meter lange Strecke hinunterdonnern. Mit 35 Kilometer pro Stunde Spitzengeschwindigkeit! Die Regeln sind klar, eine Seifenkiste darf das zulässige Höchstgewicht von 90 Kilo inklusive Fahrer nicht überschreiten. Die Breite der Achsen ist genormt, die Räder sind für alle gleich. "Es geht um Spaß, aber es ist ein Wettkampf. Die wollen gewinnen." Manche Kistenbauer - meistens die Eltern der jungen Rennfahrer - sprechen sich für harte Räder aus, andere für eine bessere Federung. Doch solche Manipulationen sind natürlich nicht erlaubt.

Sicherheit geht vor

Am Vortag des Rennens kontrolliert die Dekra alle Seifenkisten auf Sicherheit, überprüft die Bremsen. Aber auch nicht gestattete Öleinspritzanlagen für die Kugellager, Magnesiumstangen anstelle der genormten Stahlachsen und chemische Gummihärter sowie Weichmacher haben die Tester bereits entdeckt. Die Konstrukteure sind erfinderisch beim Tricksen. Aber immerhin: "In 30 Jahren brauchte nicht auch nur ein Kind ein Pflaster."

Dabei fahren inzwischen längst nicht mehr nur Kinder mit. Die Teilnehmerzahlen gehen zurück. Vor wenigen Jahren waren es noch 120, am gestrigen Sonntag gerade mal gut 40. Vielleicht spielt auch die Konkurrenz eine Rolle: Eine Woche zuvor wurde das Weddinger Seifenkistenderby der Seifenkisten-Rennvereinigung Berlin ausgetragen.

Heute nehmen auch Eltern teil, die schon in jungen Jahren an den Start gingen. Selbst Uwe Lenz sitzt von Zeit zu Zeit noch in einer Seifenkiste. Wichtiger ist ihm jedoch, bei den Kindern für seinen Sport zu werben, gegen die Konkurrenz von Videospielen und Fernsehen. Lenz wünscht sich, dass auch in 50 Jahren noch jemand am Mehringdamm steht und wie er an aufregende Renntage zurückdenkt. Da ist er wieder ganz Seifenkistenfahrer. Fanatiker eben.

Adresse

Mehringdamm 42-44
10961 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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1 Beitrag zu diesem Artikel
Karl EdvardAronsen Karl EdvardAronsen 23.05.2013 20:25:13
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