• Donnerstag, 07. Juni 2012

Vergessene Orte

Der Brennpunkt beim Potsdamer Platz

  • Köthener Straße
    Der Hof des Gebäudes in der Köthener Straße ist nach der Gewalttat von Sonntagnacht demoliert. Der Rest des Viertels ist ähnlich trostlos. Foto: dapd - ©Clemens Bilan

Nachdem Orhan S. seine Frau auf brutale Weise umbrachte, steht die Gegend um die Köthener Straße im Mittelpunkt des Interesses. Lange war der Kreuzberger Kiez unbeachtet geblieben. Nun wird der soziale Abstieg der Häuserblocks zwischen Hafenplatz und Askanischem Platz offenkundig.

Der Potsdamer Platz pulsiert mit den vorbeifahrenden Luxusautos, den Schritten von Umsteigern, Managern und Urlaubern, die die luxuriösen Hochhäuser und Einkaufstempel bestaunen. Nicht weit davon, in östlicher Richtung, finden sich Kreuzberger Sozialbauten. Das Viertel zwischen Askanischem Platz und Hafenplatz war lange ruhig und eher abgelegen vom Trubel des Prestigeplatzes. In jenem Viertel kam es in der Köthener Straße zu der Bluttat, die Orhan S. in der Nacht zu Montag an seiner Frau verübte. Aus diesem Grund gab es hier keine Schnappschüsse wie am Potsdamer Platz, sondern die Presse lichtete das Treppenhaus ab, in dem der Hausmeister gerade mit seinem Mopp durchging.

Im Innenhof erinnern Blumen, die Bewohner des Hauses hinterlassen haben, an die Frau, die von Ihrem Mann und dem Vater ihrer sechs Kinder ermordet wurde. Der Geruch des Fahrstuhls ist unangenehm. Die Hausverwaltung wird anscheinend schon länger nicht mehr dem Dreck der Mieter Herr. Der Hausmeister, um die fünfzig, klagt: "Ob ich sauber mache oder nicht interessiert die Leute hier nicht." Der Mann möchte einfach nur seine Arbeit gewissenhaft erledigen. "Neulich hat einer direkt vor mir eine Zigarette im Treppenhaus auf den Boden geschmissen."

Langsamer Abstieg einer "netten Gegend"

Die meisten Anwohner der zwangsverwalteten Köthener Straße 37a sollen unauffällig, wenn nicht sogar gleichgültig, nebeneinander wohnen, erzählen Nachbarn. Viele beziehen die Miete vom Staat, eine große Zahl kommt nicht aus Berlin. Man bleibt für sich. Unter den Bewohnern stach Orhan S. unangenehm hervor. "Der war ein Pascha, immer breitbeinig, immer von oben herab, immer in der Mitte der Treppe", sagt ein Anwohner. "Ich bin mal mit ihm aneinandergeraten, der ist aggressiv."

Bis vor kurzem hatte noch Öczan Mutlu, Abgeordneter der Grünen, nur ein paar Häuser weiter gewohnt. "An sich eine nette Gegend, allerdings hat sie sich entmischt", meint Mutlu. Etwas besser verdienende Familien seien weggezogen. Selbst einkommensschwächere Mieter drohten schon, bald abzuwandern, berichtet Mutlu. Ein Finanzinvestor habe wegen der zentralen Lage schon ein Auge auf die Häuser. Für ihn dürften wohl liquide Bewohner das Zielpublikum sein.

Auch die Statistik sagt nichts Gutes

Trotz der Nähe zum Potsdamer Platz zählen die Häuser in dessen Schatten, zwischen Askanischem Platz und Hafenplatz, zum sozialstrukturell schwächsten Viertel der Stadt. Als der Senat seinen Entwicklungsindex herausgab, erhielt der 6200 Personen starke Kiez die Zuordnung vier, während der Potsdamer Platz selbst, der in Mitte situiert ist, die Stufe zwei bekam. Bei der Stufe vier ist im Vergleich zu Gegenden mit der Stufe eins, wie Pankow oder Charlottenburg, die Arbeitslosenrate mindestens dreimal so hoch. So beziehen in dem Kiez, in dem auch die Köthener Straße liegt, rund die Hälfte der Menschen Hilfe vom Amt. Von den Kindern des Viertels wachsen fast siebzig Prozent in einem Haushalt, der nur durch Hartz IV finanziert wird, auf. "Gerade in diesem Block bekommt fast jeder irgendeine Hilfe vom Staat", berichtet ein Nachbar von Orhan S.

Wenn man weiter gen Süden geht, trifft man auf den grauen Bau des Studentenwohnheims. Doch selbst direkt am Hafenplatz ist vom Leben am Potsdamer Platz wenig zu spüren. Ob im Hof oder auf der Straße – man trifft am Diensttagnachmittag niemanden an. Die verhangenen Fenster und das triste Äußere geben keinen Hinweis darauf, dass hier früher im innerstädtischen Hafen die Schiffe andockten, die über den Landwehrkanal schipperten. Der Kanal wurde um 200 Meter versetzt und der Hafen zugeschüttet. Das ist bereits 50 Jahre her. Am Dienstag konnte der Tagesspiegel den zuständigen Bezirksbürgermeister Franz Schulz nicht für einen Kommentar erreichen. Jedoch hatte dieser bereits letztes Jahr die Lage des Kiezes zwischen Hafenplatz und Askanischem Platz nicht heruntergespielt: Die Bildungsabschlüsse wären niedrig und dementsprechend die Arbeitslosigkeit hoch.

Etwas Schönes hat es doch

Dabei kann man nicht sagen, dass die Köthener Straße nicht auch für Gutes bekannt wäre. Musikliebhabern dürfte die Straße wegen der berühmten Hansa-Studios bekannt sein. Diese liegen im Aufgang neben dem Tatort. David Bowies berühmte Berlin-Trilogie entstand hier in den Siebzigerjahren. Daraufhin wählten auch andere Musikgrößen wie Falco, U2 oder Depeche Mode die Studios für ihre Aufnahmen. Jetzt gibt es im Erdgeschoss des Hauses eine Pizzeria, in der Banker verkehren. Am Dienstag steht eine junge Frau aus Vermont davor. Die Kanadierin macht sich Notizen zur Musikgeschichte der Stelle. Dem Eingang nebenan – mit seinen Blumen im Hof und dem rastlosen Hausmeister im Treppenhaus - schenkt sie keine Beachtung.

Adresse

Köthener Straße
10963 Berlin

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Quelle: Der Tagesspiegel
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