Die Kolonie Wedding

Meet and Greet im Wedding

Im Wedding erstarkt seit einigen Jahren ein Kreis von Künstlern. Jeden Monat gewähren die Kreativen aus dem Netzwerk Kunstkolonie an einem Wochenende Neugierigen Einblicke in ihre Arbeit. Dabei geht es auch um Poesie.

Gedichte in der Tankstelle an der Prinzenallee werden vielleicht einmal normal sein. Ausgesucht sind sie jedenfalls schon. Eines Tages war Nicola Caroli in der Tankstelle aufgetaucht, hatte die Verse den jungen Mitarbeitern unter die Nase gehalten. Zuvor hatte sie mit dem sich sträubenden Besitzer noch gewettet. “Wetten, dass Ihre Jungs mitmachen werden“, verkündete sie selbstbewusst. Denn Nicola Caroli wettet nur, wenn sie sicher ist, dass sie gewinnt. Der Betreiber der Tankstelle brummte etwas. Dann schließlich wurde er Teil des “Printemps des Poètes“, eines Lyrikprojekts, das 2010 erstmals im Wedding stattfand. Nur ein paar Meter von der Tankstelle entfernt hat Nicola Caroli ihren Laden “Wortwedding“ eingerichtet.

Der Laden ist ein Projektraum für Poesie – und ein Teil der Kolonie Wedding. Dahinter steckt eine lose Vereinigung von Ateliers und Galerien im Soldiner Kiez. Der Verein feiert 2012 sein siebenjähriges Bestehen. Und manchmal kleine Siege. In einer Gegend, die immer wieder als Problemkiez ins Gerede kommt. “Die ganze Prinzenallee wird eine Lyrikmeile“, sagt die Poesievermittlerin.

Die Künstler schütteln jedem Besucher die Hand

Etwa dreißig Projekträume sind Teil der Kolonie, beispielsweise der “Balkan-CheckerNumberOne“, so nennen ihn die anderen, Jovan Balov und sein Laden “Prima Center Berlin“, in dem er kontinuierlich Austauschprogramme mit dem Kulturministerium von Mazedonien organisiert, oder Armin Kauker und Josef Vilser, die sich der verrosteten Laterne vom Berliner Dom angenommen haben und den Kuppelaufsatz für ein Kunstprojekt verwendeten. Oder Michaela Strumberger, die aus New York kommt und hier hängengeblieben ist.

Zusammen mit ihren Gleichgesinnten bilden sie ein unsichtbares Netz. Es breitet sich aus über Spielotheken, Dönerbuden und Billig-Discountern. Am letzten Wochenende jedes Monats öffnen sich die Türen der Galerieräume, die Gäste kommen zu geführten Spaziergängen. Kleine Kunstinseln erwarten die Besucher, die Betreiber und die ausstellenden Künstler begrüßen jeden, der hereinkommt. “Willkommen“, sagen sie. Und schütteln die Hand.

Alle Kunstschaffenden hier kennen einander

Das hört man immer wieder: Der Wedding ist im Kommen, heißt es. Neben der Kunstkolonie sind da die Uferhallen mitsamt Künstlerateliers, und in den Osram-Höfen logieren die renommierten Galerien von Guido Baudach und Max Hetzler. Die jungen Kreativen sind im ganzen Bezirk, doch sie wollen ihn nicht überrumpeln, sondern mit ihm leben. “Künstler sind Nomaden“, so Daniela Brahm, eine der Gesellschafterinnen. Dort, wo der günstige Arbeitsraum ist, schwimmt die Welle hin. Doch der Wedding mit seinen Bewohnern sei ein Anker, findet sie.

Alle Kunstschaffenden hier kennen sich irgendwie von irgendwoher, fast glaubt man sich im kollektiven Wohnzimmer. Beim Künstler Karo König beispielsweise gab es in einer Ausstellung für jeden Besucher eine Blume aus einem Hochzeitsstrauß. Und so stehen dann schon einmal 50 Leute mit Schleierkraut im Knopfloch beisammen und betrachten Kunst. In Mitte wären es womöglich mehr Besucher. Aber dafür würden sie einander nicht am nächsten Tag beim Spaziergang durch die Kolonie Wedding wiedertreffen.

Wedding – das nächste Neukölln?

Gegründet wurde das Netzwerk vom Quartiersmanagement und Studierenden der Kunsthochschule Weißensee, erzählt Michaela Strumberger, die auch zum Vereinsvorstand gehört. Verwaiste Ladenräume, hoffnungslos unbevölkerte Orte sollten bespielt werden. Die Berliner Wohnungsgesellschaft Degewo fördert das Projekt, indem sie die Geschäfte zum Preis der Betriebskosten vermietet. Drei Jahre nach Gründung des Netzwerks wurde der Verein ins Leben gerufen. Die Kolonie gibt es genau genommen also bereits seit 2002. Was die Mitglieder betonen: Die 30 Atelierräume und Läden sind keine gewinnorientierten Galerien. Geld wird im Wedding nicht gemacht.

Der Führer des monatlich stattfindenden Rundgangs lotst die Teilnehmer in Nicola Carolis Laden “Wortwedding“. Hier stellt eine japanische Künstlerin aus, Maki Shimizu. Die Japanerin zeigt Reime, etwa “Ruhig blöd. Ruhig Blut.“ Sie schreibt mit Tusche auf lose Blätter, hängt dann das Papier an die Wand. “Wohnst Du in Berlin“, fragt der Führer die Künstlerin. “Ja“, sagt Maki Shimizu. “Aber in Neukölln.“ Sie lacht. Alle lachen mit. In vier Stunden Rundgang drehten sich die Gespräche immer wieder darum, ob Wedding das nächste Neukölln wird.


Quelle: Der Tagesspiegel

Kolonie Wedding, Soldiner Straße 92, 13359 Berlin

Telefon 030-49914650
Fax 030-49914653

Webseite öffnen
E-Mail schreiben


Büro der Kolonie: Montag bis Freitag von 11 Uhr bis 14 Uhr nach telefonischer Absprache
Öffnungszeiten der einzelnen Orte: Termine auf der Homepage
Vernissagen und Rundgänge jeweils am letzten Wochenende des Monats

Weitere Artikel zum Thema

Kultur + Events | Party
Wo Berlin am Donnerstag feiern geht
Der Donnerstag ist bekanntlich der kleine Freitag und natürlich geht in Clubs, Bars und Kneipen […]