Seit heute Morgen stehen die Türen der denkmalgeschützten Gründerzeitvilla in der Fasanenstraße 23 wieder offen – nach insgesamt 27 Monaten Bauarbeiten. Das Literaturhaus Berlin feiert seine Rückkehr mit einem dreitägigen Festprogramm bei freiem Eintritt, das noch bis Samstag läuft. Gleichzeitig begeht die Institution, die 1986 als erstes Literaturhaus Deutschlands eröffnete, ihr 40-jähriges Jubiläum.
Qiez zu Google hinzufügenIm Juni 2024 musste das Haus in Charlottenburg für die Sanierung schließen. Sechs Millionen Euro flossen seitdem in die Modernisierung der Villa, die zusammen mit der benachbarten Villa Grisebach seit 1980 unter Denkmalschutz steht. Herzstück der Erneuerung: ein barrierefreier Zugang durch einen neuen Fahrstuhl im Innenhof. „Wir wurden vermisst“, so Leiterin Sonja Longolius. Dass die Sehnsucht groß ist, zeigt sich daran, dass die erste reguläre Lesung mit Eva Menasse am 6. Oktober bereits ausverkauft ist.
Sechs Millionen Euro und neun Monate Verspätung
Verantwortlich für die Bauarbeiten an der denkmalgeschützten Villa war die Berliner Immobilien Management GmbH (BIM). Statt der geplanten 18 Monate zogen sich die Arbeiten über 27 Monate hin. „Zuerst passierte lange gar nichts und jetzt passiert sehr schnell sehr viel“, fasst Leiterin Janika Gelinek das Baustellenmanagement zusammen, wie der „Tagesspiegel“ berichtet.
Insgesamt investierten BIM und Kulturverwaltung sechs Millionen Euro. Neben der längst überfälligen Strangsanierung und einem neuen einheitlichen Toilettenbereich war der Einbau eines Fahrstuhls das aufwendigste Vorhaben – der Denkmalschutz machte die Sache kompliziert. Die Lösung: ein verglastes Atrium im Innenhof, in dem der silbern glänzende Lift zwei Etagen erschließt und über den Garten erreichbar ist. Dort soll auch ein historischer Brunnen wieder in Betrieb gehen.
„Wir haben enormen Druck gemacht. Und auch die Nachbarn in der Straße haben Druck gemacht, dass dieser Ort wieder erblüht“, berichtet Longolius. Bereits im Juli war das elfköpfige Team zurück ins Haus gezogen – mitten auf die Rohbaustelle.
Sekt, Cello und ein verschwundener Elefant
Das Festprogramm startete am gestrigen Donnerstag um 17 Uhr mit Cellomusik im Garten – vier italienische Cellistinnen brachten das gesamte Haus zum Klingen. Um 18 Uhr wurde eine Ausstellung zur Geschichte des Hauses in neuneinhalb Objekten eröffnet, bevor die drei Literaturhaus-Chefinnen Britta Jürgs, Janika Gelinek und Sonja Longolius eine halbe Stunde später offiziell die Gäste begrüßten. Aus der Politik waren Kulturstaatssekretär Alexander Straßmeir und Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey zugegen.
Anschließend lief der neue Dokumentarfilm von Dorothea Nölle über die Hausgeschichte und die zweijährige Wanderschaft durch Berlins Kulturinstitutionen. Schauspielerin Vidina Popov begab sich derweil in einem Bühnenmonolog auf die Suche nach dem verschollenen Hausmaskottchen – einem kleinen weißen Elefanten namens Berolina. Danach wurde bei Sekt und Musik bis in die Nacht gefeiert.
Mut, Saalschlacht und die Frage der Wiedervereinigung
Am heutigen Freitag und morgen am Tag der Deutschen Einheit wird das Programm politisch. Unter dem Motto „Mut und Ungehorsam“ laden die Radikalen Töchter vormittags zu „Mut-Muskel-Workshops“ ein, in denen demokratisches Handwerkszeug vermittelt wird. Parallel bietet das Junge Literaturhaus Lesungen und einen Philosophieworkshop zu Mut und Hoffnung an.
Am Abend steht gemeinsam mit dem PEN Berlin die Frage „Wie viel Mut ist zumutbar?“ im Mittelpunkt – vier Autorinnen und Autoren aus dem Exil berichten von ihren Erfahrungen in Serbien, dem Südsudan, Russland und der Türkei. Danach sollen beim Diskussionsformat Saalschlacht unter dem Titel „Wehret den Wählern“ Podium und Publikum rhetorisch aufeinander losgehen. Am Samstag diskutieren Jana Hensel, Paula Fürstenberg und Lukas Rietzschel über die „Niewiedervereinigung“ – passend zum Feiertag ein bewusst vielstimmiger Blick auf ostdeutsche Perspektiven.
Zwei Jahre auf Tour: 15.000 Besucher an 80 Orten
Während der Sanierungszeit blieb das Literaturhaus keineswegs untätig. Unter dem Titel „Li-Be für die Stadt“ tingelte das Team durch ganz Berlin – von Bars über den Hamburger Bahnhof und die Volksbühne bis hin zu einem Zirkuszelt auf dem Tempelhofer Feld. Mehr als 200 Veranstaltungen an über 80 Spielstätten und rund 15.000 Besucherinnen und Besucher zählt die Bilanz.
Besonders stolz sind die Leiterinnen auf die Erschließung neuer Zielgruppen. Bei einer Gedenkveranstaltung zur Bücherverbrennung im Kreuzberger Club SO 36 trugen Rapperinnen Lyrik von Mascha Kaléko bis Bertolt Brecht vor. „Wir haben es geschafft, ein sehr junges Publikum mit Gedichten in Berührung zu bringen, die sie zuvor nie gehört haben – das war cool“, so Longolius. In der Charlottenburger Villa hatte Vergleichbares nie funktioniert.
Buchhandlung ja, Café erst im November
Gemeinsam mit dem Literaturhaus öffnet auch die Buchhandlung Kohlhaas im Souterrain wieder ihre Türen – auch wenn die Regale kurz vor der Eröffnung noch nicht vollständig eingeräumt waren. Das beliebte Café Wintergarten lässt dagegen auf sich warten: Wegen Verzögerungen beim Kücheneinbau soll es erst im November den Betrieb aufnehmen.
Neu im Programm ist die Reihe „Kamins Zimmer“, die ab dem 15. Oktober donnerstagabends im Erdgeschoss stattfindet. Dort können junge Autorinnen und Autoren aus noch unveröffentlichten Manuskripten lesen – kuratiert von Hannes Müller. „Das soll ein neuer Ort werden, wo Leute keine Hürde spüren, reinzukommen“, erklärt Longolius das Konzept.






