• Mittwoch, 23. Mai 2012
  • von Werner van Bebber

DDR-Zwangsadoptionen

Wie der Staat Familien auseinanderriss

  • Katrin Behr von der Beratungsstelle für Opfer von Zwangsadoptionen in der DDR
    In ihrer Beratungsstelle für Opfer von Zwangsadoptionen in der DDR hört Katrin Behr viele Geschichten von Trennung und Einsamkeit. Foto: Der Tagesspiegel - ©Kitty Kleist-Heinrich

Eine Mutter in der DDR kritisiert das System. Daraufhin nimmt der Staat ihr die Kinder weg. Ein Schicksalsschlag, der offenbar Hunderte von Familien in der DDR traf. Katrin Behr ist eines dieser zwangsadoptierten Kinder. Heute berät sie andere Opfer.

Der Schreibtisch von Katrin Behr hat seine eigene Symbolik. Ihr Arbeitsplatz, an dem sie Beratung für die Opfer von Zwangsadoptionen in der DDR anbietet, befindet sich in der Ruschestraße 103 – vier Stockwerke über der ehemaligen Wirkungsstätte Erich Mielkes. Katrin Behr spricht mit Menschen, auf deren Leben das Ministerium für Staatssicherheit extremen Einfluss nahm – indem es sie ihren Eltern wegnahm.

Bürger, die ein kritisches Verhältnis zum Staat DDR oder gar Fluchtpläne hatten, galten mitnichten als gute Eltern. Frauen, die unverheiratet waren und keinen sehr sozialistisch-gefestigten Lebenswandel aufwiesen, wurden nicht als gute Mütter betrachtet. Katrin Behr wurde im Alter von vier Jahren von ihrer Mutter getrennt.

Wer öffentlich seinem Unmut über das System Luft machte, brachte die Familie in Gefahr

Dass die Staatssicherheit oft in die Trennung von Kindern und Eltern verwickelt war, weiß Behr aus vielen Beispielen, in denen sie selbst als Ratgeber wirkte. Wie viele Fälle es gab, wie oft und anhand welcher Kriterien die Stasi die Entscheidung fällte, alleinerziehenden Frauen oder auch Elternpaaren ihren Nachwuchs wegzunehmen, ist nicht bekannt. DDR-Zwangsadoptionen sind ein weitgehend unerforschtes Gebiet. Wie Jugendbehörden etwa in der DDR-Hauptstadt sich dazu verhielten, wurde 1991 durch Aktenfunde publik.

Auf Behrs Webpage zwangsadoptierte-kinder.de ist von dreihundert Fällen die Rede. Nicht in jedem Fall hatten die Behörden politische Gründe für die Trennung von Eltern und Kindern. Diese Begründungen bekamen sie von der Staatssicherheit geliefert. Katrin Behr spricht sehr offen über die etwas instabilen Umstände, in denen ihre damals äußerst junge Mutter versuchte, ihre Kinder aufzuziehen. Dass ihre Mutter in einem Moment des Zornes über das System zudem öffentlich ankündigte, aus dem Staat "abzuhauen", gab ihr das Prädikat der "Republikfluchtwilligen". Kurz darauf kamen Katrin und ihr Bruder in Heime. Später dann adoptierten sehr linientreue Eltern Katrin.

Die Geschichten der vermissten Kinder wurden inzwischen zu Suchmeldungen

Ohne Aufregung in der Stimme und stets bereit zu lachen redet Behr über das, was in der DDR Gesellschaftspolitik mit Kindern war. Hart oder sogar hartherzig wurde sie durch all das, was sie als Kind zu erleiden hatte, offensichtlich nicht. Erziehung sei eine Aufgabe der Gesellschaft gewesen. "Alleinerziehende Mütter waren genauso verpönt wie im Westen", sagt Behr. Galten Mütter und Väter als überfordert oder nicht zuverlässig, klinkte sich das Jugendamt ein. Gerichtsbeschlüsse mit dem Ziel, über Jungen und Mädchen verfügen zu können, waren offensichtlich einfach zu bekommen. Dass jedoch Kinder, bevor sie ins Heim kamen, noch – so wie die vierjährige Katrin – miterlebten, wie die eigene Mutter verhaftet wurde, war wohl nicht der Normalfall. Sie habe Derartiges "zum Glück nur zweimal" zu Ohren bekommen, so Katrin Behr.

Auf ihrer Webpage kann man die Fälle von offensichtlichen oder mutmaßlichen Zwangsadoptionen nachlesen – die Erzählungen sind zu Suchmeldungen geworden. Mit wenigen Worten beschreiben Leute ihre Herkunft und hoffen, so Verwandte zu finden. Ein solcher Text im Original: "Ich suche meine Tochter Silke geb. 24.12.1978 (die damals noch Manske hieß) und mir und meinem Mann im Sommer 1988 weggenommen wurde, weil mein Mann politisch verfolgt wurde und deswegen auch sechs Jahre bis 1982 im Gefängnis gesessen hatte."

Adoptivkinder kamen zu besonders systemnahen Eltern

Einem Schatten gleich lasten die Entscheidungen der DDR-Jugendämter noch immer auf einigen Leben. Adoption, so Katrin Behr, sei nun mal immer "ein Lebensthema" – jeden beschäftige irgendwann die Frage, woher er komme und was ihn ausmache. An sie würden sich Menschen mit zwanzig wie mit fünfzig Jahren wenden. Manche erfahren irgendwann von ihrer Adoption. Andere finden nach dem Ableben ihrer Mütter und Väter passende Unterlagen oder Hinweise auf Brüder und Schwestern, die zur Adoption freigegeben wurden, und begeben sich auf die Suche.

Diese ist Katrin Behr zufolge auch gut zweiundzwanzig Jahre nach dem Untergang des Staats meistens schwierig. Nicht in jedem Fall gäben Jugendämter Hilfe und Unterstützung – zumal in einigen Behörden noch Menschen beschäftigt seien, die zu Zeiten der DDR Zwangsadoptionen ermöglicht haben. Gewiss habe es auch in der DDR Situationen gegeben, "wo man zum Schutz des Kindes was machen musste", so Behr. Und "zu DDR-Zeiten ging es schneller mit dem Herausnehmen von Kindern aus der Familie", meint sie.

Damit anschließend alles im Sinne der Ausbildung einer sozialistischen Persönlichkeit ablief, wurden Kinder aus Heimen besonders gern zu systemnahen Eltern gegeben – Polizisten, Stasioffizieren, Parteifunktionären, Lehrern. Katrin Behr verbindet damit das Erleben einer gewissen Kälte in der Kindererziehung – eine Kälte, die für sie Teil der DDR ist.

Beratungsstelle für Opfer von Zwangsadoptionen in der DDR

Ruschestraße 103, Haus 1, 6. Etage. Zi. 609
10365 Berlin

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Quelle: QIEZ
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