Projekt Deliverance

240 Stunden ausgeliefert

William McBride, Kat Henry und Penny Harpham bekommen sogar schon regelmäßig Besuch (vorne links im Bild).
William McBride, Kat Henry und Penny Harpham bekommen sogar schon regelmäßig Besuch (vorne links im Bild). Zur Foto-Galerie
Nackt, ohne was zu essen oder zu trinken standen Penny Harpham, Kat Henry und William McBride am Sonntag auf dem Schotter neben der Platoon Kunsthalle auf der Schönhauser Allee. Dort haben die drei Australier ihr Projekt Deliverance gestartet: zehn Tage auf einem fünf Mal sechs Meter großen Raum wohnen und dabei völlig auf die Unterstützung ihrer Mitmenschen angewiesen sein. Ein Besuch an Tag 3 ...

Neben der Kunsthalle sieht es fast so aus, als würde eine lustige Truppe campen. Ein kleines Zelt steht da, davor – in einem abgesteckten, mit Steinen umgrenzten Raum – unterhalten sich angeregt junge Leute. Sie sitzen auf zwei alten Sofakissen und auf einem Stuhl. William McBride hat einen To-Go-Kaffeebecher in der Hand. Brownies liegen da. Wasserflaschen und Bananen sind greifbar. Ein orangefarbenes Zelt ist aufgebaut und sogar zwei selbst gebastelte Willkommens-Schilder wurden für die Besucher in den staubigen Boden gelegt. Dafür, dass das Projekt Deliverance (zu Deutsch Erlösung) erst vor drei Tagen mit Nichts anfing, ist es doch erstaunlich, wie viel an Lebensmitteln und Alltagsgegenständen die Berliner schon vorbeigebracht haben.  

„Unser Projekt hat einerseits eine materielle Ebene. Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Leute das bringen, was unsere Existenz ermöglicht“, erklärt McBride. „Aber ums Überleben geht es jetzt nicht mehr. Es ist eine echte Erfahrung zu sehen, wie und was da alles nach und nach kommt. Andererseits ist uns auch die sentimentale Ebene wichtig. Wir haben hier viele schöne Begegnungen und Gespräche.“

Fünf Minuten nackte Ewigkeit

Die australische Truppe, die dieses Experiment zuvor schon in Aidelade durchgeführt hat, möchte, dass jeder selbst interpretiert, was mit der Aktion gemeint ist. Denn politische Aktivisten oder gar Occupy-Anhänger sind sie nicht. „Uns ist klar, dass wir provozieren. Aber auf die Frage, was das Ziel des Ganzen ist, gibt es keine Antwort“, sagt McBride.

Die drei Australier nehmen an einem Programm des Zentrums für Kunst und Urbanistik in Moabit teil, Deliverance ist ihr Beitrag. Aber nicht nur schöne Erfahrungen haben die Performer, die ihr Refugium nur verlassen, um auf die Toilette zu gehen, bisher gemacht. In der Nacht wurden ihnen Wasserflaschen gestohlen. Auch die Erfahrung, zum Start ganz nackt vor allen Leuten zu stehen, war nicht unbedingt leicht. „Es hat glücklicher Weise nur fünf Minuten gedauert, bis uns jemand eine Tasche mit ein paar Klamotten hingestellt hat“, erinnert sich William McBride. „Aber die Minuten kamen mir wie eine Ewigkeit vor. In rund einer Stunde hatten wir ein komplettes Outfit.“ Klar würden ihm manchmal ganz alltägliche Dinge noch fehlen wie ein warmes Bad oder das weiche Bett, doch darüber denke er dann gar nicht weiter nach. Auf die Frage, was man ihm noch bringen könne, meinte er nur, dass sie niemandem sagen, was sie gerne hätten. Diese Interpretationsleistung muss der Betrachter erbringen …

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240 Stunden ausgeliefert, Schönhauser Allee 9, 10119 Berlin

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