Eine Frau gegen Rechts

Kampf gegen Nazi-Aufkleber

Kampf gegen Nazi-Aufkleber
Irmela Mensah-Schramm ist jeden Tag im Einsatz, meist in Ost-Berlin, wie hier in Schöneweide.
Irmelah Mensah-Schramm geht seit 24 Jahren mit Spachtel, Nagellackentferner und Farbe gegen Nazi-Aufkleber vor – vor allem in Rudow, Lichtenberg, Schöneweide und Königs Wusterhausen.

Sie trägt Blümchenbluse, dazu Sandalen, Stoffhose in Pink und ist der kleine Albtraum der Ostberliner Neonaziszene. Irmela Mensah-Schramm biegt in die Weitlingstraße in Lichtenberg ein. In den Cafés rund um den S-Bahnhof Lichtenberg ist viel los, doch das kümmert Schramm nicht. Sie zieht ihre neueste Waffe im Kampf gegen die Rechten hervor. „Ceranfeldschaber“, sagt die Rentnerin stolz. Fünf Minuten geht die 66-Jährige vor einem Elektrokasten in die Hocke. Immer wieder fährt sie mit dem Schaber über einen NPD-Aufkleber, bis auch die letzten Reste weg sind. Wieder ein kleiner Sieg, exakt der dreiundfünfzigtausendsechshunderteinundsechzigste. So viele Neonazi-Aufkleber hat sie nach eigener Zählung schon entfernt. Daheim hat sie dafür ein Album angelegt.

Das Handwerkszeug: Nagellackentferner, Schraubenzieher & Co.

Seit 24 Jahren entfernt das Mitglied der Zehlendorfer Friedensinitiative in Berlin und der Republik Nazischmierereien und Aufkleber von öffentlichen Plätzen. Fast täglich, ohne Bezahlung. Die frühere Heilpädagogin wurde schon im Fernsehen und in der internationalen Presse vorgestellt sowie mehrfach mit Preisen geehrt. „Ich bin eine Politputze“, sagt Schramm über sich selbst, während sie als „Ein-Mann-Armee“ durch die Straßen von Lichtenberg läuft. Immer mit dabei hat sie Nagellackentferner, Spachtel, Antigraffiti-Mittel, Küchenmesser, Schraubenzieher und Dispersionsfarbe. Schmierereien schrubbt sie weg, Aufkleber kratzt sie ab. Und wenn alles nichts bringt, übersprüht sie die Naziparolen auch mal selbst mit der Spraydose. Das brachte ihr außer wütenden Blicken von Passanten auch schon eine Anzeige wegen Sachbeschädigung ein.

Die Rentnerin gibt 300 Euro im Monat für ihre Aktion aus, Spenden erhält sie derzeit nicht. Aber die gute Sache ist ihr das wert. Ihr Einsatzgebiet in und um Berlin umfasst vor allem Rudow, Lichtenberg, Schöneweide und Königs Wusterhausen. Sie findet die zu entfernenden Objekte meist an Bahnhöfen oder vor Supermärkten, aber auch an Häuserfassaden oder Straßenlaternen.

Morddrohungen, aber keine Kompromisse

Irmela Mensah-Schramm blickt an diesem Morgen ab und zu über die Schulter. Normalerweise verfolge sie in Lichtenberg ein stadtbekannter Neonazi, sagt sie, aber heute keine Spur von ihm. Das enttäuscht sie beinahe. Vor kurzem entdeckte sie sogar Neonazi-Aufkleber mit ihrem eigenen Foto darauf: „Wenn Schramm abkratzt, ist uns das egal“, lautete der Text. Die Zehlendorferin sagt: „Das ist eine versteckte Morddrohung.“

Einschüchtern konnte sie natürlich auch das nicht. Im Gegenteil, sagt sie, das sporne nur noch mehr an. Denn so läuft das System Schramm: keine Kompromisse, alles für die Sache. Die 66-Jährige musste in den letzten Jahren schon viele Gefechte austragen: Sie legte sich nicht nur mit den Rechten, sondern auch mit der Polizei, Staatsanwaltschaft und wegschauenden Bürgern an. Allerdings glaubt sie selbst, dass die Aufgabe ihr das Leben gerettet hat. Vor 17 Jahren musste sie wegen einer Krebserkrankung operiert werden. Zwei Tage später lief sie aber schon wieder im Nachthemd durch die Charité: „Wir brauchen Nagellackentferner und einen Eimer“, habe sie gerufen. Sie hatte eine Kritzelei am Gebäude ausfindig gemacht.

Am 15. September startet Irmela Mensah-Schramm um 12 Uhr am S-Bahnhof Rudow zu einer neuen Tour. Helfer sind willkommen.


Quelle: Der Tagesspiegel

Kampf gegen Nazi-Aufkleber, Weitlingstraße, 10317 Berlin

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