• Freitag, 01. Juni 2012

Altschauspieler auf Promo-Mission

Rentner-Tragikomödie von Böhlich

  • Das Ensemble von "Bis zum Horizont, dann links!"
    Das Ensemble von "Bis zum Horizont, dann links!" Foto: externe Quelle - ©2011 Conny Klein/Mafilm GmbH

Ein neuer Rentnerfilm kommt in die Kinos: "Bis zum Horizont, dann links!" von Regisseur Bernd Böhlich flimmert ab 12. Juli über die Leinwand. Auf einer Kahnfahrt plauderten die Darsteller der Tragikomödie über den Streifen und das Alter.

Ein lang andauerndes Knirschen unterbricht die Unterhaltung. Ein sehr unschönes Geräusch und in gewisser Weise beunruhigend so mitten auf dem kühlen Nass. Herbert Feuerstein blickt aufgeschreckt durch die Gläser seiner Brille. Über ein Riff in der Rummelsburger Bucht hat man allerdings noch nie etwas zu Ohren bekommen. "Was ist los?", ruft Feuerstein dem Kapitän zu, "steht eine Evakuierung an?" Falls ja, dann jedoch zumindest Frauen und gealterte Schauspieler zuerst. Feuerstein zeigt ein Grinsen. Das wär’s ja noch, wenn der Kahn versinke. Die Menge an Film- und Bühnenjahren, die bei dieser Kaffeefahrt zusammenkommt. Aber nichts Derartiges passiert, die "Don Juan" schiebt sich weiter übers Wasser, und Otto Sander, 70, Angelica Domröse, 71, Herbert Feuerstein, 75, Ralf Wolter, 85, Robert Stadlober, 29, Tilo Prückner, 71, und Herbert Köfer, 91 werben hinter Kaffeetassen und Kuchentellern für ihren neuen Film.

Sehr überzeugendes Drehbuch

Die berührende, erfreulich zurückhaltende Tragikomödie "Bis zum Horizont, dann links!" wird ab dem 12. Juli auf der Kinoleinwand zu sehen sein. Den Regisseur gibt Bernd Böhlich, der sich mit Fernsehregien bei den RBB-Filmen mit Horst Krause oder dem Polizeiruf und mit Produktionen fürs Kino wie "Du bist nicht allein" und "Der Mond und andere Liebhaber" als Philanthrop etabliert hat. "Wo ist eigentlich Herr Böhlich?", so Ralf Wolters Ruf in die Runde der Kollegen direkt nach dem Einschiffen an der Schillingbrücke in Friedrichshain. "Der steigt sicher tief im Osten zu", lautet Otto Sanders Vermutung. Das klappt zwar nicht, doch dafür hat Böhlichs Skript bei ihnen allen einen Funken entzündet. Sieht man von Herbert Feuerstein ab, der gern in der JU 52 mitfliegen wollte, haben sich die meisten genau deshalb dem Filmensemble angeschlossen.

In der Geschichte kapert eine Gruppe von Altersheimbewohnern bei einem Rundflug ein Flugzeug, weil sie an ans Mittelmeer fliegen will. "Das Buch ist ausgezeichnet, und Böhlich hat eine tolle Truppe zusammengestellt", so Otto Sander. Er stellt die Hauptfigur dar, den Rädelsführer Herrn Tiedgen, der dem Altenheim entfliehen und nebenher das Herz von Neuzugang Annegret Simon, gespielt von Angelica Domröse, erobern will.

Mehr als eine einfach gestrickte Feel-Good-Komödie

Das mag nach einfach gestrickter Free-Rentner-Feel-Good-Komödie klingen, ist jedoch angesichts von Heimödenei, Verlassenheit, Inkontinenz und dem Skandal des Altwerdens per se mehr ein Lehrstück im Mensch- und Schauspielersein. Märchenartig ja, gefühlsduselig nein. Das ist Otto Sander wichtig, der seinen Tiedgen als melancholischen Anarchisten bezeichnet. "Der will Haltung bewahren und aktiv bleiben, so wie ich." Ob er ins Heim ginge, wenn keine andere Wahl bliebe? "Wenn ich das wüsste. Habe ich noch nicht zu Ende gedacht."

Da befindet er sich in guter Gesellschaft. Der einzige bekennende Nicht-Schauspieler der Mannschaft vor der Kamera – Herbert Feuerstein – bevorzugt es, überhaupt nicht so alt zu werden. Der in Charlottenburg wohnhafte Tilo Prückner will sich, wenn es so weit ist, zum Sterben unter einen Tempel in Indien legen. "Ich bin da öfter und hab’ schon einen ausgeguckt." Und für Robert Stadlober ist es undenkbar, je "in so einer Bettenbatterie rumzuliegen". Wieso er neben Anna Maria Mühe, die auf dem Wasser nicht mit von der Partie ist, als junger Kerl im Ensemble mitspielt? "Wo Otto mitmacht, wird es immer gut." Und zudem sei der Respekt vor dem Alter ein Wert, den man zu leben versuchen solle. "Alte sind ja keine Kleinkinder, da steckt die Würde von 70, 80 Jahren Leben drin." Ralf Wolter zu treffen, das war für ihn als alten Karl-May-Film-Fan besonders spannend. "Der ist lustig und redet viel." Obwohl er schon 85 Lenze erlebt hat.

Film soll zu mehr Wertschätzung gegenüber Alten beitragen

Auch Wolter lobt Sander. "Otto ist die seriöse Achse des Films." Für die Kahnfahrt ist er aus München hergekommen. Dort wohnt der Berliner, seit die Mauer gebaut wurde. Viele Filme macht er nicht mehr. "Ich spiele lieber Klavier, lese Bücher in mehreren Sprachen, radele viel." Dass der Film um die Rentner zurzeit gleich mit einer englischen, einer französischen und jetzt auch einer deutschen Produktion auf der Leinwand Erfolg hat, das ist ihm trotz aller Gelassenheit wichtig. "Das wertet Alte auf, weil sie wieder wer sind, eigenständig handeln und Sehnsüchte haben dürfen." Wie er selbst das Altwerden empfindet? Er grinst wie früher als Sam Hawkins und sagt: "Man ist nicht mehr der Alte, aber der Junge ist man auch nicht mehr."

Seine deutlich weniger redselige Kollegin Angelica Domröse blinzelt hinter der Sonnenbrille. Auch sie denkt, dass es endlich Zeit für mehr Filme über Alte ist. "Die Gesellschaft ignoriert das Thema doch." Entgegen Wolter hat sie den fertigen Streifen schon gesehen und ihre Lektion formuliert: "Du musst frech sein als Alte, die Jungen sind’s ja auch."

Lichtenberg

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Quelle: Der Tagesspiegel
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