• Mittwoch, 22. Oktober 2014
  • von Nikolaus Triantafillou

Ausstellung in und über Lichtenberg

Die andere Jugend in der DDR

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  • Museum Lichtenberg Ausstellung Jugendkultur
    In der Ausstellung im Museum Lichtenberg sind einige schöne Exponate wie dieses Banner hinter leeren Bierflaschen zu sehen Foto: QIEZ - ©Triantafillou
  • Museum Lichtenberg Ausstellung Jugendkultur
    Walter Ulbricht scheint kein Fan von Beatmusik gewesen zu sein. Foto: QIEZ - ©Triantafillou
  • Museum Lichtenberg Ausstellung Jugendkultur
    Kein Handy zur Hand: In der DDR klebten manche jungen Leute ihre Nachrichten einfach als Zettel an die Tür. Foto: QIEZ - ©Triantafillou

Kaskelkiez – Eine neue Ausstellung im Museum im Stadthaus widmet sich jungen Menschen, die in Berlin-Lichtenberg zwischen 1960 und 1990 im Widerspruch zu den Vorstellungen der DDR-Jugendpolitik alternativ auftraten – etwa als Fans von Beat- oder Punkmusik, Homosexuelle oder Neonazis.

Widerstand gegen die geordnete, einengende, spießig wirkende Welt der Erwachsenen war beileibe nicht auf die DDR begrenzt. Das Ausmaß der Verdächtigungen und kulturellen Einschränkungen, denen 'andersartige' Jugendliche und junge Erwachsene vor der Wende in Ost-Deutschland ausgesetzt waren, übertraf jedoch vielfach die Gängelung im Westen. Nirgendwo war das wohl offensichtlicher als beim Vergleich innerhalb der geteilten Stadt Berlin. Jugendliche Subkulturen entwickelten sich im Osten häufig im Anschluss an westliche Vorbilder oder parallel zu ihnen. Gerade deswegen vermuteten die politisch Verantwortlichen hinter ihnen einen Widerspruch zur Politik und den Vorstellungen der sozialistischen Erziehung.

Die Ausstellung "Widerspenstig und widerständig – Jugendkultur in Lichtenberg 1960 – 1990" konzentriert sich auf Personen, Orte und Ereignisse in dem Ost-Berliner Stadtteil. Kuratiert wurde sie vom (Ost-)Berliner Historiker und Soziologen Dr. Dirk Moldt; die informativen Texte der Schautafeln stammen von den Autoren Anke Wagner, Steffen Strietzel und Detlef Krenz. Den Machern ist im 1. Stock des Museum Lichtenberg im Stadthaus eine Übersicht gelungen, die kompakt und anschaulich über eine Kultur informiert, die ihrem West-Pendant zwar ähnelt, sich aber doch unter anderen Voraussetzungen entwickeln musste.

Besetzte Drogerie und Durchgangsheim

Die Schautafeln gehen nicht nur auf die allgemeine Situation für junge Beat- und Punkfans, Schwule und Lesben, Friedensaktivisten oder Sinti-Musiker ein. Der Eindruck, den die Ausstellung macht, wird gerade durch ihren lokalen Bezug verstärkt. So erfährt der Besucher etwa vom Kulturzentrum Napf, das 1981 durch die Besetzung einer leer stehenden Drogerie etabliert wurde. Den Lokalpolitikern im Rathaus Lichtenberg kam die Initiative gar nicht ungelegen, denn deren Standort Victoriastadt - auch bekannt als Kaskelkiez - war damals extrem strukturschwach. Im Text zu diesem Projekt werden noch weitere Gründe für die Toleranz genannt: Zwei der Gründer waren in der SED-Kreisleitung beziehungsweise der Stasi tätig.

Ebenfalls spannend und eindrücklich ist die Geschichte des "Durchgangsheims" in Alt-Stralau, in das weggelaufene, "kriminell gefährdete" oder "aufgegriffene" Jugendliche temporär eingewiesen wurden. Das Heim wurde nicht nur von zweifelhaften Personen geleitet – seine minderjährigen Insassen mussten obendrein unter anderem in Fleisch- und Süßwarenfabriken arbeiten.

Aus dem prinzipiell positiv besetzten Bild von jugendlicher Subkultur, das im Museum Lichtenberg gezeichnet wird, fallen die in den 1980ern verstärkt auftretenden Neonazis, denen eine eigene Schautafel gewidmet ist, heraus.

Leere Bierflaschen und Zettelwirtschaft

Neben den persönlichen Beispielen auf den Tafeln sind es auch die Exponate, die die Ausstellung anschaulich machen: Ein großes Punk-Banner, leere DDR-Bierflaschen oder eine mit Zetteln beklebte Tür, die veranschaulicht, wie in den Prä-Mobiltelefon-Zeiten unter Jugendlichen kommuniziert wurde. Nur das Starten eines Audio-Beitrags vor der Videowand funktionierte beim Besuch von QIEZ.de nicht auf Anhieb.

Dennoch ist "Widerspenstig und widerständig" eine gelungene Schau, die das umfangreiche Angebot an Ausstellungen und Gedenkveranstaltungen zum nahenden 25. Jahrestag des Mauerfalls um eine spezifische, auch für ein jüngeres Publikum interessante Facette mit Lokalkolorit ergänzt.

Die Ausstellung "Widerspenstig und widerständig – Jugendkultur in Lichtenberg 1960-1990" ist noch bis zum 30. April 2015 kostenlos im Museum Lichtenberg zu sehen. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag sowie Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Weitere Informationen findet ihr auf der Homepage des Museums.

Museum Lichtenberg im Stadthaus

Türrschmidtstraße 24
10317 Berlin

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Quelle: QIEZ
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