• Donnerstag, 05. Januar 2012

Bergmannstraße in Kreuzberg

Essen und leben lassen

  • Bergmannstraße Kreuzberg
    Typisch Bergmannstraße: Straßenleben im Café Foto: Der Tagesspiegel - ©Kitty Kleist-Heinrich

Nicht jedem gefällt der Wandel im Kiez rund um die Bergmannstraße. Doch trotz steigender Mieten hat die Essmeile Kreuzbergs kaum an Anziehungskraft verloren.

Der Protest gegen die Gentrifizierung des Bergmannkiezes fokussierte sich 2007 auf die Renovierung der Marheinekehalle. Die Anwohner befürchteten, dass stellvertretend für den gemütlichen Charme der ganzen Gegend das Unverwechselbare der 1892 eingeweihten Markthalle verlorengehen könnte. Im Kiez, der sich um die Bergmannstraße herum vom Südstern bis zum Mehringdamm erstreckt, wurden Plakate gegen den Umbau geklebt und ein Protestfest gefeiert. Als die Betreiber der Halle sich schließlich entschlossen, einen Infoabend in der Passionskirche zu veranstalten, nahmen sage und schreibe 800 interessierte Bürger teil.

Die erhitzten Gemüter beruhigten sich nach ausführlicher Diskussion wieder und die Halle bekam wie geplant ihr "neues Gesicht“. Das Motto, das die Betreiber für die neue Marheinekehalle ausriefen, kam im Kiez gut an: Bio. Frisch. Regional. Zwischen den Verkaufsständen gibt es nun reichlich Platz, durch die vielen Fenster fällt Licht und der Boden ist in schickem Grau gehalten. Was nicht so gut ankam war der Stand der vegetarischen Imbisskette Gorilla. Gar kein Fleisch riecht den Menschen doch zu sehr nach Prenzlauer Berg. Im beschaulichen West-Kreuzberg will man sich nicht von der Style-Polizei vereinnahmen lassen und ließ die leckeren Salate liegen. Nach wenigen Monaten musste der etwas andere Imbiss schließen. Die Lehre von der Geschichte? Die Bewohner des Kiezes bleiben trotz des neuen schönen Scheins bodenständig und Essen ist ein wichtiges Thema auf der Bergmannstraße.

Essen hat hier Tradition

Auch das hat Tradition. Anfang des 19. Jahrhunderts hieß die Straße noch Weinbergsweg. Die Stadt Berlin endete damals noch am Halleschen Tor, alles andere war schon Umland. Am Tempelhofer Berg wurde Wein angebaut - erst in der Gründerzeit wurden die heute gut erhaltenen Altbauten rund um den Chamissoplatz angelegt. Das Gebiet war im Besitz der Familie Bergemann, die den Weinbergsweg ausbaute, der daraufhin 1837 nach Marie Luise Bergemann benannt wurde. An der neuen Bergmannstraße siedelten sich bald die ersten Ausflugslokale an. Wein und Gastronomie prägen die Gegend noch heute, allein auf der Bergmannstraße gibt es drei Weinhandlungen. Und im Sommer bilden die Tische, die vor den zwei bis drei Dutzend Lokalitäten zwischen Mehringdamm und Marheinekeplatz stehen, eine einzige riesige Mittagstafel.

Die Reiseführer griffen die Vielfalt an Restaurants, Imbissen und Second Hand-Läden auf, die die Bergmannstraße in den letzten Jahrzehnten geprägt haben. Die Gastronomie strahlte Internationalität aus, die vielen Trödelläden standen für das Alternative und Improvisierte des Viertels. Die Straße entsprach ziemlich genau dem Bild, das der West-Deutsche vor der Wende mit West-Berlin verband – heute sehen manche die Gefahr, dass ein Klischee daraus wird. "Fressmeile“ oder "Ku’damm Kreuzbergs“ wird die Bergmannstraße von denen genannt, die ihre Entwicklung beklagen. Es ist natürlich wahr: Früher gab es mehr Trödler und orientalische Imbisse, und mehr Cafés, die aussahen wie das Turandot, das noch immer von Menschen mit Lederjacken und Tabaksbeuteln dominiert wird.

Heute sind die Cafés mit Coffee-to-Go und W-Lan in der Überzahl. Sie liegen neben asiatischen Schnellrestaurants mit karger Zen-Möblierung und hippen Läden für Umhängetaschen und bedruckten T-Shirts. Außerdem gibt es ein großes neues Gesundheitszentrum mit Kaiser’s Supermarkt, der bis Mitternacht geöffnet hat. Zur Entwicklung passt, dass sich große Immobilienfirmen im Kiez eingekauft haben und die Mieten auf 9 Euro pro Quadratmeter gestiegen sind. In der Bergmannstraße ist es auf einmal ganz schön 'mittig‘.

Die Wohlfühl-Mischung

Das Einzugsgebiet reicht jedoch an manchen Stellen kaum vierzig Meter. Vielen Ladeninhabernin den Seitenstraßen geht es finanziell schlecht. Kommerzialisierung und Wandel sind zwar nicht von der Hand zu weisen, doch die Beschwerden darüber gehören ein wenig zur Kategorie "Folklore“. Selbst in die kritischen Worte der Bergmannstraßen-Originale mischt sich verstecktes Lob: der Kiez habe das Unverwechselbare trotz der neuen glänzenden Oberflächen behalten, gibt man zu.

Die Bergmannstraße bleibt die Kreuzberger Wohlfühlroute. Seit vielen Jahren hat sich dort eine Bevölkerungsmischung gebildet, die stimmig ist. Im schönen Kiez um den Chamissoplatz, der schon als Filmkulisse für Rudolf Thome und Jodie Foster diente, wohnen noch immer viele Bildungsbürger, in den Straßen nördlich der Bergmannstraße viele Berliner mit ausländischem Pass, die immer mehr eigene Läden eröffnen. Das lebhafte Treiben im westlichen Teil der Straße wird durch die Ruhe auf dem verwunschenen Oststück ausgeglichen, das seit 2008 offiziell Fahrradstraße ist. In der Mitte liegt der Marheinekeplatz mit dem Charakter eines Dorfplatzes.

Trotz des Friedens soll ein Ladenbesitzer im Kiez wiederholt von Jugendbanden überfallen worden sein. Auf Nachfrage sagt er: "Jahre her, außerdem waren die Jungs gar nicht von hier. Nee, nee, hier beißt keener mehr.“

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Quelle: Der Tagesspiegel
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