Die Kiezkünstlerin

Heimliche Porträts von Berliner Menschen

Heimliche Porträts von Berliner Menschen
Fesselndes Porträt einer Unbekannten.
Die Künstlerin Paula Marie fertigt farbenfrohe, ausdrucksstarke Porträts von fremden Menschen an, die sie in Berlin sieht – in der U-Bahn, im Café oder im Club. Ihre Zeichnungen entstehen auf Notenbüchern oder in Kinderromanen, anschauen kannst du sie unter anderem auf Instagram.

Als wir Paula Marie bei unserem Interviewtermin entdecken, tut sie es schon wieder: Sie zeichnet heimlich einen Fremden. Genau daraus besteht die Kunst der 23-Jährigen. Wir erkennen die junge Frau sofort, obwohl wir nicht wissen, wie sie aussieht. Völlig vertieft sitzt sie da, zeichnet in ihr Büchlein und hat farbige, vollgekleckste Fingerspitzen. Paula Marie ist ungeschminkt, trägt einen orangen Turban und links einen Ohrring mit dem Umriss einer Frau. Auf Instagram heißt die Künstlerin einfach nur art_paula_marie, ihre Leinwand sind alte Bücher und Notenhefte, die sie auf der Straße oder in Bücherboxen findet. In diese Bücher zeichnet sie fremde Leute, die sie im Alltag sieht – im Café oder auch in der U-Bahn. Warum sie das tut? „Wenn ich nicht male, kribbelt es mir in den Fingern“, sagt sie. Dabei zeichnet Paula nicht, um etwas Ästhetisches zu erschaffen, sondern einfach, um abzuschalten. „Das Zeichnen ist eine Art inneres Feuer und gleichzeitig Meditation. Ich mache mir keine Gedanken darüber, ob das Bild gut aussieht, es strömt einfach aus mir heraus“, erklärt die junge Künstlerin.

Ihre Bilder zeichnet sie mit besonderen Stiften, in denen Tinte und Wasser gemixt wird und die so richtig schön klecksen. Derzeit beschäftigt sie sich viel mit Street Art und verziert auch ab und zu Hauswände in Berlin mit ihrer Kunst. Sie malt seit ihrer Kindheit, aber eine Zeichenschule hat sie bisher nicht besucht. Das können wir angesichts der wunderschönen Porträts kaum glauben. Doch die Branche ist hart, die Konkurrenz groß. Eine Absage nach der anderen bekam sie, ob für Illustrationsdesign oder Bühnenbild-/malerei. Eine schwere Zeit für Paula Marie, die lange mit ihrem Berufswunsch haderte. Ein Wendepunkt in ihrem Leben wurde jedoch ein spontaner Urlaub in Australien mit One-Way-Ticket, der sich schließlich zu einem zweijährigen Aufenthalt entwickelte.

Dort merkte Paula Marie auch, wie stark sie eigentlich ist und dass sie von ihrer Kunst durchaus leben kann. „Ich habe dort eine Art Urvertrauen in mich bekommen“, sagt die Künstlerin. In Down Under lebte sie in ihrem Auto, verkaufte ihre Bilder auf Märkten, bemalte Surfboards und hatte sogar zwei eigene Ausstellungen. Als dann das Visum abgelaufen war, kehrte sie wieder nach Deutschland zurück und landete durch Zufall in Berlin. Die Stadt zog sie sofort in ihren Bann, sodass sie hier blieb – erst mal in einer chaotischen WG mit einem eigenen Zimmer für Vögel, die ihre Mitbewohner aus Zoohandlungen befreit hatten.

Die Künstlerin steht im Park und zeigt ihr gerade eben gezeichnetes Bild vor sich.

Dieses Bild hat Paula Marie gerade in zehn Minuten von mir gezeichnet.

Vielleicht bist du auch schon ein Kunstwerk

Ohne ihren Bauchgürtel mit Farben geht Paula Marie nicht aus dem Haus – sogar zum Feiern in die Clubs nimmt sie ein kleines Notizbuch mit und zeichnet ihre Umgebung. „Ich bin inspirierter, wenn ich unter Menschen bin. Sogar während eines Gesprächs male ich manchmal. Manche finden das unhöflich“, so die Künstlerin, die ihr Atelier im Wedding hat, wo sie auch wohnt. Dort ist sie jedoch selten anzutreffen – sie ist lieber in der Stadt unterwegs und zeichnet. „Ich male auf der Straße, weil ich immer auf der Suche nach Abenteuern bin“, sagt sie. „Ich bin aber geschockt davon, wie ignorant und anonym man in Berlin miteinander umgeht. Und wenn ich Elend auf den Straßen sehe, tut mir das jedes Mal im Herzen weh.“ Oft ist sie auch am Wochenende im Mauerpark und zeichnet auf Anfrage Porträts der Besucher, aber auch in ihrem Atelier bearbeitet sie Aufträge.

Für ihr U-Bahn-Projekt fuhr sie zwei Wochen lang täglich biszu zehn Stunden am Tag mit der Berliner U-Bahn und fertigte in zwei, drei Minuten Skizzen an von besonders traurigen oder missgelaunten Menschen. Die Energie für dieses anstrengende Projekt zog sie aus einer Nahtoderfahrung, die sie drei Monate zuvor gemacht hatte, als sie in allerletzter Sekunde mit hohem Fieber ins Krankenhaus eingeliefert wurde. „Ich möchte jede Minute meines Lebens nur noch mit Dingen verbringen, die ich liebe. Meine große Leidenschaft ist die Kunst“, sagt Paula Marie ernst. Manchmal zeigte sie den Menschen in der U-Bahn ihre Porträts und wenn diese selbst über ihr grimmiges Gesicht lachen konnten, bekamen sie das kleine Kunstwerk mit Widmung geschenkt.

Ein neuer Zugang zur Welt

Durch das Beobachten und Gespräche macht Paula Marie viele neue, wertvolle Lebenserfahrungen, hört Geschichten und lernt die Stadt besser kennen. Das führt zu ganz unerwarteten Begegnungen: Einmal saß ein bettelnder Mann eine halbe Stunde mit ihr am Tisch, ließ sich zeichnen und erzählte von seinem Leben. „Ich bin auf der Suche nach Wahrheit, egal wie hässlich sie ist“, sagt die junge Frau. Ein ganz besonderes Erlebnis machte sie, als sie eines Tages eine Obdachlose zeichnete, die am Eingang eines Discounters ihr gegenüber die Obdachlosenzeitung Motz verkaufte. Als die Frau es bemerkte, wurde sie verlegen und schämte sich. Doch als Paula Marie ihr das Bild zeigte, brach die Rumänin in Tränen aus: Die Decke auf der die Obdachlose saß, verwandelte sich auf dem Bild in ein wallendes, rotes Kleid, das sie umhüllte.

Unser Interview endet damit, dass Paula Marie ein Porträt von mir zeichnet und mich ermutigt, eines von ihr zu malen. Und zwar ein sogenanntes One Liner, für das man den Stift niemals absetzen darf – man zeichnet in einem Strich durch. Gar nicht so einfach, aber die Wahl-Berlinerin ist darin ja schon Expertin. Dafür zeigt sie mir ein paar Tricks und verrät auch gleich noch das richtige Mindset dazu. „Denk nicht darüber nach, ob das Bild gut wird, das ist total unwichtig. Zeichne einfach was du siehst“, erklärt sie mir.

Überhaupt sagt sie so schöne Sätze wie „Unsere Gesellschaft ist wie eine Bibliothek voller Bücher, jedes Buch hat seine eigene Geschichte und seine eigenen Kapitel, genau so wie die Menschen“, die wir sofort aufschreiben und übers Bett pinnen wollen. Paula Marie ist schon dort, wo viele ihr ganzes Leben lang nicht hinkommen: Sie glaubt an sich, sie weiß, was ihre Bestimmung ist und lebt sie auch. Diese Frau besitzt ein inneres Leuchten, das ansteckend ist. Sie hat für ihr Alter schon viel erlebt und die wichtigste Lektion davon ist: „Wenn du an dich glaubst und positiv bleibst, passieren unglaubliche Sachen“, davon ist sie überzeugt.

 

Paula Maries Werke kannst du im Webshop kaufen, der allerdings gerade überarbeitet wird oder sie einfach über Instagram kontaktieren. Zukünftig dürfen wir von Paula Marie jeden Monat ein Berliner Porträt auf unserem QIEZ-Instagram Kanal zeigen. 

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