Lebensberatung ohne Ordenstracht

Die Nonnen von Marzahn

Lebensberatung. Missionsärztliche Schwestern: Die Nonnen von Marzahn sehen gar nicht ungewöhnlich aus. 
Lebensberatung. Missionsärztliche Schwestern: Die Nonnen von Marzahn sehen gar nicht ungewöhnlich aus. 
Keine weiße Haube, kein schwarzes Kleid. Nur ein Ring am Finger ist der Hinweis, dass es sich um Nonnen handelt. Um die Marzahner an den christlichen Glauben heranzuführen, müssen die Ordensschwestern Michaela und Angelika im Verborgenen arbeiten. Allmählich gelingt es ihnen, Vertrauen aufzubauen.

Sie trug einen feinen Hosenanzug. Die blonden Haare hatte sie hochgesteckt. Man sah der Geschäftsfrau Ines Kampen nicht an, wie schlecht es ihr ging. Dass sie verraten hatte, was ihr wichtig war: die Freunde, die Familie. Schuld hatte sie auf sich geladen und suchte nun Hilfe. Schließlich klopfte sie an die Tür von Michaela Bank und Angelika Kollacks. Ines Kampen wusste, dass beide Frauen aus West-Deutschland stammen. Das hatte das Nummernschild ihres Autos verraten, mit dem sie nach Marzahn gekommen waren. Dass sie zur katholischen Kirche gehören, dass sie Nonnen sind, ahnte sie nicht.

Ines Kampen dachte immer, sie käme ohne Gott zurecht in ihrem Plattenbau in Marzahn-Hellersdorf. In dem Berliner Stadtteil im Osten leben 246.000 Menschen. Das Bezirksamt wirbt auf Hochglanzprospekten für die „Helle Mitte“. Und wirklich: Hier sieht alles ganz neu aus, die verchromten Fahrradständer, die schicken Bänke, das „Marktplatz-Center“. Doch 20 Prozent der Menschen hier sind arbeitslos, und noch mal so viele bekommen Geld vom Amt, weil ihr Lohn zum Leben nicht reicht. Nur zehn Prozent sind getauft.

Michaela Bank und Angelika Kollacks hat das nicht gestört. Genau hier wollten die beiden Nonnen hin: zu allein erziehenden Müttern und Frauen wie Ines Kampen. Um die Ecke vom Marktplatz-Center haben die Nonnen zwei Zimmer gemietet. „Lebensberatung. Missionsärztliche Schwestern“ steht an der Klingel. Kein Kreuz, keine Bibel, keine Weihrauchfässchen findet man hier. Stattdessen Trommeln und buddhistische Tempelglocken. Im Regal liegen Rasseln, Schellen, Flöten und ein Eselsgebiss aus Peru. An einem kleinen Tisch davor sitzen sie in Jeans und Bluse.

Nonnen in Bluse und Jeans

Der einzige Hinweis, dass es sich um Frauen Gottes handelt: ein silberner Ring in Kreuzform, den Schwester Michaela und Schwester Angelika an der linken Hand tragen. „Ordenstracht?“, Schwester Michaela zieht die Brauen hoch, lacht ein tiefes, lautes Lachen und sagt: „Da fragen die Leute: Warum hat die sich denn verkleidet? Sie glauben ja wohl nicht, dass hier jemand weiß, was eine Nonne ist.“

Ines Kampen kam zu den Nonnen, weil sie unerkannt bleiben wollte. Sie hatte für die Stasi gearbeitet. In den 70er Jahren wollte sie aus der DDR fliehen und wurde geschnappt. Acht Jahre saß sie im Gefängnis. Dort wurde sie von der Stasi bearbeitet und willigte schließlich ein, IM zu werden. Viele Jahre gab sie Informationen über Freunde weiter. Das sei für sie die Chance gewesen, wiedergutzumachen, dass sie die Idee des Sozialismus verraten hatte. „Aber ich fühlte etwas ganz anderes.“ So sagte sie es Schwester Angelika. Als Ines Kampen bei den Schwestern vor der Tür stand, hatte sie Angstattacken und Depressionen.

Musiktherapie statt Bibellesen

Schwester Michaela ist studierte Theologin und Betriebswirtin. Bevor sie nach Marzahn kam, leitete sie in Peru eine katholische Gemeinde, verteilte für die Uno Lebensmittel und legte sich mit Rechten und Linken an, bis sie eine Todesdrohung bekam.

Schwester Angelika studierte Gesang und wollte eigentlich an die Oper. Heute arbeitet sie als Musiktherapeutin. Saiten, Schellen und Flöten sind ihre Arbeitsmittel. Für Ines Kampen zupfte sie die Saiten des Monochords und schüttelte die Ocean Drums. Bei den warmen, weichen Tönen konnte sich die zierliche Frau entspannen und fing an, über ihre Erlenbisse zu sprechen. Irgendwann legte sich Ines Kampen neben den großen Gong. Eine Sehnsucht überkam sie, mit dem Klang des Gongs zu verschmelzen. Sie fühlte sich geborgen und allmählich löste sich der „schwarze Kloß“ in ihrem Inneren auf. Sie lernte, mit ihrer Schuld zu leben. Die Angstattacken hörten auf.

Die Schwestern in Marzahn arbeiten im Verborgenen. Lange Zeit hatten sie kein Schild an der Klingel, damit niemand sehen konnte, wohin es ging, wenn jemand Rat suchte. Über Ines Kampen sprechen die Schwestern nur, weil deren Therapie längst abgeschlossen ist. In Wahrheit heißt sie auch nicht Ines Kampen. Vertrauen ist die Grundlage ihrer Arbeit.

Sterne und Engel wirken immer

Als die Nonnen 1992 in den Plattenbau zogen, freute sich niemand über die neuen Hausbewohner. Sie wurden angefeindet, wenn sie laut beteten und sangen. Manchmal fragten sie sich, ob das wirklich der Ort ist, an dem Gott sie haben wollte. Sie stellten sich im Bezirksamt vor, beim psychosozialen Dienst, bei der Schulpsychologin. Mit der Musiktherapie konnten sich die Behörden anfreunden. Und dass Betriebswirtin Michaela Bank wusste, wie man Konten eröffnet, nach Rabatten fragt, Insolvenzen einleitet.

Aber es dauerte Monate und Jahre, bis sich herumsprach, dass man zu den beiden Frauen hingehen kann, einfach um zu reden, dass sie kein Geld wollen und einem nichts aufzwingen. Manchmal sind die Besucher erstaunt, wenn sie nach monatelanger Beratung erfahren, dass sie es mit Nonnen zu tun haben. So vernünftige Frauen, wie können die an Gott glauben?

„Religiosität muss neue Ausdrucksformen finden. Der Mensch von heute begreift nicht mehr so ohne Weiteres, dass das Blut Christi am Kreuz Sühne für seine Sünden ist“, hat Papst Benedikt XVI. einmal gesagt. Wenn die Schwestern in Marzahn begreiflich machen wollen, dass es vielleicht noch etwas Höheres als den Menschen gibt, sprechen sie von Sternen und Engeln, die über die Menschen wachen. Und dass es eine Energie gibt, die ihnen ihre Fehler verzeiht. „Das wirkt“, sagt Schwester Michaela, „da muss ich gar nicht mit Sünde und Beichte kommen.“ Die Taufstatistik der Kirche wird das nicht ändern. Darum geht es den Frauen auch nicht. Erfolg heißt für sie, dass es den Menschen besser geht.

Ein riesiger Erfolg ist, wenn mal jemand in eine Kirche geht, eine Kerze anzündet und die Stille des Raumes auf sich wirken lässt. Der verstorbene Berliner Kardinal Georg Sterzinsky hatte den Schwestern ein halbes Jahr gegeben. „Es wird niemand zu euch kommen“, sagte er. Heute betreuen sie etwa 40 Patienten. Sie werden zu Beerdigungen gebeten – damit wenigstens einer für den Toten gebetet hat, falls es Gott doch gibt.


Quelle: Der Tagesspiegel

Lebensberatung. Missionsärztliche Schwestern, Aurikelweg 11, 12683 Berlin

Telefon 030-9333281
Fax 030-93494715

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