• Freitag, 07. Juli 2017
  • von Yuki Schubert

Durch den Kiez in Kreuzberg

Timo Jacobs: "Du kannst 24h, musst aber nicht!"

  • Mann in Jeansjacke steht vor Holzwand in Kreuzberg
    Timo Jacobs ganz lässig vorm Chalet in Kreuzberg. Wenn er feiern geht, dann aber lieber in einer Bar mit gitarrenlastiger Musik. Foto: QIEZ - ©Ralph Penno

Die Friese sitzt, die Sonnenbrille ist lässig auf der Nase geparkt und der Mann kann Spagat! Wir haben dem Schauspieler und Regisseur Timo Jacobs einen Besuch in seiner Wahlheimat Wrangelkiez abgestattet. Komm mit auf Eis und Bootstour!

Zeitsprung: Vor gut zehn Jahren irgendwo auf der Oberbaumbrücke. Es liegt ein Pfeifen und Röcheln in der Luft – die Geräusche kommen von einem alten VW-Bus. Darin sitzt der Schauspieler Timo Jacobs mit seinen letzten Umzugskartons aus Hamburg. Er kuppelt aus, hofft auf das Beste und lässt den Wagen rollen. Mit ganz viel Glück ergattert Timo vor seiner neuen Haustür Nähe Schlesisches Tor noch einen Parkplatz. Kurz darauf ist dann Schluss – der Wagen gibt völlig den Geist auf.

Unterwegs mit Timo Jacobs im Wrangelkiez

Zurück im Hier und Jetzt: Wir treffen Timo an der U-Bahn-Station am Schlesi. Also alte Hood, allerdings bald mit neuem Gefährt: "Ich mache gerade meinen Motorradführerschein", erzählt uns das gebürtige Nordlicht. Der Schauspieler, der in der ZDF-Serie Der Kriminalist zu sehen ist, hat seinen zweiten, eigenen Film ins Kino gebracht. In Mann im Spagat – Pace, Cowboy, Pace ist er, wie er es selbst beschreibt in der Rolle des "beautiful Losers" zu sehen. Uns kommt es allerdings nicht mehr wie ein Zufall vor, dass die erste Szene des Films auf der Oberbaumbrücke spielt.

Wir biegen in die Wrangelstraße ein, hier machen wir einen Stopp im gemütlichen Café Baretto . Noch vor Kurzem hing auch hier noch ein Plakat von Timos jüngsten Werk. "Das Drehbuch habe ich gemeinsam mit meinem Kumpel Frederico Avino geschrieben. Er hat vor allem darauf geachtet, dass die Informationen gut verteilt werden innerhalb der Geschichte ." Diese dreht sich um die Hauptfigur Cowboy, "ein Macher, der gesehen werden und viel erreichen will. Die Figur ist aber mit Ironie zu verstehen und nimmt gerade Männer auf die Schippe, die sich ständig versuchen zu profilieren und eine Art Alphatiere sind", sagt Timo bei einem Cortado mit Mandelmilch.

Für Timo sind Irritation und Überraschung, die Zutaten für Spannung in "Mann im Spagat".©Ralph Penno Für Timo sind Irritation und Überraschung, die Zutaten für Spannung in "Mann im Spagat".©Ralph Penno

"In der Rolle steckt viel von mir drin. Ich stelle mir auch Fragen zu meinen Wünschen, Etappenzielen, zum Sinn des Lebens. Das verarbeite ich überspitzt auch in meinem Film." Dabei kommt es Timo nach eigener Aussage gar nicht nur auf Unterhaltung an, er versucht gesellschaftliche Phänomene auf eine komödiantische Art zu vermitteln. "Ich will Zuschauern keine Antworten geben. Nur die richtigen Fragen stellen."

Cowboy ist wie Dicker

Warum aber eigentlich Cowboy? Okay, Timo trägt Jeans, aber sonst finden wir zumindest auf den ersten Blick keinen Anhaltspunkt. "Der Regisseur Klaus Lemke hat alle Boys am Set immer Cowboy genannt, auch mich. Das ist so wie Dicker für ihn." Mit Lemke drehte er fünf Filme und der Spitzname blieb kleben.

Mann im Spagat ist mit seinen philosophischen Sinnbildern, die oftmals als Dialog genutzt werden, nicht unbedingt eine leichte Kost. Aber der Film ist nicht wie so oft im deutschen Film ein Abklatsch mit lahmen Charakteren. Vielmehr heizen Asphalthelden mit Neurosen durchs Bild. Es ist eine mit Herzblut vollgepackte Odyssee durch ein Berlin, das durch die Leichtigkeit seiner Lebenskünstler-Bewohner eher in südlichen Landen liegen könnte. Spießer und Andersdenker könnten sich in dieser Umgebung wohl die Hand geben. Ein bisschen fühlt man sich danach, als hätte man zu lange in ein Kaleidoskop geguckt, tausend verschiedene Formen und damit ebenso viele Auslegungsmöglichkeiten. Ein leichter Anflug von Schwindel schwingt mit, aber irgendwie mag man das auch.

Das Cast hat es übrigens in sich: Clemens Schick, Rolf Zacher, Meret Becker, Bonaparte und auch der Edeka-Mann Friedrich Liechtenstein sind am Start. An seine Darsteller kommt Timo insbesondere über private Kontakte. So hat er Clemens bei einem Fotoshooting kennengelernt. "Meret Becker wohnt auch hier im Kiez und ich habe schon zwei, drei Sachen mit ihr gedreht.“ Mit von der Partie ist auch Olli Schulz – mit ihm verbindet Timo bereits eine langjährige Freundschaft. "Olli kenne ich noch von früher vom Hamburger Berg und St. Pauli. Er war damals Roadie bei verschiedenen Bands. In Rosis Bar haben wir uns immer wieder getroffen, da hat er auch schon seine Witze erzählt.“

Herkunft: Tiefster Punkt Deutschlands

Mehr als zehn Jahre verbrachte Timo in Hamburg. Groß geworden ist er gut 50 Kilometer davon entfernt, und zwar in der Wilstermarsch, dem tiefsten Punkt Deutschlands. "Ganz idyllisch mit Baumhaus“, erinnert sich der ehemalige BMX-Profi. Als Teenie zog es ihn aber in die Stadt, Rock- Konzerte waren doch verlockender. Für die Anreise ging es schon mal mit dem frisierten Roller über die Autobahn. "Der wurde mir aber abgenommen. Hab dafür auch meine Strafe gemacht: Sozialstunden im Altersheim."

Im Wrangelkiez sind es mittlerweile gute 25 Grad. Mit Sonnenbrillen ausgestattet wollen wir nur eins: Eis ! Bei California Pops gönnt sich Timo ein Matchaeis mit dunkler Schokolade. Hier werden für die bunten und fruchtigen Eis am Stiel Kokosblütenzucker verwendet. "Der glykämische Wert (Zuckerindex) ist bei dieser Zuckerart am geringsten“, erklärt uns Timo. Wir können noch was lernen, schließlich hat der 1974 geborene Schauspieler Ernährungslehre studiert.

Die Auswahl ist riesig: Timo ist auf jeden Fall Fan von dunkler Schokolade. ©Ralph Penno Die Auswahl ist riesig: Timo ist auf jeden Fall Fan von dunkler Schokolade. ©Ralph Penno

So ein künstlerischer Beruf wie Schauspieler war lange gar kein Thema für ihn, denn seine Eltern arbeiteten als Lehrer und Erzieherin, so war ihm diese Welt eher fremd. "Meine Träume waren immer groß und ich habe mich auch alles Mögliche getraut, aber der Gedanke kam einfach gar nicht auf“, so Timo weiter. Es folgt eine Karriere als Hans Dampf in allen Gassen: DJ , Fahrradkurier , Kneipenjobs und wie schon gesagt BMX-Profi inklusive Contests in den Staaten. Für Tricks hat Timo heute leider die falschen Schuhe an.

Der Sport sorgte allerdings für den ersten Kontakt mit Kameras, denn er nahm die Kunststücke von den anderen Jungs auf Video auf. Aufträge für Werbespots waren dann das Sprungbrett in das Leben vor der Kamera. Die Schauspielerei sieht er wohl gerade wegen seiner vorherigen Jobs realistisch: "Es bedeutet auch gar nichts, wenn man mal eine Hauptrolle im Film hat, weil das unzählige andere Menschen auch schaffen."

Seine eigenen Filme spielen beide hauptsächlich in X-Berg. Das Beste an seinem Kiez: "Du kannst 24 Stunden, musst aber nicht.“ Zu seinen kulinarischen Lieblingen gehören Gudè Falafel oder Buddhas Kitchen . Hier bestellt er öfter das Kokos-Curry mit Tofu. Abends lässt er Clubs links liegen und geht lieber in die Kirk Bar wegen der guten Musik vom Plattenteller. Timo selbst besorgt sich seine Platten am liebsten bei Wowsville in der Ohlauer Straße. Dann kommen vor allem Genres wie Garage Rock, Rock’n’Roll oder auch mal Jazz oder Power-Pop in die Einkaufstüte .

Wer schon zehn Jahre in Kreuzberg lebt, bekommt die Veränderungen im Kiez deutlich mit. Timo zeigt auf das Ramones Museum in der Oberbaumstraße, "dort war früher ein Laden für Fahrradreparatur von einem Freund von mir drin. Da habe ich auch mein Rad hingebracht. Die Miete wurde aber so erhöht, dass er es sich nicht mehr leisten konnte.“ Timos Devise daher, möglichst viel in Kiezläden kaufen.

"Görli ist bisschen wie Riesen-Toilette"

Zum nahe gelegenen Görlitzer Park hat er auch eine klare Meinung: "Der Görli ist bisschen wie eine Riesen-Toilette.“ Gut, dann wissen wir schon, wo es gleich nicht hin geht. Am liebsten spaziert Timo am Wasser entlang, „wenn die Rübe zu dicht ist“, sagt er im schönsten Hamburger Dialekt. Also machen wir das und laufen vorbei am Lido : "Hier hat Olli Schultz mal gewohnt“, erzählt Timo im Vorbeigehen. Für einen etwas anderen Kinoabend ohne Hollywood und Popcorn empfiehlt er das auf dem Weg liegende The Hole und danach noch einen Absacker im Mysliwska .

Beim Freischwimmer angekommen entscheiden wir uns für eine kleine Tretboottour. Ein bisschen fühlen wir uns wie in Italien als wir unsere Runden fahren. Das Wasser ist nicht nur wegen Timos Herkunft sein Element, gerne testet er Puls steigernde Sportarten wie Windsurfen. Apropos Adrenalin: "Erst vor Kurzem hatte ich die Chance das Steuer in einem Flugzeug zu übernehmen."

Sonst sieht man Timo auch gerne im Kanu. Die letzte Aussfahrt fiel wegen Regen aus. ©Ralph Penno Sonst sieht man Timo auch gerne im Kanu. Die letzte Aussfahrt fiel wegen Regen aus. ©Ralph Penno

Es ist wohl kein Wunder bei so viel Drang nach Action, dass der Regisseur und Schauspieler überlegt hatte, sich von dem Geld für seinen ersten Streifen Klappe Cowboy! (2012) einen Sportwagen zu kaufen. "Aber das ist nur so materiell. Ich finde, so ein Film ist ja auch ein Werk, da habe ich dann abgewogen und bin zum Schluss gekommen, ein weiterer Film hat schon mehr Gehalt.“

Wir freuen uns sehr über die Entscheidung und verabschieden Timo wieder in seine Oase, so bezeichnet er selbst seine vier Wände im Kreuzberger Kiez.

Am 15. Juli wird Mann im Spagat mit anschließendem Regiegespräch mit Timo Jacobs im Kino Lichtblick gezeigt. Timos erstes Werk Klappe Cowboy! ist aktuell auf Netflix zu sehen.

California Pops

Falckensteinstraße 4
12307 Berlin

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Quelle: QIEZ
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