• Dienstag, 06. März 2012

Lichtenberg kommt

Grünes Land hinterm Ostkreuz

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  • Rummelsburger Bucht
    Lichtenberg galt lange als zwielichtiges Terrain. Heute lässt der Name des Bezirks eher an die Rummelsburger Bucht als an Nazis und Stasi denken. Foto: QIEZ
  • Rummelsburger Bucht
    Die Rummelsburger Bucht gilt als Goldküste, der Bezirk Lichtenberg ist nahezu durchsaniert. Foto: QIEZ - ©QIEZ
  • Rummelsburger Bucht
    Ein langer Spazierweg führt die Lichtenberger parallel zum Ufer an der Rummelsburger Bucht entlang. 2009 verzeichneten der Bezirk mit 9,5 Millionen Euro den größten Haushaltsüberschuss Berlins. Foto: QIEZ - ©QIEZ

Wer früher Lichtenberg hörte, dachte an Nazis und Stasi. Die Stigmata sind nicht vergessen, doch sie verblassen merklich. Lichtenberg blüht auf. Junge Familien schätzen die ruhige Wohngegend, und Kreative sind auch schon da.

In die hat sich Kosta "total verliebt". Diese Kurve im Kopfsteinpflaster, die am Rand des Kaskelkiezes den Radfahrer in eine elegante Schräglage zwingt. Wer die Kurve nicht kriegt, landet im luftigen Café "Nadja und Kosta", das Ende Februar 2012 eröffnet wurde, um den Zuziehenden das Gefühl zu geben, richtig anzukommen im Berliner Bezirk Lichtenberg.

Lichtenberg? Da, wo der Ostwind um den Plattenbau saust, der rechte Mob patrouilliert und gar nicht schmale Autoschneisen alles Lebendige fernhalten? "Platte, Nazis, Stasi, das stand immer sofort im Raum", so Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich (Linke). Sie spricht von vergangenen Zeiten, die Klischees weichen allmählich auf.

Nahezu durchsanierter Bezirk

Lichtenberg, das Land jenseits des Ostkreuzes, bekannter Rückzugsort des Prekariats, meldet starken Zulauf aus dem Mittelstand. Die Immobilienunternehmen haben den Bezirk entdeckt. Es begann mit der "Goldküste" an der Rummelsburger Bucht, später bevölkerten die Eigenheimer Karlshorst, nun wird das Hinterland neu besiedelt. In einer Hohenschönhausener Schokoladenfabrik unter Denkmalschutz werden Lofts gebaut und verkauft. Selbst die Plattenbauquartiere mit dem einst zweifelhaften Ruf funktionieren immer besser. "Die Leerstand-Quote liegt unter zwei Prozent", so Howoge-Sprecherin Angela Reute. Und die Mieten im Bezirk steigen. Lichtenberg ist – entgegen einigen Bezirken im Westen – "nahezu durchsaniert", sagt Emmrich. Hier definiert man sich als "energetischer Modellbezirk", arbeitet an einem Konzept zum Klimaschutz.

Dieser Imagewandel ist zum Teil das Ergebnis einer Image-AG, die nun schon drei Jahre lang daran arbeitet, die Lichtseiten des Bezirks bekannt zu machen und zu zeigen, "dass hier nicht nur arme Leute wohnen" (Emmrich). Die Armen, die hier leben, wurden übrigens so erfolgreich integriert, dass die Umstände bisher nicht mal schlecht genug für ein Quartiersmanagement-Gebiet waren.

Berliner Rekord in Sachen Haushaltsüberschuss

Als Lichtseite Lichtenbergs gilt der Kaskelkiez gleich hinterm Ostkreuz, mit Graveur und Buchhandlung, mit Gründerzeit-Stuckfassaden ganz wie in Friedrichshain oder Prenzlauer Berg. Die Kneipen heißen "Jas", "Jelängerjelieber" oder "Fidél" und kommen noch mit einer überschaubaren Anzahl an Tischen auf dem Gehweg aus. Dort trifft der Besucher auf Leute wie den 29-jährigen Marcel Wöhler mit seinem neun Monate alten Sohn Lian, Zuzügler aus Marzahn, wegen der hübschen Wohnung mit begrüntem Hinterhof. Wöhler ist Dachdecker, findet seine neue Nachbarschaft mit ihren Studenten und Freiberuflern "ziemlich locker" und weiß die Ruhe zu schätzen.

Eine lärmende Simon-Dach-Straße gibt es hier nicht, auch keinen aufgebrezelten Kollwitzplatz und keinen Catwalk Kastanienallee. Lichtenberger brauchen keinen Porsche, wie die berühmteste Lichtenbergerin, Gesine Lötzsch, Vorsitzende der Linken, klarstellte, und arbeiten lieber im Stillen. Das Ergebnis ist ein Haushaltsüberschuss für 2009 von 9,5 Millionen Euro – Berliner Rekord. "Das war eine Hauruckaktion, um die Altschulden abzubauen", so Emmrich. Bürgervereine und -stiftungen wurden gegründet, um gegen den Abstieg von Kiezen und die Aufmarschpläne von Rechten zu kämpfen. Problematiken wie Verwahrlosung von Jugendlichen, Arbeitslosigkeit und Gewalt in den Familien sind nicht verschwunden, doch sie dominieren nicht mehr die Diskussionen.

Großflächiger Natur- und Landschaftsschutz

Die 260.000 Einwohner des Bezirks verdienten 2011 ein Durchschnittsgehalt von 975 Euro netto pro Monat. Damit belegten sie im Ranking der Bezirke zusammen mit den Reinickendorfern den sechsten Platz, vor Spandau, Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Neukölln. Auch Lichtenbergs Erwerbslosenzahl hielt sich mit 10,8 Prozent im guten Mittelfeld.

Mitten in Lichtenberg wird derzeit ein großer Landschaftspark angelegt, 100 Hektar ist er groß, erst kürzlich wurde er als "ausgewählter Ort" von der Bundesinitiative "Land der Ideen" ausgezeichnet. "Vorher gab es hier vor allem Müll, große Brachen, leer stehende Gebäude und überall Barrieren", sagt Karlheinz Riedel, der Vorsitzende des "Fördervereins Landschaftspark Herzberge". Inzwischen weiden 80 Schafe auf offenen Wiesen, Knoblauchkröten und Habichte haben das Areal für sich entdeckt. "Das zieht schon ein bisschen die Leute an." Etwa 150 Hektar der Bezirksfläche stehen unter Natur- bzw. Landschaftsschutz. Modernisierte Plattenbauten wurden hier als Eigentumswohnungen an Familien aus Westdeutschland verkauft.

Kreative entdecken günstige Mieten

Mitten in den Wohntürmen des Viertels in Tierpark-Nähe, einem armen und überalterten Kiez, haben sich 2005 die "Heikonauten" niedergelassen, eine Gruppe von Fotografen, Modeschöpfern und Designern. Der Bezirk überzeugte sie mit der günstigen Miete für eine abrissreife Kita im Plattenbau. Die Kreativen kehrten ihrer gewohnten Sphäre den Rücken. "Hier ist alles ganz ruhig, nicht so reizüberflutet", so Grafikerin Karin Steger. Das sei der Arbeitskonzentration förderlich.

Janine Wagner, eine Mutter und Erzieherin, mag die Ruhe und das viele Grün, wünscht sich aber mehr Spielplätze, die nicht von Trinkern blockiert sind, und mehr Kneipen, in denen nicht immer dieselben Gesichter die Eintretenden anschauen. Wenn sie manchmal ausgeht, um "andere Leute zu sehen", macht sie sich auf den Weg nach Friedrichshain.

Lichtenberg

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Quelle: Der Tagesspiegel
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