Kunstbaracken in Marzahn

Utopisches Ödland

Utopisches Ödland
Alle paar Meter entdeckt man neue, manchmal bizarre Stahlformationen. Menschen, Tiere, Zwischenwesen, Kunst. Zur Foto-Galerie
Springpfuhl - Im April hat die Sanierung der Alten Börse begonnen, schon jetzt werkeln Künstler fast rund um die Uhr auf dem Gelände. Funktionstüchtig, für bürgerliche Vereine und Gruppen attraktiv soll das Ödland im Industriegebiet werden und gleichzeitig die anarchisch unaufgeräumte Atmosphäre beibehalten. Wer hätte das gedacht, die Kunstbaracken sind das heißeste Eisen der Region. Impressionen in Worten und Bildern ...

Rostige Arme strecken sich hin zu bröckelnden Backsteinhäusern. Stahlkolosse warten im Staub, vereinzelt wachsen robuste Pflanzen zwischen ihnen. Bis auf Augenhöhe ergibt sich ein Bild aus Erdtönen; beige Häuserfassaden, rostfarbene Skulpturen, braune Baumstümpfe, Holzlatten, Steine, Kiesberge. Dann stählerne Finger, die nach oben zeigen, vom Rost zerklüftete Gesichter, die in den blauen Himmel blicken. Man beginnt zu ahnen, wie frei man sich in den Kunstbaracken fühlen kann.

Zwanzig Künstlergruppen, vielleicht dreißig Menschen, haben sich hier in der Industriebrache Marzahns niedergelassen und die Rostfiguren der Kunstschaffenden vom Tacheles sind nur die offensichtlichsten Blickfänger. Nachdem das Künstlerhaus in der Oranienburger Straße geräumt wurde, hat das Tacheles hier in Springpfuhl ein beeindruckendes Comeback hingelegt. Der berühmte Stier von Hüseyin Arda und auch seine gigantischen Buchstaben finden hier Raum zum Atmen. Im Niemandsland entfalten sie ihre volle Imposanz. Ihre fleckige Oberfläche passt sich perfekt in die Umgebung ein, alles wirkt staubig, verlassen, brach – und trotzdem knistert die Luft vor Energie. Auf dem 32.000 Quadratmeter großen Gelände könnte man einen neuen Mad-Max-Streifen drehen, so postapokalyptisch sieht es aus. Dabei ist die einzige Apokalypse die Vertreibung vieler Kunstschaffenden aus der Innenstadt gewesen. Was hier in Marzahn dagegen erwacht, ist Utopia.

Das kreative Potential der Alten Börse

Große Pläne warten darauf, aus den Häuserritzen gekratzt zu werden. Im Hintergrund hört man ein paar Bauarbeiter, in der Zufahrt steht ein Bagger. Und auf dem großen kiesigen Platz, wo später einmal Floh- und Wochenmärkte stattfinden sollen, ist jetzt schon das Schweißgerät angeschmissen. Dort steht an einigen Tischen im Freien eine Frau mit Schweißerbrille vor den Augen an einem riesigen Amboss. Sie ist keine Bauarbeiterin, sondern tüftelt am nächsten Kunstwerk. Wenige Meter weiter sitzen eine Frau und ein Mann im urbanen Garten, zwischen den Gemüsekästen und einem zum Geräteschuppen umfunktionierten Frachtcontainer. Auch eine Keramikwerkstatt wird bereits genutzt. Irgendwo auf dem Gelände gibt es noch zwei malende Brüder und einen Cembalo-Bauer.

Nicht nur der Verleger Peter Kenzelmann, Initiator für die Idee Kunstbaracken GmbH, hat den Charme und das kreative Potenzial der Alten Börse erkannt. Der freiheitliche Flecken in Marzahn zieht Kunstschaffende nahezu magisch an. Doch selbst bei diesem randregionalen Mekka soll es nicht bleiben, die Mundpropaganda vom utopischen Ort kann sich in die Ohren jedweder Bevölkerungsschicht legen, wenn es nach den Betreibern geht. Tatsächlich ist das Gelände so riesig und die Menge an Zimmern so groß, dass keinesfalls nur eine kleine elitäre Künstlerinsel im Begriff ist zu entstehen.

Von Abschlussfeier bis Yoga – alles findet Platz

In Zukunft sollen hier Yogalehrer ihre Bhakti-Übungen vormachen, Musiker Konzerte geben, Vereine ihre Sitzungen abhalten. Dann werden ein Restaurant und ein Café das Industriegebiet kulinarisch versorgen können und eine Brauerei selbstgebrautes Bier anbieten. Ist der große Saal der Alten Börse erst einmal saniert, werden dort hunderte Leute Platz finden. Man stelle sich hier nur mal eine Abschlussfeier der Geschwister-Scholl-Oberschüler vor. Oder Braut und Bräutigam, wenn sie zwischen den verfallenden Stahlfiguren entlangschreiten. Einmal da gewesen, braucht es nur wenig Fantasie, um sich so eine großartige Prekär-Ästhetik vorzustellen, denn sehr viel an Ödland-Aufhübschung haben die Leute der Kunstbaracken schon geleistet.

Noch können zahlreiche der leerstehenden Räume und Gebäude angemietet werden. Und auch für mittellose Künstler ist noch Platz. Wer einfach nur den Schweißern beim Schweißen zusehen und mit den Fingern entlang der sandigen Backsteine streifen will, kann am 8. September zum Tag des Denkmals und zum Flohmarkt kommen. Oder zu einem anderen Termin, einfach um mal so über den Platz zu schlendern; auch Urban-Gardener werden zum Beispiel noch gesucht. Die Kunstbaracken wollen Kulturraum für Jedermann sein, alle inkludieren. So zauberhaft kann die Postapokalypse sein.

Foto Galerie

Kunstbaracken GmbH, Beilsteiner Straße 51, 12681 Berlin

Weitere Artikel zum Thema

Kultur + Events | Familie
Top 10: Laternenumzüge in Berlin
Am 11. November ist St. Martinstag. Rund um dieses Datum finden von Köpenick bis nach […]