Mauerbau für Kunstprojekt

Keine Angst vor Kunst: Warum DAU sein müsste!

Keine Angst vor Kunst: Warum DAU sein müsste!
Es wirkte, als würde die Presse spontan informiert, um die Genehmigungen für DAU nicht zu gefährden...
Was sagt es über uns aus, wenn ein Kunstprojekt die Stadt in Aufruhr versetzt, noch ehe es umgesetzt wird? Meinungen schießen über uns hinweg und wir wären gern hingegangen, um zu erleben, was DAU bezweckt. Jetzt steht fest: Es darf nicht nach Berlin kommen. Warum wir das bedauern.

Im Oktober und November 2018 wird es nichts mit DAU in Berlin, das bestätigte Berlins Verkehrssenatorin Regine Günther am 21. September gegenüber dem Tagesspiegel. Doch schon lange vor der Absage wurde heftig diskutiert, ob so etwas überhaupt sein darf: ein Mauerbau, ein heikles Spiel, Manipulation von Menschen, eine Rechnung mit zu vielen Unbekannten… Das Projekt, das als Filmdreh über den russischen Atomphysiker Lev Landau, daher der Projektname Dau, begann und sich zu einem gigantischen Sozialexperiment entwickelte, lässt sich in keine Schublade einordnen. Alles daran ist Provokation. Schon allein die Tatsache, dass niemand absehen kann, was uns rund um das Kronprinzenpalais im November 2018 erwartet hätte, bereitete vielen Sorgen. Unberechenbarkeit macht Angst. Es wäre zu neu. Ja, und das einzige, was allen klar ist: Es wäre keine gefällige Kunst, die der russische Regisseur Ilya Khrzhanovsky nach Berlin bringen will. Und dass der Bezirk Mitte keine Baugenehmigung für die Mauer in Mitte erteilt hat. „Es hat nichts mit mangelndem Mut zu tun, sondern mit Vorsicht und Umsicht“, erklärt Günther gegenüber dem Tagesspiegel. Wenn die Vorbereitung stimmt und der Senat alle Sicherheitsmaßnahmen absegnet, könnte das Projekt also 2019 vielleicht doch noch nach Berlin kommen.

Dreharbeiten zu DAU

DAU unterlag seit 2006 der Geheimhaltung. Beinahe unbemerkt fanden also die Dreharbeiten in der Ukraine statt. In Charkiw hatten die Filmemacher das Moskauer Institut nachgebaut, an dem Landau von 1937 bis 1962 gearbeitet hatte. Aufgrund der fast realen Bedingungen verabschiedete man sich vom Drehbuch und ließ das Leben geschehen. Über drei Jahre – von 2009 bis 2011 – begaben sich laut der Macher gut „400 Menschen auf eine Zeitreise in die Sowjetunion“: Vor der Kamera spielten sich Dramen ab, es wurde geliebt und gelacht, gestritten, betrogen und verraten, man bekam sogar Kinder. Zu den Darstellern zählten Nobelpreisträger, einfache Arbeiter, Familien, Künstler und  Verbrecher. Die 700 Stunden Material werden immer noch geschnitten: 13 Spielfilme und mehreren Serien entstehen. Und gerade weil diese künstlerische Arbeit so komplex ist und in die Realität hineinragt, möchte man die Ergebnisse nicht einfach ins Kino oder Fernsehen bringen. Eigentlich ist das nur konsequent: Die Zuschauer sollen nachempfinden können, was in Charkiw geschehen ist. Das klingt nach Kontrollverlust, also noch ein Grund zur Sorge..?

Konfuse Argumente

So weit, so gut. Es wäre wundervoll gewesen, wenn es den Machern gelungen wäre, bis zum Mauerbau rund um das Areal des Kronprinzenpalais nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Doch weil die Berliner Festspiele die Anträge für sämtliche Genehmigungen stellen mussten, platzte die Bombe und hinterließ das weite Feld der harten Kritik. Und natürlich lassen sich ausreichend Merkwürdigkeiten finden, über die man sich aufregen kann: Was hat der Moskauer Geheimdienst mit den Werten der französischen Revolution zu tun? Denn Berlin sollte anlässlich der DAU-Premiere Freiheit, Paris die Gleichheit und London Brüderlichkeit feiern: Warum war die Welturaufführung von DAU ausgerechnet in diesen drei europäischen Metropolen geplant? Wieso wird das Areal bloß durch den Nachbau der Berliner Mauer eingegrenzt? Von Disneyisierung der DDR ist die Rede, von verletzten Gefühlen, von einer banalen Provokation auf Kosten der Opfer totalitärer Regimes. Aber ganz ehrlich: Kataloge, Programmhefte und Pressemitteilungen sind seit Jahrhunderten voll von Unstimmigkeiten, um Kunst zu erklären, die sich nicht in Worte fassen lässt. Ob hier Genies oder Wahnsinnige am Werk sind, sollte jeder selbst herausfinden, indem er sich darauf einlässt. Bis dahin bleiben alle Sinnfragen offen.

Prominente Unterstützung

Hinter DAU stehen nicht nur die Filmemacher rund um Ilja Khrzhanovsky und Produzentin Susanne Marian, sondern wie erwähnt die Berliner Festspiele, das Medienboard Berlin-Brandenburg, X-Filme und Nina Pohl, als Leiterin der Spielstätte Schinkelpavillon. Sie alle zeigen sich begeistert von der Idee, das Experiment in Berlin fortzuführen. Tom Tykwer gesteht, er sei angesichts der Vision „liebevoll vor Neid erstarrt“, Nina Pohl freut sich darüber, dass DAU nichts mit der „langweiligen und weichgespülten Kunst“ von heute gemein habe und Kirsten Niehuus schwärmt vom Set-Besuch als „phantastisches Erlebnis“. Kameramann Jürgen Jürges, der schon mit Fassbinder, Wenders und Haneke gedreht hat, erklärt, dass er glücklich war, dem Mist entkommen zu können, der hierzulande zu oft gedreht werde. Wenn also diese Menschen, die seit Jahrzehnten erfolgreich im Film- und Kunstgeschäft sind, sich von dem Irrsinn mitreißen lassen, macht uns das in jedem Fall neugierig!

Zufall als Konzept

Was DAU sein wird, wenn es denn irgendwann doch nach Berlin kommen darf, bleibt offen. Klar ist, dass kein Kostümklamauk stattfinden wird, dass es nichts mit Big Brother zu tun hat, es soll auch nicht die DDR nachgebaut oder ein Filmkulissenwunderland errichtet werden. Die Mauer, einst als Schutzwall des Idealstaats vor den Faschisten erbaut, soll uns den Freiheitsverlust auf moderne Weise vermitteln: kein Handy, kein W-Lan, keine Ablenkung. Jeder Besucher wird sich selbst ausgeliefert sein und seinem persönlichen Device folgen, das man zusammen mit seinem Visum (statt Ticket) erhält. Aussuchen darf sich also kein Besucher, zu welcher Performance, Aufführung, Gespräch oder Konferenz er geht. Der Computer und das Schicksal bestimmen. Frust ist vorprogrammiert, aber auch das ist Teil des Konzepts. Es stimmt, dass nichts hier zu Ende gedacht scheint, doch der Zufall hat ja schon so manches Werk zu einem Meisterstück geadelt. Hab keine Angst.

Infos zum Projekt findest du auch auf DAU.xxx.

Kronprinzenpalais, Unter den Linden 2-3, 10117 Berlin

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