Durch den Kiez

Leslie Clio: "Ich bin der romantischste Typ der Welt"

Leslie Clio: "Ich bin der romantischste Typ der Welt"
So farbenfroh wie ihre Musik: Leslie Clio zeigt uns ihren Kiez.
Die Sängerin ist bekannt für poppige Powermusik wie My Heart Ain’t That Broken oder I Couldn’t Care Less. Wir spazieren mit ihr durch Kreuzberg und unterhalten uns über Musikschwangerschaft, Kreativität und Helge Schneider.

Leo-Pelzhut, roter Lippenstift und Marilyn Monroe-Lidstrich – Leslie Clio sticht aus der Menge heraus im grauen Berliner Winter. Gut gelaunt ist die Popsängerin, denn sie kommt gerade frisch aus Thailand, wo sie einen Monat lang überwinterte. Allerdings war das kein Urlaub, sondern eher kreative Arbeit. „Ich schaffe dann immer mehr, wenn ich abhaue und mich zurückziehe – am liebsten natürlich dahin, wo es warm ist“, sagt Leslie, während wir noch auf den Fotografen warten. Schließlich gebe es Promotion- und Schaffensjahre. 2019 sei ein Schaffensjahr. Ihr Album ist zwar schon fertig und wird im Mai veröffentlicht, aber sie hat gerade so viele Projekte, dass sie eigentlich vier Alben produzieren könnte. „Im Moment trage ich einen riesigen, schwangeren Musikbauch mit mir herum. Ich habe so viele Ideen und Tatendrang, bis Mitte April ist alles verplant.“ Da sind wir natürlich froh, dass die erfolgreiche Popsängerin heute trotzdem ein bisschen Zeit für uns hat.

Wir spazieren los und drehen eine Runde durch Leslies Wohnort, den Reichenberger Kiez in Kreuzberg. Leslie geht hier gerne ins Arabica. „Da gibt es leckeren Kaffee, obwohl der Laden ein bisschen hipster ist“, sagt sie und spielt an ihrer bunten Handykette herum, die um ihren Hals baumelt. Viele ihrer Freunde wohnen hier, auch ehemalige Bandmitglieder – man kennt sich eben. Ein älteres Ehepaar grüßt Leslie unterwegs freundlich und scheint sich gar nicht über das Mikro und den Kameramann zu wundern. Vielleicht sind Promis in Kreuzberg einfach Alltag, schließlich wohnen sie hier gerne und zahlreich, wie beispielsweise auch die Schauspielerinnen Anna König oder Julia Dietze.

Leslie wohnt sogar direkt am schönen Paul-Lincke-Ufer, wo sie gerne auch mal eine Joggingrunde dreht: „Ich war der glücklichste Mensch der Welt, als ich diese Wohnung bekommen habe. Es war so, als ob Gott sagen würde, ich bekomme eine neue Chance“, erzählt sie. Schließlich kam sie damals frisch aus Hawaii zurück, wo sie sich wegen gesundheitlichen Problemen einige Monate eine Auszeit nahm. Hier in Kreuzberg positionierte sie sich neu: „Sich zu häuten ist das Geilste. Neue Wohnung, neues Management – man sucht sich seine Copiloten aus. Wenn du weißt was du willst und es aussprechen kannst, wird das Universum sich in eine Reihe setzen und alles dafür tun, dass es in Erfüllung geht“, so die gebürtige Hamburgerin.

Leslie Clio und die Reporterin stehen im Mantel an einer Kreuzung, Leslie zeigt auf etwas.

Leslie zeigt uns, wo sie gerne guten Kaffee trinkt.

Der zweite Akt

Man merkt, dass sich die Sängerin viel mit dem Leben und dem Musikbusiness auseinandersetzt. Am Abend bevor sie 30 Jahre alt wurde, setzte sie sich alleine vor eine Kerze und machte eine Bestandsaufnahme: „Vieles von meiner To-do-before-30 Liste habe ich nicht geschafft. Ich bin ein Typ, der manchmal total streng mit sich selbst und selbstzerfressen ist. Aber als ich dann 30 wurde, war es mir auf einmal egal.“ Das lag vor allem an der Tatsache, dass ihr eine Erkenntnis kam: „Ich dachte: Okay, das ist jetzt mein zweiter Akt. Der Vorhang geht auf und mein zweiter Akt als erwachsene Frau dauert dann noch mal 30 Jahre. Das ist genau so viel, wie ich schon gelebt habe. Bei dem Gedanken kommt so eine gewisse Ruhe rein.“

Der Weg dahin war allerdings nicht leicht. Leslie vergleicht ihn mit einem engen Geburtskanal: „Nach dieser Geburt war eine ganz neue Welt da, alles war frei und ich hatte wieder Platz.“ Platz für neue Songs, neue Ideen und vor allem – für eine neue Liebe. Viel verrät die junge Frau, die von sich selbst sagt, der romantischste Mensch der Welt zu sein, aber nicht über ihren Freund, mit dem sie auch zusammen in Thailand war. Nur, dass er als Selbstständiger arbeitet und ziemlich unmusikalisch ist. „Vor drei Jahren wäre es für mich unvorstellbar gewesen, so einen Musikbanausen mit nach Hause zu nehmen“, sagt Leslie und lacht. „Aber man wird älter und merkt, das sind nicht die wichtigsten Dinge.“ Keine Songs mehr über gebrochene Herzen, denn jetzt ist die quirlige Blondine in einer glücklichen Beziehung. Ist Zufriedenheit denn ein Problem für die Kreativität, wenn man früher seine Emotionen wie Liebeskummer und Frust in Songs verarbeitet hat?

Nahaufnahme Leslie Clio: Leslie sieht auf die Seite und lächelt.

Leslie ist sehr romantisch, wie sie von sich selbst sagt.

Das kreative Licht im Bauch

„Zur Zeit denke ich gar nicht so viel über Gefühle nach, sondern gehe fast nur über Punchlines, die mich beschäftigen wie eben I couldn’t care less oder Told you so“, so Leslie. „Ich bin keine Joni Mitchell oder ein Bob Dylan, ich muss nicht 20 Zeilen schreiben. Am Ende mache ich Popmusik.“ Ob ein Song oder ein Kunstwerk gut ist oder nicht, hänge auch nicht davon ab, wie viel Geld oder Arbeit in etwas hineingesteckt wurde. Das sagte schon ihr großes Idol Helge Schneider, der bei ihr auch an der Wand hängt.

„Du kannst auch erfolgreich sein mit etwas, das du in zwei Minuten hingefurzt hast, das nichts gekostet, aber super viel Spaß gemacht hat. Das ist der Leitsatz für alles. Mal hast du viel Geld, mal gar nichts. Mal interessiert es wen, mal keinen“, erklärt Leslie. Aber das ist der Sängerin ohnehin nicht so wichtig. Sie will einfach nur kreativ sein, denn das kann ihr keiner nehmen – im Gegensatz zu Instagram-Followern oder Erfolg. „Das einzige was man einem Künstler nicht nehmen kann, ist das Bedürfnis zu kreieren und die Kreativität als solche. Das ist in mir drinnen und das ist das Reinste was ich gebären kann: ein kleines goldenes Licht in meinem Bauch. Und das Licht darf auch mal runterdrehen“, erzählt sie uns.

Ein Avocadobrot mit Tomanten auf einem Holzbrett.

Avocadobrot mit Tomate: Das ist Leslies Lieblingsessen im Spindler.

Avocadobrot und Hundeliebe

Als wir an einer Mauer vorbeigehen, quietscht sie unvermittelt, springt einen Schritt nach vorne und zeigt auf ein Plakat von ihr mit Max Mutzke für den Song Everyday People, der gerade erschienen ist. „Sagt mir ja keiner Bescheid hier.“ Den Song hatte sie im Sommer eingesungen und ihn schon fast wieder vergessen. „Musik fliegt einfach in dem Moment der Veröffentlichung“, sagt die Wahlberlinerin. In der Musikindustrie könne man oft nicht kontrollieren, was mit der Musik passiert. Es sei ein sehr fremdgesteuerter Beruf, zu dem viele Menschen gehören. „It takes a village“, sagt sie in ihrem fließenden britischen Akzent, der uns immer wieder erstaunt.

„Ich habe mich früh mit der englischen Sprache beschäftigt, wollte schon als Kind fließend sprechen. In meinem vorherigen Leben war ich bestimmt eine schwarze Frau in den Südstaaten“, so Leslie. Im Englischen kann sie sich sogar besser ausdrücken als im Deutschen: „Ich denke und fühle in Englisch.“, sagt sie, während wir im Spindler sitzen und uns ein wenig aufwärmen. Gemütlich ist es hier und ziemlich voll. Ihre Empfehlung ist das belegte Avocadobrot, aber auch die Kuchen sind richtig lecker. Die Veganerin bezeichnet das Restaurant sogar als zweiten Arbeitsplatz, da sie meistens hier ihre Interviews gibt.

Leslie ist nicht nur Veganerin, sondern echte Tierliebhaberin und bekennender Hundenarr. Sie ist Greenpeace-Mitglied, spendet fürs Tierheim und hat dort sogar einen Patenhund. „2019 möchte ich mich noch mehr engagieren, das ist mir wichtig. Gib dein Geld einfach aus, Diggie. Es ist einfach das Beste was du machen kannst“, sagt die Sängerin. Irgendwann will sie sogar einen eigenen Verein für den Tierschutz gründen. Auch diese Idee steckt da drin, in ihrem kreativen Schwangerschaftsbauch. Eine von vielen Ideen, auf die wir uns schon freuen.

Spindler, Paul-Lincke-Ufer 42, 10999 Berlin

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