• Samstag, 05. Oktober 2013

Flüchtlingscamp am Oranienplatz

Verloren in Kreuzberg

  • Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz in Kreuzberg.
    Das Flüchtlingscamp am Oranienplatz in Kreuzberg. Foto: Der Tagesspiegel - ©Thilo Rückeis

Oranienplatz - Hunger, offene Rechnungen, Frustration: Die Situation des Flüchtlingscamps in Kreuzberg ist viel dramatischer als bislang bekannt.

Es sind mehrere Blätter Papier, die an diesem Nachmittag auf dem Oranienplatz von einer Hand in die nächste wandern. Besonders eines hinterlässt bestürzte Gesichter: 6100 Euro steht drauf, so hoch sind die Stromschulden, September noch gar nicht eingerechnet. Wenn das nicht bezahlt wird, brauchen sie sich um alles andere gar keine Sorgen mehr zu machen, sagt Taina Gärtner. Dann gibt’s hier sowieso eine Katastrophe.

Eigentlich wollte sie längst geduscht haben, nicht mal zum Zähneputzen hat es bislang gereicht, ständig klingelt ihr Telefon, ständig taucht ein neues Problem auf. Taina Gärtner ist eine der wenigen deutschen Unterstützer, die dem Camp und seinen rund 150 Bewohnern geblieben sind. Seit Juli lebt sie selbst in einem der Zelte, mit 20 Flüchtlingen auf halb so vielen Matratzen. Manchmal schlafen sie schichtweise, weil nicht genug Platz ist.

Erster Jahrestag der Platzbesetzung

Diesen Sonntag wollen sie ein Fest feiern, es ist der erste Jahrestag der Platzbesetzung. Es wird ein betrübtes Fest werden: Die kämpferische Stimmung der Anfangszeit ist Frustration gewichen. Und Hunger. Es gibt kein Geld mehr, um Essen zu kaufen. Im Laufe des Jahres hat nicht nur das öffentliche Interesse, sondern auch die Spendenbereitschaft stark nachgelassen. Vorne im Infozelt an der Oranienstraße steht eine metallene Box für Passanten. An guten Tagen kommen hier zehn Euro zusammen, 100 Euro sind nötig, um für das ganze Camp eine warme Mahlzeit zu organisieren. Die zweite Einnahmequelle ist das Sammeln von Pfandflaschen. Bis August wurde das Camp mehrfach die Woche von der „Berliner Tafel“ versorgt, die Lieferungen wurden eingestellt. "Aus organisatorischen Gründen", heißt es offiziell. "Was wir dringend brauchen, ist Reis", sagt Gärtner. Und zwar in großen Mengen. Dazu Öl und Tomaten.

Als Zeichen des Widerstands war das Zeltlager auf dem Oranienplatz gedacht. Als unübersehbare Forderung, dass sich die deutsche Flüchtlingspolitik ändern muss. Bis dies geschehe, wollten die Bewohner bleiben.

Davon ist längst keine Rede mehr. Wer in diesen Tagen Zeit im Camp verbringt, begreift schnell, dass die Kräfte der Bewohner aufgezehrt sind. Keinesfalls wollen sie einen weiteren Winter auf dem Platz verbringen. Anfang der Woche hat die Senatsverwaltung für Soziales signalisiert, nach einer Unterbringung zu suchen. Allerdings nur, wenn das Camp vollständig aufgelöst werde und die Bewohner mittelfristig in jene Bundesländer zurückkehren, aus denen sie im Herbst vergangenen Jahres kamen, um für die Abschaffung der sogenannten Residenzpflicht zu demonstrieren – also die Pflicht jedes Asylbewerbers, sich während seines Verfahrens nur an behördlich festgelegten Orten aufzuhalten.

Lethargie der Campbewohner

Neue Flüchtlings-Notunterkunft

Willkommen in (unserer) Mitte

Mitte
Diese Forderung wird nicht zu erfüllen sein. Denn was der Senat bis heute ignoriert: Viele Gründer des Camps sind weitergezogen, haben ihren Protest in andere Städte getragen. Die meisten Flüchtlinge, die heute auf dem Oranienplatz ausharren, verstoßen gegen keine deutsche Residenzpflicht – weil sie hierzulande gar kein Asyl beantragen dürfen. Folglich gibt es keine Heime in anderen Bundesländern, in die sie zurückkehren könnten.

Es sind Menschen wie Ahmed, Dicksen oder John, und sie alle besitzen eine kleine Plastikkarte mit ihrem Namen und Passfoto drauf. Die italienische Regierung hat sie ausgestellt. Bei den meisten Bewohnern des Oranienplatzcamps handelt es sich um sogenannte Lampedusa-Flüchtlinge, und ihre Geschichten klingen sehr ähnlich: Sie kommen aus zentralafrikanischen Staaten, haben lange in Libyen als Handwerker oder Elektriker gearbeitet, bis 2011 der Bürgerkrieg ausbrach und Muammar al Gaddafi mit Nato-Hilfe von Rebellen gestürzt wurde. Ahmed, Dicksen und John flohen auf Booten übers Mittelmeer nach Italien, und weil das Land sich überfordert sah, griff der damalige Ministerpräsident Silvio Berlusconi zu einem Trick: 70 000 Flüchtlinge bekamen befristete, für den gesamten Schengen-Raum gültige Visa und wurden gedrängt, auf eigenes Glück in ein anderes Land weiterzureisen. Mehrere tausend davon, schätzen Menschenrechtler, sind bereits gestorben. Ein paar hundert haben es nach Berlin geschafft.

Auch dies erklärt die Lethargie der Campbewohner am Oranienplatz: Selbst wenn doch noch ein Wunder geschähe und Deutschlands Politiker die Residenzpflicht der Asylbewerber abschafften und deren Unterbringung deutlich verbesserten – die Lampedusa-Flüchtlinge in Kreuzberg würden davon kein bisschen profitieren, weil sie hier kein Asyl beantragen können.

Adresse

Oranienplatz
Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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